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Inlandspresse: "Der Medienkanzler hat nichts verlernt"

Noch sind die Memoiren von Ex-Kanzler Gerhard Schröder nicht im Handel erhältlich. Doch die Wogen schlagen bereits hoch. stern.de hat Kommentare der Inlandspresse zusammengestellt.

Hannoversche Allgemeine Zeitung

"Just an diesem Wochenende waren die Herren, denen Schröder vorwirft, mit ihren Protesten seine Kanzlerschaft mitbeendet zu haben, wieder zum Demonstrieren auf der Straße. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse macht für jedermann augenfällig, dass die Debatte müßig ist, ob Gewerkschafter Schröder gestürzt haben. Natürlich haben Jürgen Peters und Frank Bsirske daran mitgewirkt, aber heute ist klar, dass sie trotzdem nicht gewonnen haben. Wenn es damals nicht um Personen, sondern um Politik ging, dann heißt der Sieger des Kampfes Schröder. Er ist weg, seine Agenda gilt weiter."

Rhein-Neckar-Zeitung (Heidelberg)

"Dass sich Schröder immer für den Besten gehalten hat, fällt unter das Recht auf freie Meinungsäußerung. Doch der Memoirenalarm, den eine professionelle Marketing-Maschinerie inszeniert, ist von der blinden Sorte. Schröder hat mit seinem Abgang in der Politik verbrannte Erde hinterlassen und als Privatmann eine Bühne betreten, auf die ihm niemand mehr folgen kann und mag. Nie zuvor ist bei uns ein politisches Amt so effektiv zu Geld gemacht worden. Die Frage nach einem Comeback stellt sich nicht. Aber die nach der Legitimität seiner Kritik lässt sich eindeutig beantworten: Schröder hat uns und denen, die nach ihm kamen, als politischer Lehrer einfach nichts mehr zu sagen. Basta."

Der Tagesspiegel (Berlin)

"Da verklärt einer nach doch relativ kurzer Abstinenz seine Zeit selber zur Ära, beschreibt einer, wie sehr ihn immer das Staatsmännische geleitet hat. Hier gerinnt nachträglich zur Strategie, was vorher doch nicht immer eine war. Alles eine Sache der Interpretation, und wenn man die selber leisten kann - Schröder will das Geschichtsbild prägen, bevor sich die Geschichte, sprich: ihre Schreiber, ein Bild gemacht hat. Führung von vorne könnte man das nennen. Und ist es nicht genau das, was die Mehrheit der Leute inzwischen erwartet, erhofft, ersehnt 'Führung'. Hier wächst sich etwas zum Bedürfnis aus, und Schröder kommt gerade richtig."

Westfälischer Anzeiger (Hamm)

"Im maßlos übertriebenen Echo auf Schröders Memoiren stellt sich die Frage nach dem gesunden Verhältnis von Ursache und Wirkung. Auf gut 500 Seiten gönnt der Altkanzler dem geneigten Leser und vor allem sich selbst einen Blick zurück, natürlich auch im Zorn. Dabei ist politische Korrektheit nicht immer die Wurzel seines Tuns. Was also bleibt wirklich? Ein schon zu Amtszeiten durch und durch eitler Machtmensch weint einer vermeintlich besseren Zeit eine überaus lukrative Träne nach. Das kann aufschlussreich sein oder unterhaltsam, aber kein Anlass, mit zu zürnen oder zu trauern."

Mannheimer Morgen

"'Don Testosteron' ist wieder da! Als wäre er nie weggewesen. So rigoros, wie Gerhard Schröder am Wahlabend 2005 den Begriff Elefantenrunde mit ungeahntem Leben füllte und Angela Merkel abkanzelte, so startet er nun die Vermarktungsshow für seine Memoiren. Und wieder tut er sich und der SPD keinen Gefallen damit. Schröders Buch mag größtenteils frei von Kritik an Merkel sein. Aber dass er sie zwischen den Zeilen seiner Interviews als führungsschwach und orientierungslos verspottet, wird seine Wirkung nicht verfehlen. Wütend stellt sich die Union hinter ihre Regierungschefin. Auf dieselbe aggressive Art, wie Schröder Merkel nach der Wahl ins Kanzleramt verhalf, könnte er ihr nun den Verbleib darin erleichtern. Das nennt man wohl Ironie der Geschichte."

Landeszeitung (Lüneburg)

"Der einstige Medienkanzler hat nichts verlernt: Noch immer versteht es Gerhard Schröder wie kaum ein anderer, die Medien für sich einzuspannen. Diesmal geht es um breit angelegte, kostenfreie PR für seine Memoiren - und da kann sich der Altkanzler auf umfängliche Vorabdrucke bei 'Bild' und 'Spiegel' verlassen. Selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen leistete seinen Beitrag, dass sich das Schröder-Werk "Entscheidungen" schon vor dessen Erscheinen allergrößter Aufmerksamkeit erfreut. Diese Politiker-Erinnerungen aus Hannover machen indes keine Ausnahme, wenn es um eine gewisse Verklärung von Geschehnissen geht und um den Versuch, unkoordiniertes Agieren im Nachgang als gut durchdachtes Vorgehen ganz im Sinne von staatsmännischer Verantwortung und als weit blickenden Blick über den Tellerrand hinaus zu verkaufen."

Wetzlarer Neue Zeitung

"Die Gewerkschaftsführer Michael Sommer (DGB), Frank Bsirske (ver.di) und Jürgen Peters (IG Metall) haben aus der rot-grünen Zeit keine Erkenntnis gewonnen. Denn nicht nur Schröder ist gescheitert, die Gewerkschaften sind es ebenfalls. Sie haben keine ihrer Forderungen durchsetzen können. Und obwohl die Lage für die Gewerkschaften durch die bequeme Mehrheit der großen Koalition noch schwieriger geworden ist, bleiben sie in Zement gegossen auf ihren Protest-Podesten stehen. Was ist das für eine Strategie, wenn man am Ende sagen kann: Wie waren im Recht, nur bekommen haben wir es nicht?"

Lübecker Nachrichten

"Peters, Bsirske, Engelen und wie sie alle heißen hatten zu keinem Zeitpunkt ein Interesse an einer Kanzlerschaft Gerhard Schröders oder gar an deren Fortdauer nach der Gottseibeiuns Agenda 2010. Schon gar nicht durfte diese Politik erfolgreich sein, wie hätte man denn dann dagestanden mit all seinem Protest, mit all seinen Verwünschungen. Nein, Schröder und die Gewerkschaften, das ging seit Scharpings Zeiten nicht, das wollte auch keiner. Die jetzige Empörung der so genannten Arbeitnehmervertreter über die offizielle Bekanntgabe dieses vielfach belegbaren Umstands gehört in die Kategorie der gespielte Witz, lächerlich."

Südkurier (Konstanz)

"Wenn man die bereits veröffentlichten Buchpassagen zu Grunde legen darf, muss die Geschichte von Rot-Grün nicht neu geschrieben werden. Schröder schildert, was jeder weiß oder zumindest ahnte: Dass ihm Lafontaine gleichgültig ist, dass ihm Angela Merkel wenig imponiert, Wladimir Putin dagegen sehr. Aufschlussreicher ist die Schelte für SPD-Linke und Gewerkschaften. Dort sieht der Altkanzler zu Recht die Ursachen für sein Scheitern. Jetzt präsentiert er die Rechnung. Auch wenn Kurt Beck gute Miene zum bösen Spiel macht: Der SPD kann das nicht gefallen. Sie soll nach vorne schauen, während die Nation mit Schröder zurückblickt."

Ostsee-Zeitung (Rostock)

"Eigentlich schade, dass die Memoiren des Herrn Schröder, der bis vor einem Jahr deutscher Kanzler war, so diplomatisch geglättet und staatstragend abgerundet daher kommen. Wer überraschende Enthüllungen aus dem Zirkel der Macht in Deutschland erwartet hatte, wird enttäuscht. Auch die große Abrechnung mit seiner Partei hat der inzwischen zum Genossen der Gasprom-Bosse avancierte Gerhard Schröder nicht vorgenommen. Selbst Oskar Lafontaine, der Kanzler-Feind Nummer Eins, bekommt ein artiges Kompliment hinterher geworden. Die Nickligkeiten gegen die Ex-Herausforderer Edmund Stoiber und Angela Merkel, der der Polit-Macho Schröder das Kanzleramt lange nicht gönnte und wohl bis heute nicht wirklich zutraut, sind harmlos."

DPA / DPA