VG-Wort Pixel

Kanzlerin in Kundus Merkel spricht von "Krieg" in Afghanistan


Überraschungsbesuch im Bundeswehr-Feldlager in Kundus: Kanzlerin Angela Merkel ist zu einem Blitzbesuch angereist. Sie will sich selbst ein Bild von der Lage machen - und spricht erstmals von "Krieg".

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem überraschenden Truppenbesuch in Kundus so deutlich wie noch nie von einem "Krieg" in Afghanistan gesprochen. "Wir haben hier nicht nur kriegsähnliche Zustände, sondern Sie sind in Kämpfe verwickelt, wie man sie im Krieg hat", sagte Merkel am Samstag vor mehreren hundert Soldaten im Feldlager der Bundeswehr. "Das ist für uns eine völlig neue Erfahrung. Wir haben das sonst von unseren Eltern gehört im Zweiten Weltkrieg." Das sei aber eine andere Situation gewesen, weil Deutschland damals der Angreifer war.

Der Besuch war aus Sicherheitsgründen zuvor streng geheim gehalten worden. Die Regierungschefin wird begleitet von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Bundeswehr-Generalinspekteur Volker Wieker. Merkel will sich persönlich ein Bild von dem Einsatz machen. Sie sprach mit Soldaten, die an der Offensive im vergangenen Monat im Unruhedistrikt Char Darah beteiligt waren. In schweren Gefechten, die vier Tage andauerten, waren die Taliban dabei aus dem Süden des Distrikts vertrieben worden.

Die Visite wird vom Tod eines deutschen Soldaten überschattet, der kurz vor dem Eintreffen der Bundeskanzlerin am Freitag in der nordafghanischen Provinz Baghlan starb. Vor ihrer Ansprache erhoben sich die Kanzlerin und die Soldaten, um in einer Schweigeminute des Toten zu gedenken. Der 21-Jährige Hauptgefreite starb nach Merkels Worten bei einem "tragischen Unfall".

"Der Grund, warum ich auch hier bin, ist Ihnen Dankeschön zu sagen", betonte Merkel vor den Soldaten. "Wir wissen, dass das eine extrem gefährliche Sache ist und sich viele noch lange nach dem Einsatz damit rumplagen, was sie hier erlebt haben." 2010 kamen acht deutsche Soldaten bei Anschlägen und Gefechten in Afghanistan ums Leben - mehr als in je zuvor. Mit dem jüngsten Unfallopfer kostete der Einsatz am Hindukusch bisher 45 deutsche Soldaten das Leben. Von ihnen starben 27 bei Anschlägen und Gefechten.

Verschärfte Sicherheitslage

Das militärische Engagement am Hindukusch diene auch der Sicherheit Deutschlands. "Ohne Sie könnten wir nicht so sicher leben, und das müssen wir den Menschen auch sagen". Zur ablehnenden Haltung vieler Bundesbürger zum Einsatz sagte die Kanzlerin: "Die Bevölkerung sieht diesen Einsatz zum Teil skeptisch, und trotzdem ist sie stolz auf Sie."

Die Mehrheit der Deutschen lehnt die Mission laut Umfragen ab. Auch im Bundestag bröckelt die Unterstützung. Die schwarz- gelbe Koalition ist hingegen um breite Unterstützung im Parlament bemüht, um den Soldaten und ihren Familien größtmöglichen politischen Rückhalt zu geben. Bei SPD und Grünen, in deren Regierungszeit der Einsatz Ende 2001 beschlossen wurde, werden die Zweifel immer größer. Die Linke hat bisher in allen Abstimmungen die Zustimmung verweigert. Sie befürchten, dass die Mission in der Katastrophe endet: Nämlich dass die Truppen irgendwann abziehen werden, ohne dass das über seit mehr als drei Jahrzehnten in Krieg und Bürgerkrieg versunkene Land befriedet worden ist. Derzeit sind rund 4600 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan im Einsatz. Im Januar muss das Parlament über eine Verlängerung des Mandats zur Beteiligung an der Internationalen Schutztruppe ISAF entscheiden.

Der Abzug aber soll jetzt bald beginnen. Das sagt auch die Merkel-Regierung. Während sie in einem sogenannten Fortschrittsbericht das Datum offen lässt und einen Rückzug an Bedingungen knüpft, spricht Außenminister Guido Westerwelle (FDP) nun konkret von Ende nächsten Jahres. Dann soll die Zahl der deutschen Soldaten am Hindukusch nach seinen Worten erstmals verringert werden.

Isaf-Sprecher Josef Blotz mahnt dagegen, der Abzugsprozess müsse sich nach den Bedingungen in Afghanistan und nicht nach einem theoretischen Zeitplan richten. "Wenn Sie als Feuerwehr einen Brand in einem Hochhaus bekämpfen, dann sagen Sie ja auch nicht, um 19 Uhr ist Feierabend, egal, ob es dann noch brennt", sagt der deutsche General. "Und selbst wenn das Feuer gelöscht ist, dann lassen Sie eine Brandwache da, damit es nicht wieder entflammt."

DADP, Reuters, hlue Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker