Jürgen Walter Vom Hoffnungsträger zum Buh-Mann


Mit dem Rückzug von "Netzwerker" Jürgen Walter hat sich die hessische SPD endgültig auf Linkskurs begeben. Doch ein Stück weit hat sich der einstige Hoffnungsträger der Sozialdemokraten auch selbst demontiert.
Von Mathias Schlosser

Zwei Tage vor der konstituierenden Sitzung des neuen hessischen Landtags zog Jürgen Walter die Reißleine und trat nicht mehr für den SPD-Fraktionsvorstand an. Denn spätestens seit dem Landesparteitag am vergangenen Wochenende war klar: Die Wiederwahl des ehemaligen Anführers der Hessen-SPD in das Spitzengremium ist keineswegs gesichert. Mit Buh-Rufen hatten die Delegierten in Hanau Walters Vorschlag quittiert, eine große Koalition mit der CDU nicht von vornherein auszuschließen. Damit endet vorerst die steile Karriere des einstigen Hoffnungsträgers, dessen Stern im Untersuchungsausschuss zur CDU-Schwarzgeldaffäre aufging.

Kaum Mitte 30 setzte der Rechtsanwalt aus Gernsheim als Ausschuss-Obmann Ministerpräsident Roland Koch und die CDU so geschickt und rhetorisch gewandt unter Druck, dass selbst die Berliner Genossen auf den früheren hessischen Juso-Vorsitzenden aufmerksam wurden. Nach der Landtagswahl 2003 wählte ihn die Fraktion zu ihrem Vorsitzenden und fortan galt Oppositionsführer Jürgen Walter als respektabler Herausforderer von Roland Koch - bis Andrea Ypsilanti kam. Obwohl sich die Mehrheit der hessischen Unterbezirke bei Probeabstimmungen für den heute 39-Jährigen als Spitzenkandidat ausgesprochen hatte, wählten die Delegierten in geheimer Abstimmung Ypsilanti zur Landesvorsitzenden. Walter gab den Fraktionsvorsitz ab und schwor der neuen Nummer Eins die Treue. Gleichwohl galt er seither als ihr erbitterter Gegner.

Ließ er Ypsilanti ins offene Messer laufen?

Das zeigte sich auch nach der Landtagswahl im Januar. Als einer der ersten polterte Walter gegen den Plan, eine rot-grüne Minderheitsregierung mit Duldung der Linken anzustreben, obwohl er in einer solchen Regierung Innenminister geworden wäre. Selbst Partei-Chef Kurt Beck griff er vor den Chaostagen der hessischen SPD Ende Februar heftig an. Kein Wunder, dass viele Genossen glauben, eigentlich steht Walter hinter der Weigerung der Darmstädter Abgeordneten Dagmar Metzger, Ypsilanti zur Ministerpräsidentin zu wählen. Bewiesen ist das nicht, doch kann sich kaum jemand in der hessischen SPD vorstellen, dass Walter von den Plänen Metzgers nichts gewusst hat. Er habe Ypsilanti ins offene Messer laufen lassen, lautet der Vorwurf.

Der 39-Jährige ließ dann aber auch Metzger im Regen stehen. Eisern schwieg er, als Parteirat und Fraktion auf die renitente Abgeordnete einprügelten, was ihn auch noch die Unterstützung des rechten Flügels seiner Partei kostete. Als Walter dann am vergangenen Wochenende beim Parteitag in Hanau auftrat und die Option einer großen Koalition ins Spiel brachte, war seine Beliebtheit auf einem Tiefpunkt angekommen. Während die Vorsitzende Ypsilanti heftig beklatscht wurde, gab es für Walter vor allem Buh-Rufe. Der einstige Star war gefallen, verließ die Versammlung vorzeitig und meldete sich zum Skilaufen ab.

Von Fraktion gedemütigt

Erst kurz vor der Fraktionssitzung am Donnerstag tauchte Walter wieder in Wiesbaden auf und erklärte, dass er der Fraktionsspitze nicht länger angehören wolle. Der Parteitag sei ein klares Signal gewesen, dass sein Weg ein anderer als der der Partei ist. "Ich werde mich jetzt auf meine Arbeit als Abgeordneter konzentrieren", sagte er ein wenig trotzig. Seine Fraktion nominierte ihn schließlich für den Vorsitz des Europa-Ausschuss des Landtags - eine Demütigung für einen, der eigentlich Ministerpräsident werden wollte.


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