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Demo von AfD und Pegida: "Wir haben uns total unsicher gefühlt" – sternTV Journalistin schildert Angriffe von Chemnitz

Der Samstag in Chemnitz geriet erneut zu einem Tag, an dem sich nicht alle Menschen auf der Straße sicher fühlen konnten. Nicht nur Migranten, Demonstranten und Polizisten wurden angegriffen, die Gewalt richtete sich auch gegen Journalisten.

Journalisten berichten von viel Aggressivität auf Seiten der rechten Demonstranten in Chemnitz

Journalisten berichten von viel Aggressivität auf Seiten der rechten Demonstranten in Chemnitz

Getty Images

"Lügenpresse"-Rufe, Pöbeleien, Handgreiflichkeiten, Drohungen – Journalisten wurden am Wochenende in Chemnitz erneut zur Zielscheibe der Gewalt rechter Demonstranten. Inzwischen gibt es Dutzende Berichte von Reporterinnen und Reportern, die am Rande der Versammlung von AfD und Pegida am Samstag an ihrer Arbeit gehindert oder angegriffen wurden.

Eine der Betroffenen ist sternTV-Reporterin Sophia Maier. Sie berichtet von "sicherlich zehn bis 15 Angriffen" auf sie oder ihren Kameramann im Verlauf des Tages. "Es ist quasi ständig passiert, dass wir beschimpft wurden oder Rechte nach unserer Kamera geschlagen haben."

Der drastischste Vorfall sei nach dem Ende der Demonstration geschehen. "Mein Kameramann und ich wollten noch ein paar O-Töne von Teilnehmern holen. Wir wurden sofort aggressiv beschimpft. Ein Mann stürzte sich auf meinen Kollegen. Ich habe die Situation mit dem Handy gefilmt und eine Frau hat versucht, mir das Handy zu entreißen. Glücklicherweise kam sofort die Polizei." Ein Team des Journalistenprojekts "Straßengezwitscher" filmte Teile der Situation:

Maier und ihr Team sind am Wochenende glimpflich davon gekommen, trotzdem sagt sie: "Wir haben uns total unsicher gefühlt und die Lage als wirklich gefährlich empfunden." Der Polizei will sie dennoch keinen Vorwurf machen. "Die Angriffe geschehen mitunter in Sekundbruchteilen, das kann kein Polizist der Welt verhindern. Ich finde, die Polizei hat einen guten Job gemacht und versucht, die Presse zu schützen."

Journalisten schildern Übergriffe in Chemnitz

Erfahrungen wie die der sternTV-Reporterin dokumentierten Journalistinnen und Journalisten dutzendfach in ihren Berichten oder in sozialen Netzwerken. Eine Auswahl:

  • "T-Online"-Reporter Jan-Henrik Wiebe wird geschubst und von rechten Demonstranten vertrieben:
  • Ein Demonstrant geht auf Johanna Rüdiger von der "Funke Mediengruppe" los:
  • Ein Video des MDR zeigt, wie Reporter von Teilnehmern der rechten Demo an ihrer Arbeit gehindert werden:
  • Der MDR berichtet außerdem von einem tätlichen Angriff auf einen seiner Reporter:
  • "Buzzfeed-News"-Reporterin Pascale Müller beschreibt Pöbeleien und Schubsereien:
  • Georg Restle, Chef von "Monitor", berichtet ebenfalls von einem Angriff auf ein Kamerateam des ARD-Politmagazins. Er schreibt: "Noch nie habe ich so viel Hass auf Medien erlebt wie an diesem Wochenende in Chemnitz."

Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), Frank Überall, äußerte sich erschrocken zu den Übergriffen: "Gewaltexzesse gegen Berichterstatter, wie wir sie am Samstag in Chemnitz erleben mussten, darf es nicht wieder geben." Er forderte von den Behörden ein konsequentes Eintreten für die freie Berichterstattung. "Wir rufen Einsatzkräfte dazu auf, die Gewalt gegenüber Journalistinnen und Journalisten am Rande rechtsextremer Demos strikt zu unterbinden!". Dies sei eine von ihren Aufgaben.

In einigen Redaktionen scheint der Glaube daran, dass die Behörden es mit dem Schutz der Pressefreiheit ernst meinen, zu schwinden. "T-Online"-Chefredakteur Florian Harms fragte die sächsische Polizei: "Warum schaffen Sie es nicht, Journalisten wie unseren Reporter vor diesem Mob zu schützen? Was muss denn noch passieren, damit ihr solche Lagen in den Griff bekommt?" 
"Buzzfeed-News"-Chefredakteur Daniel Drepper erklärte nach den Angriffen auf seine Mitarbeiterin: "Wenn Journalistinnen nicht von Demonstrationen berichten können, ohne dass sie Angst um ihre körperliche Unversehrtheit haben müssen, dann hat die Polizei hier – erneut – versagt."

Die Nagelprobe gibt es schon am Abend: DJV-Vorsitzender Überall verwies auf das in Chemnitz geplante Open-Air-Konzert gegen Fremdenhass. "Wenn Rechtsextreme das Konzert gegen Rechts stören wollen, stehen Journalisten besonders im Fokus", warnte er. "Das muss die Polizei von vornherein berücksichtigen." 

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