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Juso-Kongress: "Das ist mir jetzt zu blöd"

Am Samstag diskutierten die Jusos über die Einführung des Sozialismus, am Sonntag über Rot-Rot-Grün. Eine linke Politik braucht schließlich auch eine linke Mehrheit. Logisch. Was aber, wenn sich selbst die Nachwuchspolitiker der drei Parteien darüber blitzschnell in den Haaren liegen?

Von Sebastian Christ

Es gibt momentan eine Konstellation in der Politik, die in den Köpfen der so genannten Parteistrategen die Synapsen zum Glühen bringt: Rot-Rot-Grün. Das Schöne: Rechnerisch ist der Dreierbund auf Bundesebene schon seit 2005 möglich. Das Schlechte: Menschlich, programmatisch und aus sonst welchen Gründen knirscht es noch ganz mächtig beim Zusammenfügen des so logisch scheinenden Puzzles. Ein Teil passt unter Garantie am Ende immer nicht. Und wer denkt, dass es unter jungen Menschen anders - sagen wir: unbefangener - zugeht, der irrt gewaltig.

Auf ihrem Kongress im Kreuzberger Umspannwerk hatten die Jusos am Sonntagmorgen einen rot-rot-grünen Versuchsaufbau in Form einer Podiumsdiskussion auf die Bühne gebracht. Mit dabei: Franziska Drohsel (Juso-Vorsitzende), Julia Seeliger (Mitglied im Parteirat der Grünen) und Jan Korte (Bundestagsmitglied der Linken).

Keine simple Koalition, sondern ein Projekt

"Für mich ist Rot-Rot-Grün keine Heilsperspektive", wagt sich Drohsel nach vorn. Aber: "Wir streiten für eine soziale Politik, und dafür muss man Mehrheiten finden." Drohsel macht keinen Hehl daraus, dass sie Rot-Grün nicht nur für eine simple Koalition, sondern für ein Projekt gehalten habe. Aber den Linken will sie sich nicht verschließen: "Es ist unsere Aufgabe, dass wir dafür kämpfen, dass linke Projekte in der Gesellschaft an Rückhalt gewinnen." Gestern noch hatten die Jusos ein Papier vorgestellt, in dem sie die Überwindung des Kapitalismus forderten.

Korte könnte sich geschmeichelt fühlen, will aber lieber beißen statt spielen. "Dadurch, dass wir so stark sind, zeigen wir den anderen Parteien eine Perspektive auf." Drohsel wird langsam sauer. "Ich würde das als ein bisschen vermessen ansehen." Der Streit eskaliert schließlich, als Korte der ehemaligen rot-grünen Koalition des Kosovo-Krieg vorhält. Julia Seeliger sagt: "Ich bin für UN-mandatierte Kriegseinsätze. Das wäre sicherlich ein Punkt, wo es in einer solchen Koalition zu Problemen kommen könnte." Drohsel sagt, dass sie zwar gegen den Kosovo-Krieg und gegen den Afghanistan-Einsatz gewesen sei, dass die Jusos aber trotzdem keine Pazifisten seien. "Zu Afghanistan: Es ist nun einmal so, dass die Bundeswehr schon einige Zeit in Afghanistan ist. Dann muss man sich Gedanken um eine Perspektive machen, statt zu sagen, dass die Bundeswehr schnellstmöglich aus dem Land abziehen soll."

Lob für die sowjetische Besatzung in Afghanistan

Jan Korte erwähnt lobend die Errungenschaften der sowjetischen Besatzungszeit in Afghanistan. Der linke Bundestagsabgeordnete sagt, dass es gewisse "Standards" gegeben habe, zum Beispiel "die Schulpflicht". Der Einsatz der Bundeswehr dagegen habe bis jetzt nichts gebracht. Zum ersten Mal schallen Buhrufe durch den Raum.

Auf die Frage, ob Personen wie Lafontaine nicht einem Bündnis im Wege stünden, antwortet Korte: "Diese ganzen persönlichen Animositäten interessieren mich wenig. Das ist doch Kindergarten." Zu Wahl von Gesine Schwan und ihren Äußerungen in Richtung der Linken fällt ihm ein: "Ich finde es ganz schön Panne, wenn man unsere Stimmen haben will und uns dann als Demagogen verunglimpft. Ich verstehe die Strategie dahinter nicht."

Franziska Drohsel sagt, dass es in Deutschland keine linke Politik ohne die SPD gäbe. Nun fühlt sich auch Julia Seeliger angestachelt, verbal auszuteilen: "Aus meiner Sicht ist die SPD schon noch eine Volkspartei. Aber vielleicht wird es ja auch irgendwann mal eine progressive Politik ohne die SPD geben, weil es die SPD irgendwann mal nicht mehr gibt."

Publikum bringt die Diskussion endgültig aus den Fugen

Die Veranstaltung droht vollends aus den Fugen zu geraten, als das Publikum Fragen stellen darf. Einer merkt an, dass es ihn schon wundere, warum die anwesenden Jusos immer dann klatschten, wenn es um Kritik gegen die eigene Mutterpartei geht. Ein anderer wirft Korte vor, seine Partei werde kommunistisch unterwandert. Der komplette hintere Teil des Saales hört nicht mehr zu und diskutiert im kleinen Kreis weiter. Korte giftet gegen die Grünen, Julia Seeliger platzt der Kragen: "Das ist mir jetzt zu blöd". Als dann noch ein offenbar eher konservativer Juso-Aktivist feststellt, dass Rot-Rot-Grün unmöglich ist, allein schon wegen der bisher angeblich nicht erfolgten Vergangenheitsbewältigung bei den Linken, schreitet Franziska Drohsel ein: "Ich bin dann auch genervt von so viel plattem Umgang mit der Linkspartei. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Großen nachzuspielen", so Drohsel. "Beschäftigt euch doch mal mit der eigenen Juso-Geschichte. Für viele Menschen bei den Jusos war der Fall der Mauer eine ganz kritische Sache." Ein paar Augenblicke später ist die Diskussionsrunde vorbei.

Wahrscheinlich ist es einfach das Schicksal von Strategen: Zwischen Papierform und Realität liegen nicht nur Welten. Sondern auch Menschen.

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