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Kommunistin Wegner: "In der DDR gab es freie Wahlen"

Die Kommunistin Christel Wegner rechtfertigte die Mauer und wünscht sich die Stasi zurück. Die Linke in Niedersachsen schloss sie deshalb aus ihrer Fraktion aus. Im Gespräch mit stern.de hatte sie zuvor ihre Ansichten bekräftigt. Wegner sagt: "In der DDR gab es freie Wahlen." Aber wer ist diese Frau? Ein Hausbesuch.

Von Roman Heflik

Die derzeit gefürchteste Revolutionärin der Republik liebt es daheim gutbürgerlich: Ein gemütliches Reihenhaus mit eigenem Garten und Vorgarten in einer ruhigen Stichstraße im niedersächsischen Buchholz. Den einzigen, sehr vagen Hinweis auf die Gesinnung der Bewohnerin liefert ein Aufkleber auf dem Briefkasten: "Keine Nazi-Post".

Auch im Inneren regiert gediegene Spießigkeit: Esstisch, Stühle und Schrank aus dunklem Holz mit geschwungenen Verzierungen, eine Bücherwand, ein Sofa mit hellen Polstern. Als Christel Wegner stern.de in der vorvergangenen Woche zum Interview empfing, fand sich auch hier nur ein Hinweis auf Politik: Ein Strauß roter Nelken, ein Geschenk der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) zur überraschenden Wahl ihrer Spitzenfrau in den niedersächsischen Landtag.

Damals wirkte die uneitle Wegner noch ein bisschen amüsiert über so viel Aufmerksamkeit. Möglich geworden war ihre Nominierung durch eine Parteien-Kooperation: Die DKP machte Wahlkampf für die Linke, dafür durfte sich Wegner im Gegenzug um einen der hinteren Listenplätze bewerben.

Wegner befürchtete "Verweigerungshaltung"

Die Frau mit den dunkelrot gefärbten Haaren und der leisen Stimme ahnte schon, dass ihr als erste Kommunistin in einem westdeutschen Landesparlament mehr Aufmerksamkeit zuteil werden würde, als ihr noch lieb sein würde: "Bei den anderen Parteien wird es mir gegenüber wohl zunächst eine prinzipielle Verweigerungshaltung geben", vermutete sie. Dabei versuchte die stets schüchtern lächelnde Frau ein bisschen kämpferisch zu klingen. Doch wenige Tage später sollte sich zeigen, dass "Verweigerungshaltung" ein Euphemismus sein würde für das, was der gelernten Krankenschwester im Ruhestand jetzt entgegenschlägt.

In einem Interview mit dem ARD-Fernsehmagazin "Panorama" in der vergangenen Woche hat Wegner den Bau der Mauer gerechtfertigt als "Maßnahme, um zu verhindern, dass weiterhin Westdeutsche in die DDR konnten." Die Wessis hätten da doch nur billig eingekauft und die Wirtschaft geschädigt. Und auch für die Stasi hat die 60-Jährige warme Worte gefunden: Wenn man eine neue Gesellschaftsform errichten wolle, brauche man wohl "so ein Organ" zum Schutz vor reaktionären Kräften.

Ausschluss aus Fraktion

Soviel Diktatur-Verherrlichung war dann selbst Wegners Gastpartei Die Linke zu viel. Nun gaben der West-Beauftragte der Bundespartei, Ulrich Maurer, und Wahlkampfleiter Bodo Ramelow in Berlin bekannt, dass man Wegner aus der Landtagsfraktion ausschließe. Ihr Mandat kann die Linke Wegner allerdings nicht wieder abnehmen. Die kommunistische "Linke Zeitung" schimpfte prompt im Internet über eine "Pressekampagne übelster Sorte" und witterte in stalinistischem Duktus "eine Generalsäuberung der Linken".

Doch die Äußerungen Wegners sind kein Ausrutscher einer politisch Unerfahrenen. Im Gespräch offenbart Wegner ohne Zögern ein Geschichtsbild, das abstruser nicht sein könnte. Dreh- und Angelpunkt ist dabei das Land, das jahrzehntelang Wegners Partei alimentiert hat: die Deutsche Demokratische Republik.

Der Sozialismus sei zwar weit weg und sie wolle zwar keine DDR zurück, versicherte Wegner stern.de, um dann im selben Atemzug anzufügen: "Aber die DDR war für mich auf jeden Fall der sozialere Staat. Die sozialen Verschlechterungen haben wir, seit es die DDR nicht mehr gibt, denn früher standen ja beide Staaten in Konkurrenz zu einander."

In Wegners Logik verdankte die Bundesrepublik dem östlichen Nachbarn die Segnungen des modernen Sozialstaates. Und die Bespitzelung und Repression durch die Stasi? "Da sage ich nur: Wir haben auch unseren Verfassungsschutz. Die bespitzeln auch und sind zu nichts nutze."

Wütend über den Verfassungsschutz ist Wegner schon seit 50 Jahren. Damals erlebte sie mit, wie Verfassungsschützer das Haus ihrer Eltern durchsuchten. Schon Wegners Vater war Kommunist, damals in der verbotenen KPD. Die Verfassungsschützer hätten ständig vor dem Haus geparkt und die Familie beobachtet, berichtet Wegner. "Das hat mich geprägt", sagt sie heute. Der Zorn hat nicht nachgelassen, schließlich steht ihre Partei noch immer unter Beobachtung.

Zu einer kritischen Distanz sozialistischer Regime ist Wegner nicht mehr fähig: "Es ist doch traurig, dass sich hier in Deutschland so wenige Menschen politisch engagieren", sagt sie. Das zeige die Unzufriedenheit der Bürger, glaubt sie. Es gehe doch auch ganz anders: "In der DDR gab es auch Wahlen, und da haben sich 98 Prozent der Menschen beteiligt!" Ob sie diese Zahl wirklich glaube? "Ja, da haben sich die Menschen gesellschaftlich verpflichtet gefühlt." Und gibt es gar nichts, was sie an der DDR kritisch sehe? Wegner überlegt: "Der Staat hat es nicht geschafft, die Leute in der Entwicklung einzubeziehen." Windelweicher kann man mit einen totalitären Staat nicht abrechnen.

Dann erzählt sie von einer Bekannten aus Thüringen und deren Beobachtung: Immer, wenn SED-Leute in Betriebsversammlungen gesprochen hätten, habe sich niemand in der Belegschaft gemeldet. Es klingt, als wollte Wegner sagen: Was kann denn die SED dafür, wenn niemand sagt, wo der Schuh drückt. Da ist doch das Volk selbst schuld! Wegner drückt es so aus: "Es fehlte an Interaktion zwischen Partei und Volk." Die Interaktion in Form der Leipziger Montagsdemos passt dagegen nicht in so ein Geschichtsbild.

Bewunderung für Kuba

Noch zu einem anderen Land fühlen sich Wegner und ihre Partei hingezogen: zu Kuba. So findet man auf der Homepage der DKP auch mal die aktuellen Erklärungen "vom Genossen Fidel Castro", dazu Nachrichten über die neuesten Erfolge des sozialistischen Inselstaats. Freiwillige, so genannte Brigaden, fliegen regelmäßig nach Kuba und helfen bei sozialen Projekten. Beim Einwand, dass man Kuba auch als Diktatur bezeichnen könne, schluckt und blinzelt Wegner. Dann hat sie sich wieder gefangen: "Kuba hat freie Wahlen, wie sie die DDR auch hatte." Wie viele Parteien denn in Kuba zur Wahl stünden? "Eine", sagt sie, und lächelt schmal.

In Wegners Denkwelt ist das kein Widerspruch: "Eine Gesellschaft, die eine gemeinsame Zielsetzung hat, braucht keine Parteien, die unterschiedliche Ziele verfolgen." Diskurs, Debatte, Meinungsvielfalt könnten sich irgendwann ebenso überflüssig machen wie der ganze Kapitalismus, so die fromme Hoffnung. Dass das mit dem politischen System der Bundesrepublik nicht viel zu tun hat, das dürfte die nette Ewiggestrige in den letzten Tagen gemerkt haben.