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Landtagswahl in NRW Der Showdown des Jürgen Rüttgers


10 Prozent minus - das ist eine bittere Niederlage für CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Tritt er ab? stern.de hat ihn beim Wahlfinale begleitet.
Von Lenz Jacobsen, Düsseldorf

Samstagvormittag in Dortmund. Ein letztes mal Straßenwahlkampf, ein letztes Mal Fußgängerzone. Das Pils kostet bei der CDU 60 Cent, die Bratwurst ein Euro. Politische Preise. Ein Mann auf Stelzen bastelt Luftballon-Tiere für Passanten. Der Altersdurchschnitt unter den vielleicht 200 Zuschauern ist sicher jenseits der 50.

Die Musik könnte nicht passender sein: "Don't stop thinking about tomorrow", höre nicht auf an Morgen zu denken, dröhnt es aus den Boxen, als Jürgen Rüttgers sich den Weg zur Bühne bahnt. In der Tat wird er wohl an nichts anderes denken als an Morgen, den Tag der Landtagswahl, den Tag, an dem sich seine Zukunft entscheidet. Mit seinem Tross lächelt er sich durch die Menge, verteilt ein paar Rosen an Damen und feste Händedrücke an die Herren. Keine fünf Meter entfernt lagern die Wahlkampfstände von FDP und Grünen, sie drängen sich hier zusammen als wäre im Rest von Dortmund nicht genug Platz für sie. Vielleicht hoffen sie, der CDU so noch ein bisschen Laufkundschaft abwerben zu können. "Nee, mit dem will ich aber wirklich nicht", knurrt ein Grüner Wahlkämpfer in Richtung des möglichen Koalitionspartners Rüttgers.

Die Junge Union hält ihre Jubel-Schilder hoch. Angesichts der letzten Umfragen wirkt der Spruch darauf beinahe verzweifelt: "Rüttgers stark wählen." Das hat er wahrlich nötig.

"Die Roten kann ich nich riechen"

Dann legt er los. Ein letztes Mal spricht er über Bildungspolitik, über die Linke, diese "Chaoten und Radikalen", die den Grundbesitz des kleinen Mannes verstaatlichen wollten. Und über Griechenland, das alles bestimmende Thema der letzten Tage. "Verdient haben sie es nicht, weil sie uns falsche Zahlen geliefert haben, und das tut man nicht unter Freunden", sagt Rüttgers unter Beifall. "Aber wir als Industrieland NRW brauchen einen starken Euro, deshalb müssen wir helfen."

Manfred Hoffmann sitzt ein wenig am Rand auf einer Bank. 77 Jahre ist er alt und sein ganzes Leben schon hat er CDU gewählt. "Die Roten kann ich nich riechen, wissen se", sagt er, und rümpft angewiedert die Nase. "Die hamm' das ja alles kaputtgemacht hier!" Er ist sich sicher, dass Rüttgers am Sonntag die Nase vorne haben wird. Und mit wem soll er dann regieren? "Mit den Grünen, das wär schon in Ordnung für mich", sagt der Rentner. "Aber mit der SPD, datt wär' richtich schlimm!" Auch am Sonntag wählt er wieder Rüttgers.

Sein Ministerpräsident appelliert zum Abschluss des letzten Wahlkampfauftrittes noch: "Wenn wir am Ende merken, es fehlen uns ein paar lausige Stimmen, das wäre furchtbar!"

Doch genau so kommt es.

Kein Schweigen, sondern Schockstarre

Sonntagabend vor der Düsseldorfer CDU-Landesgeschäftsstelle: Die Sonne ist hier das einzige, was strahlt. Schon vor den ersten Hochrechnungen um 18 Uhr ist die Stimmung gedrückt, anscheinend haben die Prognosen unter den wenigen anwesenden Parteianhängern schon die Runde gemacht.

Heijo Drießen hofft zu dem Zeitpunkt noch auf eine mögliche Koalition mit den Grünen, "Das klappt ja in Hamburg auch", sagt er. "Aber vielleicht reicht es dafür auch nicht." Recht hat er. Als um 18 Uhr die Hochrechnungen über die Fernseher flimmern, ist es erschreckend still im Saal. Und so bleibt es minutenlang. Das ist kein betretenes Schweigen, das ist Schockstarre. Deprimierte, erschrockene Gesichter, wohin man blickt. Rund zehn Prozent hat man im Vergleich zur letzten Landtagswahl verloren - "das ist extrem enttäuschend, das bestätigt alle Befürchtungen", gesteht CDU-Anhänger Drießen. Das schlimmste für alle hier ist aber, dass man wohl noch nicht mal stärkste Fraktion wird, womöglich hinter der SPD liegt.

Rüttgers 3-Minuten-Auftritt

Als Jürgen Rüttgers eine knappe Stunde später mit seinen Getreuen die kleine Bühne betritt, ist der Applaus eher höflich. Er sieht erschöpft aus, erschöpfter noch als am Vortag in Dortmund, bleich, enttäuscht. Das Bild eines Verlierers. "Bitter" sei dieser Abend, sagt er, "ich trage dafür die Verantwortung". Er sagt auch: "ich will dazu beitragen, dass NRW weiter stabil regiert wird", das heißt für ihn: ohne die "extremistischen" Linken. Man kann das als Signal werten, dass Rüttgers jetzt für eine große Koalition kämpft. Dann verschwindet er schnell von der Bühne, will nur noch weg. Kaum drei Minuten dauerte sein Auftritt.

Ausgerechnet als er die Bühne verlässt, ertönen die ersten Jubelschreie des Abends, eine neue Hochrechung sieht die CDU wieder gleich auf mit der SPD. Das ist heute schon ein Grund zum Jubeln. Dann leert sich das Zelt ganz schnell.

Tillmann Neunhaus ist einer der wenigen Anhänger, der noch hier bleibt. "Griechenland, das haben die einfachen Bürger einfach nicht verstanden", hadert er mit den Gründen für den Absturz. Und was passiert, wenn die CDU nur zweitstärkste Fraktion wird? Rüttgers als einfacher Minister in einem Kabinett unter einer Landeschefin Hannelore Kraft? Unwahrscheinlich. "Das kann man sich nicht vorstellen", sagt er. Später wird bekannt, dass Rüttgers schon seinen Rücktritt angeboten hat. Und so scheint zum Ende immerhin eines klar: Dieses Wochenende, das letzte dieses Wahlkampfes, war wohl auch die Abschiedstour des Jürgen Rüttgers.


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