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Horst Köhler: Barackenkind im Schloss Bellevue

Am Ende einer ungewöhnlichen Karriere will Flüchtlingssohn Horst Köhler Bundespräsident werden. Besuch bei einem Unberechenbaren.

Es war ein schöner Tag zum Abschiednehmen. Eine Woche lang hatte es geregnet, nun riss die Wolkendecke auf, und über Washington D. C. breitete sich ein blauer Himmel aus. Die Luft war lau, das Thermometer kletterte auf 20 Grad, und Horst Köhler wollte ein letztes Mal seine Lieblingsstrecke am Potomac abwandern, hinauf zu den Great Falls, den Wasserfällen, wo er so gut abschalten kann.

Der Mann in der Zwischenzeit, nicht mehr Direktor und noch nicht Präsident, steigt hinauf in den zweiten Stock des dunkelroten Backsteinhauses, das er nach seiner Ernennung zum Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) im feinen Observatoriumsviertel gekauft hat. Er will den Anzug gegen etwas Bequemes tauschen. Nach ein paar Minuten ruft er von oben: "Eva, wo sind die Pullover?"

"Wie ist die Stimmung in Deutschland?"

Wenig später sitzen die Köhlers in ihrem silbernen Mercedes Offroader. Sie fährt, er reguliert die Klimaanlage. "Wie ist die Stimmung in Deutschland?", fragt er. Nach sechs Jahren in London und Washington versucht er, den Anschluss wiederzufinden, zu ergründen, was in der Heimat, die er künftig repräsentieren soll, gedacht und gefühlt wird.

Am "Old Angler's Inn" eingangs des Nationalparks marschiert Horst Köhler zielstrebig auf die Terrasse: "Wir sind Draußensitzer." Er ordert Lammrücken mit grünem Spargel und ein Glas Merlot. Nervös, Herr Kandidat? Er lehnt sich zurück in den Gartenstuhl und sagt: "Ich bin ganz relaxed."

Am Sonntag wird Horst Köhler, 61, CDU-Mitglied seit 1981, aller Wahrscheinlichkeit nach zum neunten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt. Er wäre der erste Volkswirt in diesem Amt und der Erste, der keine klassische Politikerlaufbahn hinter sich hat. Ein Experiment.

Der Überraschungskandidat war weit weniger erstaunt

Der Überraschungskandidat ("Ich wollte dann auch nicht nein sagen") war offenkundig weit weniger erstaunt über seine Nominierung als der Rest der Welt, der sich mit "Bild" fragte: "Horst wer?" und rätselte: Kann der das? Hat er die Klasse? Solche Zweifel plagen Köhler nicht. "Attempto", zitiert er einen alten Pilger-Wahlspruch. "Ich wag's." Als er am 4. März nachts um zwei Uhr Ortszeit Angela Merkel am Telefon sein Jawort gab, war ihm allerdings noch nicht so recht klar, dass damit sein mit jährlich 400 000 steuerfreien Dollars dotiertes Engagement beim IWF unwiderruflich beendet sein würde. Am Morgen danach fand er auf dem Schreibtisch in seinem turnhallengroßen Büro einen Vermerk der Hausjuristen: Herr Köhler, Sie müssen sofort zurücktreten.

Er strahlt ein schier unerschütterliches Vertrauen in seine Fähigkeiten aus. "Bei der Beurteilung der eigenen Leistung ist er durchaus selbstbewusst", sagt sein früherer Chef Theo Waigel diplomatisch-ironisch. Nur manchmal merkt man Horst Köhler an, dass er doch ein wenig staunt über die ungewöhnliche Karriere, die ihn aus den Flüchtlingsbaracken der Nachkriegszeit an die Spitze des Staates führte: "Ich denke immer: Was kommt denn noch?"

Aufdrängen musste er sich nie, immer wurde er gerufen, parteiübergreifend. Finanzminister Waigel machte ihn 1990 zum Staatssekretär, Helmut Kohl schickte ihn 1998 zur Osteuropabank nach London, Gerhard Schröder zwei Jahre darauf zum IWF. Irgendwie ist ihm sein Aufstieg einfach ein bisschen passiert. Das Lamm im "Old Angler's Inn" duftet nach Rosmarin. Vielleicht, philosophiert Köhler beim Essen, vielleicht war es gut, dass er auf fast allen Stationen die ersten Monate Strohwitwer war. Weil die Familie weit entfernt wohnte und abends niemand auf ihn wartete, konnte er hemmungslos ranklotzen. "Du verdirbst die Preise", meckerten schon die Kollegen in der Grundsatzabteilung des Wirtschaftsministeriums den arbeitswütigen Jungbeamten an.

Der spätere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer entdeckte den Referenten K.

Eines Nachts, erzählt Köhler durchaus stolz, saß er um zwei Uhr im Büro und brütete über einem Zukunftsinvestitionsprogramm für Kanzler Schmidt ("Den Auftrag habe ich gekriegt, weil ich garantiert keinen Journalisten kannte und nichts durchstechen würde"), da stand plötzlich ein Mann in der Tür: "Wer sind Sie denn?" - "Horst Köhler. Und Sie?" - "Tietmeyer." So entdeckte der Abteilungsleiter und spätere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer den Referenten K.

Dem Spitzenbeamten Köhler war später nichts so sehr verhasst wie beamtenhaftes Verhalten seiner Untergebenen. "Phlegma" und "Mangel an Ehrgeiz" brachten ihn zur Raserei. "Ja, ungeduldig" sei er schon, sagt Köhler, aber das Loch, das er aus Wut mit einem Aschenbecher in eine Tür des Finanzministeriums geworfen haben soll, "das müssen Sie mir erst mal zeigen".

Er gibt aber zu, dass vor allem 1990 Ausnahmezustand herrschte, als deutsche Einheit, der Abzug der russischen Truppen und Europäische Währungsunion parallel verhandelt werden mussten. Die Last hatte zum großen Teil Köhler zu schultern. Waigels Büroleiterin Ida Aschenbrenner sorgte sich schon um die Gesundheit des Überlasteten: "Manchmal haben wir versucht, ihn nach Hause zu schicken."

Die beiden kennen sich seit mehr als 40 Jahren

Einen Cappuccino im "Old Angler's Inn" nimmt er noch, dann drängt Horst Köhler zum Aufbruch. Es ist inzwischen so warm geworden, dass er seine Barbourjacke in den Kofferraum packt. Er will auf der Abschiedstour noch einmal "den raueren Weg" nehmen, der über Felsen hinweg am Strom entlang führt. "Eva, gehst du mit?" Die beiden kennen sich seit mehr als 40 Jahren. Sie war eine Freundin seiner kleinen Schwester Ursula, vier Jahre jünger als er, zu jung für ihn, wie er fand. Bis sie getrennt den Ingmar-Bergman-Film "Das siebte Siegel" besuchten, er nach der Vorstellung unter ihren Regenschirm flüchtete und sie ihn mit einem "hochgeistigen Gespräch" über Eduard Spranger beeindruckte . Köhler besorgte sich ein Buch des Philosophen und Pädagogen und las es, "darüber haben wir uns dann drei, vier Monate unterhalten". Es folgten viele lange Spaziergänge im Ludwigsburger Schlossgarten, "wir hatten ja kein Auto".

Sie heirateten 1969, nachdem sie ihr Studium beendet hatten. Der Volkswirt und die Pädagogin, die vor allem an Sonderschulen unterrichtete, scheinen auch nach bald 35 Jahren Ehe in einer symbiotischen Beziehung zu leben. Sie hat ihn vorbehaltlos unterstützt in seiner Karriere, ist ihm immer hinterhergezogen - Bonn, Kiel, Bonn, London, Washington und nun Berlin -, hat sich als Quasi-Alleinerziehende um die beiden Kinder gekümmert, ist trotzdem nie zur Kontrolle im Büro aufgekreuzt wie andere Gattinnen. "Ich hab immer gewusst, wofür er so viel Zeit braucht." Sie hat den IWF-Chef auf vielen Reisen begleitet, hält per E-Mail und Weihnachtskarten die Kontakte zu alten Freunden. Und sie hat ihn immer wieder geerdet, ihm die Meinung gesagt.

Eva Köhler, die 1990 nach einer längeren Phase der Entfremdung aus der SPD austrat, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie die Rolle der First Lady sehr offensiv interpretieren würde, eher Hillu als Hannelore. Sie scheut sich nicht, den Präsidentschaftskandidaten öffentlich zur feministischen Ordnung zu rufen. Als Horst Köhler vor Studenten in Tübingen die Wirtschaft auffordert, mehr dafür zu tun, dass Frauen Beruf, Kinder und Familie besser unter einen Hut bringen können, schreibt sie fix auf einen Zettel "Und Männer!" und hält ihn hoch. Gelächter. Köhler sagt ein wenig kleinlaut, aber stolz: "Ich schließe mich meiner Frau an."

Im Teenageralter erkrankte Tochter Ulrike an einem Augenleiden

In seiner Familie erfuhr der Mann, der so sehr an das Machbare glaubt (Theo Waigel: "Das geht nicht - den Satz habe ich von Horst Köhler nie gehört"), dass es auch Dinge gibt, gegen die sich eben nichts ausrichten lässt. Im Teenageralter erkrankte Tochter Ulrike am Augenleiden "Retinopathia pigmentosa", Jahr für Jahr sah sie weniger. Köhler mochte sich nicht damit abfinden, dass das Kind erblinden würde. Schließlich fuhren sie in eine Spezialklinik nach Boston, er kehrte allerdings vorzeitig nach Deutschland zurück, er war gerade zum Finanzstaatssekretär befördert worden. Zwei Stunden vor der offiziellen Amtsübergabe rief seine Frau aus den USA an und sagte ihm, die Krankheit sei unheilbar. "Und ich musste runtergehen und meine Rede halten. Das war das Härteste, was ich erlebt habe."

Um sich mehr um das Mädchen kümmern zu können und seine Frau etwas zu entlasten, machte Horst Köhler 1993 einen Seitenschritt auf seinem Weg nach oben. Er wechselte als Präsident zum Sparkassen- und Giroverband. Neben der Zeit spielte auch das höhere Salär eine Rolle - er wollte dafür sorgen, dass seine Tochter "hoffentlich einigermaßen sorgenfrei leben kann, wenn wir nicht mehr da sind". Inzwischen studiert Ulrike Köhler, 31, in Frankfurt Italienisch, Englisch und Germanistik - sie war für ihren Vater so etwas wie die letzte Instanz in der Präsidentenfrage. Als sie am Telefon sagte: Mach es, da "war die Klappe gefallen".

Horst Köhler ist ein flotter Marschierer, er geht voran auf dem Weg zu den Wasserfällen, klettert über Felsbrocken, Abhänge, umgestürzte Baumstämme. Auch als entgegenkommende Wanderer warnen, weiter oben sei der Weg wegen Hochwassers nicht passierbar, will Köhler nicht aufgeben. Auf einer Anhöhe geht es nicht mehr weiter. Köhler strahlt trotzdem. Er hat wenigstens versucht, den raueren Weg zu schaffen. Und der Ausblick auf den dahinbrausenden Potomac ist berauschend. Köhler liebt die Naturgewalt. Er braucht starke Reize, damit er abschalten kann. In Washington hat er es mal mit Golf probiert, der IWF hat einen eigenen Platz, aber dabei kann er nicht richtig entspannen. Zu gemächlich. Er will sich beim Sport verausgaben, gefordert werden. Früher hat er Fußball gespielt und Tennis, ist geritten. Inzwischen joggt er und läuft Ski. Die Abfahrten will er sich auch als Bundespräsident nicht nehmen lassen. Und die Sicherheit? Muss eben mit die Hänge runterbrettern. Geht nicht, gibt's nicht.

"Alles Leben ist Problemlösen"

Zum 60. Geburtstag hat ihm Sohn Jochen, 26 und angehender Volkswirt, ein Album mit typischen Köhlers geschenkt, den klassischen Sprüchen des fast grenzenlos optimistischen Vaters. Einer lautet: "Wenn man denkt, es geht nicht mehr, hat man immer noch zwei Drittel seiner Kräfte." Ein anderer: "Alles Leben ist Problemlösen."

Wahrscheinlich muss einer so werden, der sich als doppeltes Flüchtlingskind durchgeboxt hat. Geboren 1943 im ostpolnischen Skierbieszów als siebtes von acht Kindern einer armen Bauernfamilie aus Bessarabien (dem heutigen Moldawien), die von den Nazis zur "Germanisierung" ins Generalgouvernement Polen geholt worden war. "Zur Ansiedlung vorgeschlagen am: 11. 10. 1941; an: Lublin 27. 8. 42" steht auf der Karteikarte der "Einwandererzentralstelle Litzmannstadt". Akribisch sind die wenigen Besitztümer im Herkunftsort Rischkanowka aufgelistet: "2 Pferde, 1 Rindvieh, 2 Schweine. Pflug, Egge."

Köhler sieht seine Familie zwar als von den Nazis herumgeschubste Opfer, gesteht aber ein, es sei "wohl kein Zufall", dass er Horst (nach Horst Wessel) genannt worden ist und einer seiner Brüder Adolf. Genau, sagt er, wisse er es nicht. Bei den Köhlers wurde über die NS-Zeit geschwiegen wie in den meisten deutschen Familien.

1944 floh Mutter Elisa Köhler mit den jüngeren Kindern

Die SS hatte Skierbieszów brutal für die Umsiedler geräumt, die Bewohner zur Zwangsarbeit verfrachtet oder nach Auschwitz deportiert. Mutter Elisa Köhler schlief in Kleidern aus Furcht vor Angriffen polnischer Partisanen. Im Frühjahr 1944 floh sie mit den jüngeren Kindern vor der anrückenden Roten Armee, die Wehrmacht brannte Skierbieszów nieder. "Zum Glück haben wir das alle überlebt", sagt Köhlers älterer Bruder Eduard.

Nach Aufenthalten in diversen Lagern landete die Familie in Markkleeberg bei Leipzig. "Horschte" verlebte dort eine unbeschwerte Kindheit und avancierte zum Schwarm der Mädchen. "Er war ein kleiner, hübscher Kerl", erinnert sich Mitschülerin Hannelore Wehner. Die Mutter, stramme Antikommunistin, war dagegen kreuzunglücklich. Sie verbarg das nicht. Aus den blauen Halstüchern der Jungen Pioniere nähte sie Badehosen, in denen ihr Nachwuchs schwimmen ging. "Badehosen-Demonstration", nennt Horst Köhler das heute.

Als ihr Mann über Weihnachten 1952 in Untersuchungshaft kam, weil er ein Schwein schwarz "mit der Milchflasche" aufgezogen und geschlachtet hatte, reichte es Elisa Köhler. Sie bereitete die Flucht in den Westen vor. Den Kindern wurde der Plan verheimlicht, damit sie sich nicht verplapperten. Ostern 1953 war es soweit. Zur Tarnung wanderte sogar ein Hasenbraten in die Röhre, "den hat keiner gegessen". Mit dem Zug ging es nach Berlin und dort per S-Bahn in den Westteil. Von dort wurden die Flüchtlinge in die Bundesrepublik ausgeflogen.

Die fünf Köhlers lebten viereinhalb Jahre in einem Zimmer

Wieder begann das Lagerleben, erst in Backnang, dann in Ludwigsburg. In der Jägerhofkaserne lebten die fünf Köhlers viereinhalb Jahre in einem Zimmer, ein Militärbett diente als Couch. Immerhin, Horst Köhler, das Lieblingskind der Mutter, die ihn "Guter" rief, durfte dank der Förderung seines Grundschullehrers Balle ("Das war ein Glücksfall für mein Leben") aufs Mörike-Gymnasium. Dort war das Arbeiter- und Flüchtlingskind "zunächst wie einer, der vom Mond kommt". In dem einfachen Elternhaus gab's keine Förderung, keine Literatur, und Geld war auch nicht da, das Rad für Ausflüge musste er sich bei seinem Freund Ralf Motzer leihen, "meine erste Cola habe ich mit 18 getrunken". Trotzdem war er anerkannt, Respekt verschaffte er sich als guter Sportler und als "Kämpfertyp" (Motzer).

Der später so Zielstrebige sieht sich rückblickend als eher "wechselhaften Schüler". Klassenkameraden erinnern sich durchaus noch an die Bitte des "eher faulen Kerle: "Lass mich abschreiben, du Schwein"." Bei einer Erörterung über Fanatismus verteidigte Köhler den algerischen Befreiungskampf und die Anschläge auf die französischen Kolonialherren. Dafür kassierte er eine Fünf. Mitschülern galt er, der mit den Lehrern häufig über soziale Themen debattierte, als einer "mit gewissem Linksdrall".

Köhler hält das heute für ein riesiges Missverständnis: "Links war ich nie." Ordnungspolitisch sei er stets konservativ gewesen, "aber für das Soziale hatte ich immer eine Ader". Er kennt die Buntscheckigkeit des Lebens aus der eigenen Familie. Ein Bruder lebt von Sozialhilfe und "lässt sich leider nicht helfen", Sohn Jochen wurde bereits mit 17 Jahren Vater.

Seine eigene soziale Frage durch Leistung und Aufstieg gelöst

Seine eigene soziale Frage hat Horst Köhler durch Leistung und Aufstieg gelöst. Bei der Bundeswehr verpflichtete er sich für zwei Jahre, denn dann gab es am Ende der Dienstzeit ein ordentliches Entlassungsgeld. Um das Studium zu finanzieren, sammelte er Altkleider, malochte auf dem Bau und als Verputzer, "das war eine Plackerei". Noch keine 30 Jahre, baute der angelernte Schwabe trotz enger Mittel und "zweier linker Hände" (sein damaliger Chor-Bruder Wilfried Ensinger) ein Haus im Dorf Mönchberg, wohl der Nestbaureflex des Baracken-Kindes. "Wir haben nie über unsere Verhältnisse gelebt", sagt Köhler. Allerdings wurden die Verhältnisse auch immer besser.

Der Abschiedsausflug zu den Great Falls ist nach fünf Stunden beendet. Zu Hause sinkt Horst Köhler zufrieden erschöpft und mit einem leichten Sonnenbrand auf der Stirn ins hellbeige Sofa, seine Frau reicht Cola Light und Pralinés. Vor dem Kamin steht "Il Grande Trovatore", eine versilberte Bronzeskulptur des italienischen Künstlers Giorgio de Chirico. Einige zehntausend Mark hat Köhler Mitte der neunziger Jahre dafür gezahlt, sein bislang größter "Lustkauf". Er hat ihn nie bereut.

An allen Wänden hängt moderne Kunst, Originale und Drucke. Beraten lässt Köhler sich bei den Käufen von dem Flörsheimer Künstler Reinhard Roy, dem er 1983 half, die DDR verlassen zu können. Der Regime-Gegner hatte Köhler und dessen damaligem Chef, Bundesfinanzminister Gerhard Stoltenberg, im Ost-Berliner Palast-Hotel ein Kassiber übergeben - und wurde prompt inhaftiert. Wenige Wochen später kaufte ihn die Bundesregierung frei. Seither sind die beiden befreundet. "Ich versuche, überall die Kultur aufzunehmen", sagt Köhler. "Reinhard hält mich auf dem Laufenden."

Der Abend wird geplant. Noch ein Abschiedsdinner im Watergate-Hotel: "Fast ist es mir peinlich, wie die mich hier loben." Der Fahrer wird instruiert, Köhler um 19.25 Uhr abzuholen, fünf Minuten vor Beginn. "Der Chef kommt nicht gern zu früh", sagt sein Bodyguard Clive.

"Das wird kein präsidialer Präsident"

Kann man wohl sagen. Als Theo Waigel in Berlin seinen 65. Geburtstag feiert, müssen die Gäste gut 20 Minuten auf den Laudator Köhler warten - darunter die CDU-Chefin, der bayerische Ministerpräsident und Altkanzler Kohl, der früher unbequeme Argumente seines Wirtschaftsberaters ("Sherpa") Köhler einfach überschwieg. "Das wird kein präsidialer Präsident", ahnt Waigel.

Der Kandidat selbst bekennt: "Meiner Natur nach bin ich kein Zeremonienmeister." Dennoch möchte er als Staatsoberhaupt das geliebte Land und dessen nationale Symbole schon vorzeigen, und zwar etwas "unbefangener". "Deutschland kann gut mehr Repräsentation gebrauchen", sagt er.

Was für ein Präsident er zu werden gedenkt, darüber hat Köhler die Deutschen ansonsten weitgehend im Unklaren gelassen. Er absolvierte kaum öffentliche Auftritte, Diskussionen mit Gegenkandidatin Gesine Schwan lehnte er ab, die Interviews zeichneten sich durch abgedroschene Reformrhetorik aus ("Wir brauchen eine wirklich tiefgreifende Erneuerung"). Bloß nicht anecken, lautete die Devise seiner Berater; nur nicht mit unbedachten Äußerungen die Wahl gefährden. Konturen als Klartextredner gewann Köhler so nur bei CDU-internen Veranstaltungen, wo er etwa das Verhalten der Vereinigten Staaten im Irak entgegen der Merkel-Linie als "arrogant" geißelte. Da war wohl auch Aufgestautes aus ihm herausgebrochen, der Frust über das dominante Gebaren des IWF-Hauptanteilseigners USA, das ihm als Direktor zu schaffen gemacht hatte.

Die deutsch-deutsche Währungsunion hält Köhler für eine "Sturzgeburt"

Der Nicht-Politiker Köhler kann und will nicht verstehen, dass es Politikern so schwer fällt, Fehler zuzugeben - ob nun Bush beim Irak-Krieg oder Kohl bei der deutschen Einheit. "Auch ich habe da Fehler gemacht." Die deutsch-deutsche Währungsunion, die er maßgeblich gestaltete, hält Köhler inzwischen für eine "Sturzgeburt".

Am liebsten würde der Macher wohl auch im Präsidentenamt einfach drauflos machen, auf mehr Ehrlichkeit bei der Diagnose der deutschen Misere drängen, Regierten und Regierenden die "Tendenz zur Schönfärberei" aus- und sie zu mutigen Reformschritten antreiben. So wie im Währungsfonds, "da können Sie was bewegen". Als Bundespräsident, schwant ihm, muss er "etwas behutsamer vorgehen. Ich will kein Rambo sein". Aber mehr als nur nimmermüder Mahner wäre er schon gern; er träumt zum Beispiel davon, die "große Heuchelei" gegenüber der Dritten Welt anzuprangern: immer von Armutsbekämpfung reden, aber an Entwicklungshilfe sparen. Noch aber rätselt er, ob er das so deutlich sagen darf.

Eva und Horst Köhler stehen im Vorgarten ihres Zwanziger-Jahre-Hauses in Washington, Hand in Hand. Vor ihnen hängt das typisch amerikanische Maklerschild, auf dem sogar der kleine Pool angepriesen wird. Eva Köhler wird bald den Umzug organisieren, mal wieder. In Berlin hat sich das Paar eine Wohnung gekauft, in der Nähe des Savignyplatzes in Charlottenburg, "da ist Leben", sagt Köhler.

Und falls es am Sonntag schief geht?

Und falls es am Sonntag schief geht? "Dann wäre ich erst mal arbeitslos." Dann hätte er endlich Zeit, jene drei Bücher zu schreiben, die ihm schon lange im Kopf rumspuken, "eines über das Schicksal meiner Mutter, eines über die Liebesgeschichte mit meiner Frau und eines über internationale Finanzpolitik - das über meine Frau natürlich zuerst".

Lorenz Wolf-Doettinchem, Andreas Hoidn-Borchers / print