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Analyse

Prozess in Kanada: Erderwärmung als Betrug entlarvt? Warum die Klimaleugner zu Unrecht jubeln

Ist die grundlegende Theorie des menschengemachten Klimawandels vor Gericht gescheitert? Interessierte Kreise haben zuletzt versucht, diesen Eindruck zu erwecken. Dabei ging es in dem Prozess gar nicht darum.

Klimaforscher Michael E. Mann am Schreibtisch

Klimaforscher Michael E. Mann

Mit weltweiten Streiks an diesem Freitag erreichen die Klimaproteste einen neuen Höhepunkt. Doch je mehr die globale Erwärmung mit ihren Folgen ins Bewusstsein vieler Menschen dringt, umso vehementer scheinen sich jene zu äußern, die von einer Klimakrise nichts wissen wollen. Da ist von "Klimahysterie" die Rede oder von "imaginierten Weltuntergängen in ferner Zukunft", wie es AfD-Fraktionschefin Alice Weidel während der jüngsten Generaldebatte im Bundestag ausdrückte. Jede Gelegenheit scheint recht, jene zu attackieren, die sich mit der globalen Erwärmung beschäftigen und sie erforschen. Ein plakatives Beispiel ist der Fall eines Prozesses am Supreme Court des kanadischen Bundesstaats British Columbia, den Michael E. Mann angestrengt hatte - jener Klimaforscher, dessen berühmte "Hockeyschläger"-Studie maßgeblich zur Erkenntnis beigetragen hat, dass es eine rasch fortschreitende, globale Erwärmung tatsächlich gibt. Diese Studie, so heißt es nun, sei von dem Gericht als Betrug entlarvt worden. Ein genauer Blick aber zeigt: Davon kann keine Rede sein.

"Klimabetrug: Gerichtsurteil stürzt CO2-Papst vom Thron" ("KenFM") oder "Peinlicher Rückschlag für bekannten Klimaforscher" ("Die freie Welt") lauten etwa die Schlagzeilen klimaskeptischer Online-Seiten. "Ein Star der Klimaforschung scheitert vor Gericht", überschreibt auch das "Europäische Institut für Klima & Energie" - Untertitel "Nicht das Klima ist bedroht, sondern unsere Freiheit!" - einen Beitrag auf seiner Webseite. Und AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen fragte Anfang September auf seiner Facebook-Seite, ob nach dem "tiefen Fall des 'Klima-Papstes' vor Gericht" das "Ende der linksgrünen Klimareligion" gekommen sei.

Meuthen: "Mann kam stets ungeschoren davon"

Der AfD-Politiker fasst im Wesentlichen zusammen, was einschlägige Medien berichten. Michael Mann sei mit einer Klage gegen den emeritierten kanadischen Geographie-Professor Timothy Ball, einen bekennenden Leugner des menschgemachten Klimawandels und scharfen Kritiker Manns (mehr zu Timothy "Tim" Ball im DeSmog-Blog), gescheitert - nicht zuletzt deshalb, weil Mann sich geweigert habe, seine Daten offen zu legen, obwohl ihm für diesen Fall Millionenzahlungen gedroht hätten. "Dieses Urteil ist wirklich bemerkenswert", resümiert Meuthen. "Bislang kam Michael Mann mit seinen Thesen stets ungeschoren durch, weil weder Medien noch weite Teile der wissenschaftlichen Gemeinschaft es wagten, gegen diesen vermeintlichen Klima-Papst Zweifel zu erheben", so der AfD-Politiker. Das Urteil habe das Potenzial, "der gesamten linksgrünen Klimareligion den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Gut so!"

Im Prozess ging es gar nicht ums Klima

Doch ist das so? Auf Nachfrage des stern und anderer Medien hat das in Vancouver ansässige Gericht ein Protokoll des letzten Hearings in dem Verfahren am 22. August 2019 veröffentlicht; eine schriftliche Urteilsbegründung soll es laut Auskunft eines Gerichtssprechers nicht geben. Dieses Protokoll zeichnet das Bild eines sich über Jahre dahinschleppenden Verfahrens, das keiner der Beteiligten - auch nicht Kläger Michael Mann - allzu sehr vorangetrieben hat. In der Sache ging es um ein Zivilverfahren. Mann hatte Timothy Ball schon 2011 wegen Beleidigung verklagt. Der wesentliche Grund war ein Statement Balls in einem Interview auf einer Webseite, das laut Gericht vom 9. Februar 2011 datiert. Darin habe Ball Mann in einer Art Wortspiel direkt angegangen: "Michael Mann at Penn State should be in state pen, not Penn State." Der Begriff "Penn State" steht für die Pennsylvania State University, wo Mann arbeitet; "state pen" steht für das staatliche Gefängnis. Ball wünschte Mann also in den Knast, was der Forscher als Diffamierung empfand.

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Das, und einige weitere angebliche Beleidigungen, waren Gegenstand des Verfahrens. Um den Klimawandel, die Forschung dazu im Allgemeinen oder die "Hockeyschläger-Studie" im Besonderen ging es nicht. Im Gegenteil: "Der Kläger (...) und der Angeklagte (...) vertreten dramatisch unterschiedliche Ansichten zum Klimawandel. Ich habe nicht vor, diese Unterschiede anzusprechen", stellt Richter Christopher J. Giaschi laut Protokoll gleich zu Beginn des finalen Hearings fest. Der eine glaube eben an den menschengemachten Klimawandel, der anderen nicht. Der Streit darüber beschäftige die beiden Männer ja seit vielen Jahren.

Klage wegen endloser Verzögerungen abgewiesen

Auch für die Einstellung des Verfahrens spielte die Klimaforschung offensichtlich keine Rolle. Der inzwischen hoch betagte Timothy Ball hatte in einer Eingabe beantragt, das Verfahren zu beenden; nicht zuletzt wegen seiner angegriffenen Gesundheit. In Anwesenheit der Anwälte beider Parteien leitete der Richter her, dass das Verfahren offensichtlich keine Priorität für die Beteiligten gehabt habe. Insbesondere die Anwälte von Mann hätten immer wieder vorgebracht, dass der Forscher anderweitig beschäftigt sei, heißt es in dem Schriftstück des Gerichts. Außerdem sei über insgesamt 35 Monate in zwei längeren Phasen in dem Verfahren gar nichts passiert. Nach acht Jahren Dauer und mit der Aussicht, dass ein Gerichtstermin erst für den 11. Januar 2021 angesetzt sei, seien die Verzögerungen aus Sicht des Gerichts "unentschuldbar". "Der Kläger scheint damit zufrieden gewesen zu sein, diese Angelegenheit einfach zum Erliegen zu bringen", stellt Giaschi laut Protokoll fest.

Der Richter wies die Klage Manns daher zurück. Aufgrund des Alters aller Beteiligten, des schlechten Gesundheitszustands von Ball sowie einiger Zeugen wäre es ohnehin schwer, "wenn nicht unmöglich" geworden, einen für den Beklagten fairen Prozess zu führen, heißt es weiter. Überhaupt: "Dies ist eine relativ unkomplizierte Verleumdungsklage und hätte schon lange gelöst werden müssen", stellte Giaschi laut Protokoll fest. Abschließend einigten sich der Richter und die beiden Anwälte darauf, dass Michael Mann die Kosten des Verfahrens trägt - ohne jede weitere Diskussion, wie nachzulesen ist.

Michael Manns Studie vielfach überprüft

Wie die Entscheidung des Supreme Courts als Entlarvung eines angeblichen "Klimabetrugs" und Ende einer sogenannten "linksgrünen Klimareligion" gedeutet werden kann, ist anhand der Gerichtsunterlagen kaum nachvollziehbar. Der Hinweis des AfD-Bundessprechers Meuthen in diesem Zusammenhang, bis zum Spruch des Gerichts sei Michael Mann "mit seinen Thesen stets ungeschoren" durchgekommen, weil niemand es gewagt habe "Zweifel zu erheben", hat keine Grundlage. Tatsächlich ist die "Hockeyschläger-Studie" seit ihrer Veröffentlichung, teils zu recht, mehrfach hinterfragt und überprüft worden. Es gibt reichlich wissenschaftliche Literatur dazu. Im Jahr 2006 wurde auf Betreiben des US-Repräsentantenhauses sogar eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt. Diese stellte in ihrem Abschlussbericht fest, dass trotz einiger methodischer Schwächen Manns Studie in den wesentlichen Punkten plausibel sei (siehe auch Info-Kasten "Die Hockeyschläger-Studie").

Der Bericht ist ebenso für die Öffentlichkeit einsehbar wie die Daten der "Hockeyschläger-Studie", die Michael Mann dem Gericht - so die Berichte der Klimaskeptiker - angeblich vorenthalten wollte. Mit den Daten sollte der Forscher, so heißt es in den Berichten, angeblich belegen, dass die Äußerungen Balls, Mann gehöre ins Gefängnis, tatsächlich beleidigend seien. Eine solche Anforderung der Daten durch das Gericht habe es im Verlauf des Verfahrens aber nie gegeben, ließ Michael Mann über seinen Anwalt erklären. Wie beschrieben, legte Richter Giaschi laut Gerichtsprotokoll keinen Wert auf detaillierte Klimadaten, um im fraglichen Verfahren zu einer Entscheidung zu kommen.

"Hockeyschläger" wurde nicht entlarvt

So bleibt abschließend festzuhalten: Die Theorie des menschengemachten Klimawandels ist vor dem Supreme Court von British Columbia nicht gescheitert oder als Betrug entlarvt worden. Sie war gar nicht Gegenstand des Verfahrens. Anderslautende Informationen sind durch vorliegende Gerichtsunterlagen nicht gedeckt.

Quellen: Entscheidungsprotokol Fall Mann v. Ball, Supreme Cort of British Columbia, Anklageschrift Michael Mann vs. Timothy Ball, Klimafakten.de, "Hockeyschläger-Studie", Michael E. Mann et. al., Abschlussbericht Expertenkommission zur "Hockeyschläger-Studie", GWUP-Blog, DeSmog, Facebook/Jörg MeuthenEIKE