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Integrationsdebatte: Wer spricht hier kein Deutsch?

Ausländer sprechen zu schlecht Deutsch, sagt die Kanzlerin. Der gebürtige Iraner Kamyar Kalantar-Zadeh war zur Facharztausbildung in Nürnberg - und versuchte, mit Schwester Gabi zu reden. Doch sie brachte keinen geraden Satz heraus. Ein Leserbrief.

Ist die Integration von Ausländern in Deutschland gescheitert? Kanzlerin Angela Merkel wies in ihren jüngsten Kommentaren immer wieder darauf hin, dass Ausländer die deutsche Sprache so schlecht beherrschten. Mich wundert, dass die Kanzlerin nicht jene Ausländer erwähnt, die sehr gut Deutsch sprechen. Und es ist auch keine Rede von Deutschen, die nicht gut Deutsch sprechen.

Während meines Medizinstudiums in Bonn hat mich der rheinländische Akzent - oder besser gesagt: die rheinländische Sprachmelodie - interessiert. Von Studenten, die nicht dort geboren wurden, habe ich gelegentlich Witze über den Rheinländer gehört. Zum Beispiel: "Rheinländer raus, Ausländer rein". Es wurde mir erst später klar, dass dies auch ein Seitenhieb auf ihren Akzent war.

"I kann es net?"

Nach dem Studium habe ich für weitere zwei Jahre als Arzt im Praktikum und Assistenzarzt im Städtischen Krankenhaus der Stadt Nürnberg gearbeitet. Dort war die rheinländische Melodie kaum zu hören, dafür aber ein harter fränkischer Akzent, an den ich mich bald gewöhnte. Meine Bemühungen, besser in die mittelfränkische Gesellschaft "integriert" zu werden, führten dazu, dass ich "Grüß Gott" statt "Guten Morgen" sagte, oder "freilich" statt "natürlich". Beim täglichen Frühstück mit den Krankenschwestern auf der Station habe ich nach "Semmeln" gefragt statt nach "Brötchen". Der fränkische Akzent - besser gesagt, die fränkische Sprache und die fränkische Kultur - fand ich faszinierend.

Aber nicht alles in dieser fränkischen Klinik war fränkisch. Wir hatten ausländische Kollegen, ich war der "schwarzhaarige Arzt", unter den Patienten gab es auch viele Türken. Schwester Gabi sprach immer sehr kritisch über die türkischen Patienten. Vor allem über ihre Unfähigkeit, noch Jahre nach ihrer Einwanderung richtig Deutsch sprechen zu können. Irgendwann platzte mir der Kragen und ich sagte ihr: "Schwester Gabi, Sie leben seit 45 Jahren in Deutschland und sind nicht einmal fähig, Hochdeutsch zu sprechen. Wie erwarten Sie dann, dass es Türken noch besser können ". Selbstverständlich hat Schwester Gabi meine unfreundliche Bemerkung nicht gefallen. "I kann es net?" protestierte sie. "Freilich kann i Hochdeutsch ..." Sie wolle nur einfach nicht Hochdeutsch sprechen.

Mulitlinguale Krankenschwestern

Nach dieser Debatte beim Frühstück habe ich Schwester Gabi fast täglich aufgefordert, sie solle Hochdeutsch sprechen, damit ich meine "Vorurteile" gegenüber ihrer "sprachlichen Unfähigkeit" abbauen könne. Aber sie wollte - oder konnte - nicht Hochdeutsch sprechen. Schwester Gabi ist meiner Meinung nach nicht die einzige Deutsche, die nicht gut Deutsch sprechen kann. Während meines Lebens und Arbeitens in Mittelfranken habe ich gelernt, dass viele Deutsche nicht in der Lage sind, richtig Deutsch zu sprechen.

Zwei Jahre später bin ich nach Amerika eingewandert. Dort sprechen viele eingebürgerte Amerikaner nicht richtig Englisch. In Los Angeles betreue ich zirka 80 Dialyse-Patienten, etwa ein Drittel spricht nur Spanisch. Ich habe inzwischen etwas Spanisch gelernt, um mit ihnen zu kommunizieren. Viele Kollegen und Schwestern haben das auch getan. Für chinesisch und vietnamesisch sprechende Patienten versuchen wir sogar, Krankenschwestern einzustellen, die solche Sprachen beherrschen.

Der "schwarzhaarige Arzt"

Bei meinen Vortrags- und Geschäftsreisen nach Deutschland fällt mir auf, dass sich das Land in den vergangenen 17 Jahren verändert hat. Aber manches ist doch beim Alten geblieben. Zum Beispiel die Klagen über das schlechte Deutsch der Ausländer. Mich haben entsprechende Äußerungen von Frau Merkel massiv gestört und mich an die unangenehmen Momente meiner Frühstucksdiskussion mit Schwester Gabi erinnert. Ich weiß nicht, ob sie inzwischen Hochdeutsch spricht oder sich weiter über "sprachlich unfähige" türkische Patienten beklagt. Kann es sein, dass Kanzlerin Merkel dazu beiträgt, dass es sich Menschen wie Schwester Gabi mit ihrer Doppelmoral bequem machen?

Als "schwarzhaariger Arzt" der Nürnberger Klinik habe ich es oft erlebt, wie es sich anfühlt, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden. Frau Merkel ist in der DDR groß geworden und teilt meine Gefühle sicherlich, wenn sie als "Ossi" bezeichnet wird. Gibt es denn keinerlei positive Geschichten über die sogenannten Ausländer in Deutschland, über die eine deutsche Kanzlerin des 21. Jahrhunderts reden kann? Gibt es etwa nicht hunderttausende Ausländer in Deutschland, die die westdeutsche Sprache und Kultur sogar besser beherrschen als viele Deutsche? Kann sie nicht auch von solchen Erfolgen der Integrationen reden?

"Sie auch, Frau Müller!"

Merkels Familienministerin hat vor Kurzem von der "Deutschenfeindlichkeit" in Berliner Schulen gesprochen. Das sei "eine Art von Rassismus". Sie hat aber nicht erwähnt, dass in den meisten deutschen Schulen die Schüler mit türkischen Nachnamen von den Lehrern als "ausländische Schüler" bezeichnet werden. Viele dieser "ausländischen" Kinder sind in Deutschland geboren und sprechen fließend Hochdeutsch, wahrscheinlich viel besser als Schwester Gabi.

Ich lebe seit 17 Jahren nicht mehr in Deutschland, denke aber häufig an meine damaligen Erfahrungen zurück. Bei meinen Reisen in die alte Heimat registriere ich, dass Deutschland viel multikultureller geworden ist. Für viele Deutsche ist diese Entwicklung eher normal. Gewisse Kommentare von Frau Merkel und ihren Ministern deuten auf veraltetes Denken hin. Eine in Deutschland geborene und aufgewachsene chinesische Ärztin in Nürnberg hat mir einmal gesagt, wenn die Deutschen ihr sagen, "Frau Doktor, Sie sprechen aber sehr gut Deutsch", antworte sie: "Sie auch, Frau Müller." Ich hätte aber gesagt: "Sie aber nicht, Schwester Gabi.

Von Kamyar Kalantar-Zadeh