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Krieg gegen Terror Das Schweigen der Generation Facebook

Demonstration in Berlin gegen die Beteiligung der Bundeswehr am Kampf gegen IS
Während in den 80er Jahren die Friedensbewegung Millionen auf die Straße gebracht hat, verlieren sich Anfang Dezember nur vergleichsweise wenig Demonstranten gegen den Anti-IS-Einsatz der Bundeswehr vor dem Brandenburger Tor
© Tobias Schwarz/AFP
Deutschland beteiligt sich am Krieg in Syrien - und fast niemand protestiert. Die einst so große Friedensbewegung stirbt aus, weil sich die Jugend lieber über "Zwangsgebühren" empört - ein Armutszeugnis.
Ein Kommentar von Erik Häußler

Der Bundeswehr-Einsatz im Syrien-Konflikt ist beschlossen, vergangene Woche hat auch der Bundestag mit großer Mehrheit zugestimmt. In wenigen Wochen werden deutsche Soldaten die internationale Koalition gegen die Terrormiliz IS unterstützen. Deutschland wird Teil des Krieges in Nahost.

Phase Zwei des deutschen Kriegs gegen den Terror - und hierzulande schreit keiner auf. Wo ist die einst so große Friedensbewegung geblieben, die ihren pazifistischen Schlachtruf "Nie wieder Krieg" in die vorweihnachtliche Stimmung schreit? Wo sind die Teelichter, die rituell aus dem Schrank geholt werden, sobald auch nur ein Soldat seine Stiefel schnürt? Die Bewegung stirbt aus. Die Aktivisten aus den Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses sind offensichtlich zu alt. Und die Jungen haben immer weniger ein Problem mit Krieg. Weil sie ihn noch nie erlebt haben.

TTIP mobilisiert Massen - Krieg kaum

Allein das Wort "Krieg" löste in vorherigen Generationen Ängste aus. Zwei verlorene Weltkriegen mit zig Millionen Toten hatte den Deutschen jedwede Begeisterung für Militäreinsätze ausgetrieben. Für sein Ja zum deutschen Kosovoeinsatz 1999 bezahlte der damalige Außenminister Joschka Fischer (Grüne) auf einem Parteitag mit einem gerissenen Trommelfell - ein Kritiker hatte einen Farbbeutel geworfen. Gegen den Afghanistankrieg der Bundeswehr gingen 2001 Tausende auf die Straße. Höhepunkt der jüngeren Friedensbewegung waren die Massenproteste 2003 gegen den Krieg im Irak. Allein in Berlin gingen rund eine halbe Million Menschen auf der Straße - und das obwohl sich Deutschland nicht einmal am Krieg beteiligt hat.

Proteste gegen den Syrien-Einsatz? Kümmerlich. Alle Kundgebungen zusammengerechnet waren es am vergangenen Wochenende nur wenige tausend Demonstranten. Gegen einen Krieg, der noch komplizierter und zweifelhafter ist, als die Kriege zuvor. 

Über die Friedensbewegung berichtet die Lokalpresse wenn überhaupt noch nach den ritualisierten Ostermärschen. Krieg mit deutscher Beteiligung ist Alltag geworden, die Jugend wächst damit auf. Gegen TTIP strömen Hunderttausende auf die Straße, gegen die "Zwangsgebühren" der Öffentlich-Rechtlichen empören sich fast eine halbe Million auf Facebook - das sind die neuen Roten Tücher der Generation Social Media. Das Thema Krieg ist schon lange kein Tabu mehr. Er ist wieder politisches Mittel zum Zweck, Hauptsache, der militärische Konflikt findet weit genug entfernt von der eigenen Haustür statt.

Ist der Pazifismus in Deutschland tot?

Schauerliche Bilder von zerbombten Städten, Videos von zerfetzten Menschen, Millionen Flüchtlinge unter uns: Eigentlich sind die Folgen der Kriege offensichtlicher denn je. Und doch steht die Mehrheit im Land hinter einem militärischen Eingreifen der Bundeswehr. Liegt es schlicht daran, dass heute niemand mehr zur Bundeswehr muss und deswegen nur noch wenige Familien einen der Ihren für einem solchen Einsatz ziehen lassen müssen? Oder haben es die Kopfabschneider des IS mit ihren Gräueltaten tatsächlich geschafft, den deutschen Pazifismus zu brechen? Das wäre ein Armutszeugnis. Denn Krieg erzeugt neuen Terror, das müsste die Botschaft auf den Straßen sein.

In den kommenden Jahren werden die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges verstummen. Mit ihnen stirbt auch der letzte Rest Skepsis an deutscher Kriegsbeteiligung.


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