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Interview im "Tagesspiegel" Gauck fordert Toleranz gegenüber Querdenkern und Impfgegnern: "Wir können doch nicht alle ausgrenzen"

Joachim Gauck fordert Toleranz gegenüber Querdenkern und Impfgegnern
Von 2012 bis 2017 war Joachim Gauck der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Das zentrale Thema seiner Amtszeit war die Verteidigung von Demokratie und Freiheit.
© Wolfgang Kumm / Picture Alliance
Altbundespräsident Joachim Gauck blickt mit Sorge auf die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft während der Corona-Pandemie. In einem Interview mit dem Tagesspiegel ruft er zu mehr Toleranz auf und zu dem Mut, die eigene Blase zu verlassen.

In einem Interview mit dem "Tagesspiegel" äußerte sich der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck zu sogenannten Querdenkern und Impfgegnern und forderte mehr Toleranz. "Die Vereinzelung in den Gesellschaften des Westens nimmt zu, und auch die Abgrenzung zwischen verschiedenen Gruppen", sagte er. Und im Hinblick auf die Demonstrationen gegen die Corona-Manahmen: "Ja, das Ausmaß an Spinnerten, die Querfront von Linksaußen bis Rechtsaußen und das Esoterische, das alles schreckt ab. Aber nicht alle, die dort mitlaufen, sind eine Gefahr für die Demokratie. Wir können doch nicht alle ausgrenzen, die mit der Corona-Politik unzufrieden sind." Wer Hass und Hetze verbreite, dem müsse mit rechtsstaatlichen Mitteln entgegengetreten werden. "Aber ich möchte auch nicht, dass wir mit dem illiberalen Mittel des Verbotes einschreiten, solange jemand nicht wirklich die Demokratie gefährdet", so Gauck.

Am Wochenende versammelten sich in Berlin trotz Verbots einige Hundert Menschen zu Demonstrationen gegen die Corona-Politik. Es kam zu Festnahmen. Viele Menschen trugen Polizeiangaben zufolge keine Masken und hielten sich nicht an die Abstandsregeln.

Gauck fürchtet, dass die Polarisierung in der Gesellschaft nicht so schnell überwunden werden könne, weil Gruppenzugehörigkeit auch ein Gefühl der Sicherheit schaffe. "Jeder bleibt in seiner Blase. Um von dem polarisierenden Denken loszukommen, braucht man als Erstes den ernsthaften Entschluss, sich auch für Argumente der anderen Seite zu öffnen." 

Joachim Gauck plädiert für ein Wir-Gefühl

Es sei wichtig, nach der Pandemie ein Wir-Gefühl zu stärken. Wie schnell dieses Gefühl verloren geht, konnte man erst vor wenigen Wochen beobachten, als die Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen eine aufgeregte Debatte losstieß. Gauck distanzierte sich zwar von der Meinung der teilnehmenden Schauspieler, warnte aber davor, ihnen Demokratiegefährdung vorzuwerfen. "Das dürfen wir nicht zulassen", sagte er. "Sonst schaffen wir ein Klima, in dem die Reinen und Erleuchteten eine sanktionsbewährte Leitkultur errichten." Deshalb müsse Toleranz auch gegenüber umstrittenen unangenehmen Positionen Bestandteil einer aufgeklärten Demokratie sein.

Dabei machte Gauck deutlich, dass Toleranz nicht bedeutet, zu akzeptieren. Für ihn gäbe es auch einen Begriff der kämpferischen Toleranz. "Ich bekämpfe die AfD und ihre Ansichten", sagte er. Denn eine Toleranz für Intoleranz könne es nicht geben.

Quellen: Interview mit dem Tagesspiegel (kostenpflichtig), DPA

"Querdenken"-Kundgebung in Wiesbaden

Sehen Sie im Video: Der Verfassungsschutz hält Teile der "Querdenker"-Protestbewegung gegen die Anti-Corona-Maßnahmen für gefährlich und entschied Ende April, sie zu überwachen.

sve

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