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Porträt Armin Laschet: Den "Türken-Armin" sollten Sie lieber nicht unterschätzen

Er hat aufgeholt – Armin Laschet und seine CDU könnten an diesem Sonntag als Sieger der Wahl in NRW hervorgehen. Laschet ist ein Sonderling in der Politik – und in der CDU. "Türken-Armin" nannten sie ihn einst.

Der CDU-Politiker Armin Laschet schaut ernst

Armin Laschet war im Kabinett von Jürgen Rüttgers von 2005 bis 2010 Integrationsminister und gilt seit dieser Zeit als ein liberaler Kopf in seiner Partei

Armin Laschet ärgert sich schwarz. Der Wahlkampf des CDU-Spitzenkandidaten ist ausgebremst. Stau überall. Sein XXL-Bus kriecht voran - vorbei an CDU-Wahlplakaten "Schneller. Mehr Bewegung. Weniger Stau." Nur auf Umwegen und verspätet kommt der Herausforderer von NRW-Ministerpräsidenten Hannelore Kraft (SPD) zu seinen Auftritten. "Das macht mich rasend, dass man jeden Tag im Stau steht - verlorene Lebenszeit und eine Katastrophe für unsere Wirtschaft", schimpft Laschet. "Man braucht jetzt absolute Priorität, um die Situation in den Griff zu bekommen." Da können alle, die auf dem Marktplatz im bergischen Remscheid auf ihn gewartet haben, nur heftig zustimmen.

Der Landesparteichef und CDU-Bundesvize will nach der Wahl an diesem Sonntag Regierungschef  in Nordrhein-Westfalen werden. Bis auf seinen kleinen Wutausbruch ist der Wahlkämpfer ruhig bei der Sache, nickt, lächelt, schüttelt Hände, posiert geduldig für Fotos. Eine DPA-Reporterin begleitete ihn auf einer Wahlkampftour und beschrieb ihre Eindrücke über den Politiker, der so nett daherkommt – und nun im traditionell sozialdemokratisch-roten NRW für eine Überraschung sorgen könnte.

Armin Laschet für manche in der CDU zu liberal

Kritiker werfen Laschet vor, er sei zu brav, ungefährlich, es brauche mehr Profilschärfe und bissige Attacken gegen Rot-Grün. Das Image des etwas zu netten Politikers, der alles andere als ein Hardliner ist, begleitet ihn seit vielen Jahren: Im Kabinett von Jürgen Rüttgers - als CDU-Ministerpräsident eine Ausnahme im roten NRW der vergangenen Jahrzehnte - machte sich Laschet vor zwölf Jahren einen Namen als erster Integrationsminister Nordrhein-Westfalens. "Türken-Armin" nannten sie ihn damals spöttisch – wegen seiner liberalen Haltung und seinen differenzierten Ansichten in der Integrations- und Ausländerpolitik. Auch heute noch gilt er als Verteidiger von Kanzlerin Angela Merkels in der eigenen Partei umstrittenen Flüchtlingspolitik.

Laschet führt die Landespartei seit Sommer 2012 und die Fraktion seit Ende 2013. Anders als viele andere Politiker wirkt er bei öffentlichen Auftritten oft nicht so, als sei er auf Angriff gepolt. Er kommt freundlich daher – und er hat auch kein Problem damit, seiner SPD-Rivalin Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zuzustimmen, wenn er denn mit ihr einer Meinung ist. Für Satiriker war das schon eine Steilvorlage. Ist Laschet also zu nett oder zu bedächtig, um Hannelore Kraft Paroli zu bieten? Kann er sie bei der Landtagswahl schlagen?

Ein kleines Wunder vor der "kleinen Bundestagswahl"

Neue Umfragen sagen: Er kann. Kurz vor der "kleinen Bundestagswahl", wie die Abstimmung in NRW an diesem Wochenende auch genannt wird, passierte das, woran in den vergangenen Monaten eigentlich kaum jemand mehr glaubte: Mehrere Umfragen darauf hin, dass die CDU das knappe Rennen gegen die SPD für sich entscheiden könnte. Die CDU ist im Aufwind, die Sozialdemokraten wähnen sich nach den Landtagswahlen im Saarland und in Schleswig-Holstein im Stimmungstief.

Nicht nur seine Partei ist im Aufwind - inzwischen kommt auch Laschets Wahlkampf in Schwung. Der 56-jährige geborene Aachener agierte zuletzt deutlich weniger zurückhaltend, kommt schlagfertiger, eloquenter rüber. Beim TV-Duell gegen Kraft wählte er auch mal eine schärfere Tonlage. Und seit dem CDU-Sieg bei der Saar-Wahl im März wirkt er unbeschwert, locker. 

An Innenminister Ralf Jäger (SPD) lässt Laschet ohnehin kein gutes Haar. Die Innere Sicherheit bietet viel Angriffsfläche. Aber treiben die CDU-Themen Sicherheit, Bildung und Wirtschaft die Bürger denn überhaupt um?

"Unser zukünftiger Ministerpräsident!"

Zurück zu der Wahlkampftour Laschets. "Im ländlichen Raum, da wird Polizei abgezogen", tragen Beamte im Städtchen Radevormwald dem Gast aus Düsseldorf vor. "Dagegen muss man dringend was tun", erwidert Laschet. Der Passant Ernst Krätzig moniert: "Diese Untersuchungsausschüsse, zum Beispiel zu Silvester, die zieht Ihr viel zu oft hoch, die dauern ewig und kosten viel Geld." Laschet  – und hier kommt wieder der abwägende, differenzierte Integrationspolitiker durch - zählt auf, warum er die Aufklärungsarbeit für wichtig hält. Krätzig ist nicht überzeugt.

Eine Bürgerin steuert strahlend auf Laschet zu: "Unser zukünftiger Ministerpräsident!" Das hört der Politiker gern, der in den Wochen vor den Landtagswahl an diesem Wahlkampf-Wochenende gegen 6.30 Uhr in Aachen in den Bus stieg und nach Mitternacht heimkam.

Laschet hat den größten CDU-Landesverband nach dem Wahldesaster 2012 wieder aufgerichtet. Böse Zungen sagen, nach dem Rückzug des Wahlverlierers Norbert Röttgen habe die NRW-CDU keinen anderen Freiwilligen für die Parteispitze gefunden. Zum Spitzenkandidaten kürte die CDU Laschet dann Ende 2016 aber mit satten 97 Prozent.

Das Laschet-Mobil nimmt Kurs auf die nächste Station - am Straßenrand schauen Kraft und FDP-Chef Christian Lindner von den Plakaten. Mit beiden wäre ein Bündnis denkbar. Laschet spricht jetzt mit Passanten über Bildung, Unterrichtsausfälle oder was die CDU für Senioren tut. Eine ältere Dame stellt klar, "wo der Schuh drückt." Laschet: "Wenn was ist, melden Sie sich." Antwort: Ja. Aber nein, keinen Mitgliedsantrag!

In Solingen geht es dann um Inklusion, Rente, Ehegattensplitting. Auch wenn es sich manchmal um reine Bundespolitik dreht, hört Laschet immer aufmerksam zu, Sorgenfalten auf der Stirn. Unmut über die Flüchtlingspolitik wird laut: "In die Flüchtlingsunterkünfte, da wird Geld reingeballert, für anderes fehlt es dann - für mehr Busse oder Sauberkeit in der Stadt", meckert einer. Laschet beteuert, er nehme solche Sorgen ernst und mahnt: "Aber trotzdem nicht AfD wählen, selbst wenn man sich ärgert."

Wer eine Wahl gewinnen und in die Staatskanzlei einziehen will, muss auch mal über Spargelernte oder Kartoffelrezepte plaudern. Kontrahentin Kraft gelte da als unverkrampft - wie ist es mit ihm? "Das kann ich mindestens genauso gut", sagt Laschet der dpa-Reporterin, während er in seinem Bus eine Krawatte umbindet - für einen Redaktionsbesuch und eine anstehende TV-Aufzeichnung.

Einen "Plan B" gibt es nicht

Sollte der gelernte Journalist und studierte Jurist scheitern, hat er keinen "Plan B". Aber er ist optimistisch, dass die CDU stärkste Kraft werden wird. Auch Rentner Dietrich Waldow ist überzeugt: "Der Laschet, der lässt sich nichts gefallen. Der wird das schon schaffen am 14. Mai."

Dass das in der Tat eine Sensation wäre, zeigt schon ein Blick in die Geschichte Nordrhein-Westfalens:  In 45 der vergangenen 50 Jahre stellte die SPD den Ministerpräsidenten in Düsseldorf. In dieser Zeit war das Amt nur von 2005 bis 2010 in der Hand der CDU, bei Jürgen Rüttgers.

Doch die Sensation scheint möglich: Erhebungen für das ZDF und für Sat.1 zwei Tage vor der Wahl sehen Laschets Christdemokraten je einen Prozentpunkt vor der SPD. Eine dritte Umfrage ergibt das umgekehrte Bild.

Zwei Tage hat der Kraft-Herausforderer noch, und die wird er nutzen. Nein, unterschätzen sollte man den netten Herrn Laschet wirklich nicht.


anb/DPA