Kanzlerreise Goldgräberstimmung am Golf


Sieben Länder in sieben Tagen - Saudi-Arabien ist die erste Station auf der Reise von Kanzler Gerhard Schröder quer über die arabische Halbinsel. Er will sich vor allem als "Türöffner" für die Wirtschaft betätigen.

Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder zu seiner Reise in sieben arabische Staaten aufbricht, bleiben einige deutsche Topmanager zurück. Denn das Interesse an dem Besuch Arabiens war so groß, dass der Platz an Bord der Kanzlermaschine nicht ausreichte. 61 Journalisten und 190 Manager bewarben sich für eine Begleitung Schröders. Nur für 35 war Platz. Das wohl prominenteste Mitglied der Wirtschaftsdelegation kennt man eher vom Sport. Der Springreiter Paul Schockemöhle will auf der arabischen Halbinsel - auf der seit mindestens 2.000 Jahren die Pferderasse "Araber" beheimatet ist - Geschäfte mit seinem Zuchtbetrieb machen. "Es herrscht Goldgräberstimmung", scherzt ein deutscher Diplomat. Deutsche Wirtschaftsvertreter, die seit Jahren in der Region arbeiten, wundert das rege Interesse am Geschäft mit den Öl-Monarchien nicht. Sie sind vielmehr erstaunt, dass ihre Landsleute erst jetzt auf den Zug aufgesprungen sind.

Riad ist die erste Station auf einer einwöchigen Reise Schröders quer über die arabische Halbinsel. Nach Saudi-Arabien will er sechs weitere Staaten besuchen: Die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Katar, Bahrain, den Jemen und Oman. In den letzten fünf Ländern war noch nie ein deutscher Kanzler.

In Bahrain wird damit gerechnet, dass während des Kanzlerbesuchs ein Joint-Venture mit einem Umfang von 1,2 Milliarden US-Dollar zwischen der Linde AG und einem bahrainischen Investor bekannt gegeben wird. Linde soll nach Angaben aus Bahrain vor allem technisches Know-How für die petrochemische Fabrik liefern.

Aber vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit ihrer Glitzermetropole Dubai, die als politisch sicherster Standort am Golf gelten, haben es deutschen Vorständen angetan. Vor drei Monaten gewann die Volkswagen AG die Regierung von Abu Dhabi als Investor für den Kauf von LeasePlan. Kurz darauf kündigten die Wolfsburger an, sie wollten in Abu Dhabi Lastwagen montieren. DaimlerChrysler hat inzwischen mit Kuwait und Dubai gleich zwei arabische Großaktionäre.

Niveau von Osteuropa

"Viele deutsche Firmen hatten die Emirate gar nicht auf ihrem Radar, dabei können hier besonders energieaufwändige Produkte sehr kostengünstig hergestellt werden", erklärt Dalia Abu Samra von der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Abu Dhabi. Generell liegen die Produktionskosten in den Emiraten im Industriebereich, wo vor allem Arbeitskräfte aus Asien beschäftigt sind, auf dem Niveau von Osteuropa.

Die sieben autonomen Emirate Abu Dhabi, Dubai, Fudschaira, Ras al- Chaima, Schardscha, Adschman und Umm al-Kaiwain hatten sich 1971 zu einem Staat zusammengeschlossen. Was die VAE von anderen Staaten der Region unterscheidet ist der sehr hohe Ausländeranteil. Nur 20 Prozent der rund drei Millionen Einwohner sind Einheimische. So kommt jemand, der mit einer Firma in Dubai Kontakt aufnehmen will, mit Englisch oft schneller als Ziel als mit Arabisch.

Was allerdings in den Emiraten fehlt, ist ein großer Absatzmarkt. Wer danach sucht, ist sicher in Saudi-Arabien, dem bevölkerungsreichsten Land der arabischen Halbinsel besser bedient. Allerdings sind die bürokratischen Hürden in dem islamischen Königreich für ausländische Investoren viel höher als etwa in Dubai. Doch die Entscheidungsträger ihaben inzwischen erkannt, dass die Öl-Monarchie künftig aktiver um ausländische Investoren werben muss. "Unser bürokratisches System und die langen Prozeduren passen nicht mehr zu den Zielen unserer politischen Führung", klagte ein saudi-arabischer Geschäftsmann beim Wirtschaftsforum in Dschidda.

"Im Großen und Ganzen hat sich der Markt bereits geöffnet", sagt Hans-Diether von Löbbecke, der unter anderem als Berater in Riad tätig ist. "Ausländische Investoren sind heute nicht mehr so angewiesen auf saudi-arabische Partner wie noch vor 20 Jahren." Die Saudisch-Deutsche Entwicklungs- und Investitionsgesellschaft sieht unter anderem in den Bereichen Wasserversorgung, Abfallrecycling und Pharma Chancen für deutsche Firmen. Ein Behördenvertreter in Riad beziffert das Investitionspotenzial im Bereich Wasser, was in dem Wüstenstaat meist Meerwasserentsalzung bedeutet, auf 150 Milliarden US-Dollar. Von Löbbecke glaubt, dass Deutsche auch beim Aufbau des Eisenbahnnetzes zum Zuge kommen könnten.

Als im Herbst 2003 zum ersten Mal Saudi-Arabien besuchte, sprach so mancher seiner Gastgeber von einem „historischen“ Ereignis. 20 Jahre lang war kein deutscher Regierungschef mehr in dem Königreich gewesen. Schröder versprach zum Abschluss seines Aufenthalts, dass dies nicht wieder vorkommen werde. „Wir müssen zu einem regelmäßigen Austausch auch auf höchster Ebene kommen“, sagte er. „Ich denke wir sind uns alle einig, dass nicht wieder 20 Jahre vergehen dürfen, bevor ein deutscher Bundeskanzler Saudi-Arabien besucht.“ Dass der Kanzler sein Versprechen so schnell einlösen würde, erwartete damals allerdings kaum jemand.

Jemen fällt aus dem Rahmen

Etwas aus dem Rahmen fällt der Besuch des Kanzlers im Jemen. Das Land im Süden der arabischen Halbinsel zählt im Gegensatz zu seinen vom Ölreichtum geprägten Nachbarn zu den ärmsten der Welt. Deutschland hat den Jemen seit 1978 mit mehr als 700 Millionen Euro Entwicklungshilfe unterstützt. Neben den politischen Terminen steht in der Hauptstadt Sanaa auch Kultur auf dem Programm: Der Kanzler wird das als Weltkulturerbe geschützte mittelalterliche Stadtzentrum mit seinen mehr als 6.000 aus Naturstein und Ziegeln erbauten Wohntürmen und 50 Moscheen besichtigen.

Was Investoren generell zögern lässt, ist die politische Lage in der Golfregion, wo inzwischen mehrere Staaten mit islamistischen Terrorzellen zu kämpfen haben. Allerdings ist es nicht überall so schlimm ist wie in Saudi-Arabien, wo es seit Mai 2003 mehrere blutige Anschläge auf Ausländer gegeben hat, weshalb einige amerikanische und britische Experten inzwischen das Land verlassen haben. In Riad ist man deshalb dem Vernehmen nach nun so weit, dass man Investoren eine "politische Risikoabsicherung" anbieten will.

So strebt Schröder auch im "Anti-Terror-Kampf" eine stärkere Kooperation mit den Golfstaaten an. Der Irak wird vor allem bei den Gesprächen in Kuwait und in den Emiraten eine Rolle spielen. Kuwait hat nach Angaben aus Regierungskreisen als "Tor zum Irak" großes Interesse an einer Kooperation beim Wiederaufbau des Nachbarlandes. In den VAE leistet Deutschland seinen wichtigsten Hilfsbeitrag für den Irak: Die Ausbildung von Sicherheitskräften. Die Bundeswehr trainierte im Emirat Abu Dhabi bereits 122 irakische Soldaten, das Bundeskriminalamt rund 440 Polizisten.

Region von "größter strategischer Bedeutung"

Die Region sei von "größter strategischer Bedeutung", heißt es in Regierungskreisen mit Blick auf die Nähe zum Irak, Nahost und zum Iran. Im Atomstreit mit Teheran hofft Schröder auf Unterstützung der arabischen Länder für die diplomatischen Bemühungen der Europäer. Dabei gehe es um eine politische und wirtschaftliche Förderung des Verhandlungsprozesses. An eine Beteiligung an den Gesprächen sei dagegen nicht gedacht, heißt es.

Dusko Vukovic mit Material von AP/DPA DPA

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