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Landtagswahl in NRW Röttgens Selbstmordkommando


Er galt als geborener Gewinner, nun hat er in NRW alles geschreddert. Wäre er nicht so jung, würde man sagen: Er kann nur noch CDU-Visionär vom Dienst werden.
Ein Kommentar von Andreas Hoidn-Borchers

Nein, diesen schwarzen Wahlsonntag, den 13. Mai 2012, werden die deutschen Christdemokraten so schnell nicht vergessen - und ihrem stellvertretendem Bundesvorsitzenden Norbert Röttgen schon gar nicht. Um es gleich vorweg zu sagen: Spaß macht es nicht, nun einem derart vom Wähler Gedemütigten noch ein paar herbe Worte nachzurufen. Aber es muss sein. Das Leben ist manchmal hart und gemein. Es trifft nicht immer den Richtigen.

Bis vor wenigen Wochen hätte man ja nicht vermutet, diesen Satz einmal im Zusammenhang mit Norbert Röttgen schreiben zu müssen. Aber jetzt drängt er sich geradezu auf. Also los, frei nach Karl Kraus: Es reicht nicht, keine Idee zu haben, man muss auch unfähig sein, sie umzusetzen.

Manche mögen Hühnerfüße

Was der Bundesumweltminister, dem der Ruf anhaftete, ein natural born winner zu sein, da in seinem Heimatland Nordrhein-Westfalen veranstaltet hat, lässt sich mit der herkömmlichen Bedeutung des Wortes Wahlkampf nicht mehr beschreiben. Höchstens als Wahlkampf mit islamistischem Einschlag: Er agierte als politisches Einmann-Selbstmordkommando. Da allerdings entfaltete er eine durchschlagende Wirkung. Er schrumpfte seinen Landesverband. Er beschädigte die Kanzlerin. Er minimierte die Wiederwahlchancen der CDU für die Bundestagswahl im kommenden Herbst. Und er schredderte seine eigene politische Zukunft.

Eine ähnlich große Verheerung wie Röttgen als CDU-Spitzenkandidat in einem westdeutschen Flächenland dürfte zuletzt ein gewisser Carl-Ludwig Wagner in Rheinland-Pfalz angerichtet haben. Das war 1991. Seither regiert in Mainz die SPD. Auch eine reife Leistung. Man kann Röttgen allenfalls zugute halten, dass er nebenbei die moribunde FDP reanimiert hat, was es der Koalition in Berlin erlaubt, sich noch ein Jahr bis zum regulären Wahltermin durchzuschleppen. Aber das war keine Absicht. Und ob man Röttgen die Rettung der FDP wirklich auf die Habenseite schreiben sollte, nun ja, die Geschmäcker sind verschieden. Manche mögen auch Hühnerfüße.

Nur Hirn, nicht Herz

Wie Röttgen als Spitzenkandidat agierte, war eigentlich unter seinem Niveau. Nahezu unverständlich. Oder man hat ihn über Jahre einfach überschätzt. Man könnte das Unternehmen auch in einem einfachen Satz zusammenfassen: Erst hat man kein Glück und dann kommt auch noch Unvermögen hinzu.

Röttgen, der seit Fukushima auf einer Sahnewelle gesurft war, hatte das Pech, dass die rot-grüne Minderheitsregierung länger durchhielt als gehofft und erst zu einem Zeitpunkt in Neuwahlen ging, als die Menschen in NRW sich mit dem Experiment und Hannelore Kraft angefreundet hatten - und als seine eigene Rolle als Held der Energiewende wieder etwas verblasst war. Und er war nicht in der Lage, aus seiner Haut zu können. Er war nicht fähig oder nicht willens, sich zu verstellen. Er wollte nicht als Oppositionsführer nach Düsseldorf und er wollte den Wähler keinen falschen Röttgen vorgaukeln. Der Mann ist eben alles andere als Currywurst. Er kann nur Hirn, nicht Herz. Genau das aber war gefragt. Man muss das nicht unbedingt als Sieg der politischen Qualität sehen.

Bester Moment: sein Abgang

Es hat keinen Sinn, alle Fehler aufzuzählen, die Röttgen gemacht hat. Es waren zu viele. Jeder einzelne wäre verzeihlich gewesen. In der Summe waren sie fatal. Deshalb an dieser Stelle nur die zwei größten: Röttgen hat von Anfang an seine Zugkraft als Wahlkämpfer überschätzt. Und er hat sich eingebunkert. Wer sich selbst für den Besten hält, tut sich eben schwer, Ratschläge anderer anzunehmen.

Seinen besten Moment hatte Röttgen noch gestern Abend, als er bereits vor der ersten Hochrechnung die Schuld für das 26-Prozent-Desaster der CDU auf sich nahm und den Rücktritt als Landesvorsitzender verkündete. Frei war er in der Entscheidung allerdings nicht mehr. Er kam nur der Demütigung zuvor, von seinen Parteifeinden, deren Zahl weiter gestiegen sein dürfte, was auch schon wieder eine Leistung ist, wie ein räudiger Hund vom Hof gejagt zu werden. In der Politik gibt es kein Mitleid für jene, die nach oben wollen und scheitern.

Der Eppler der CDU

Sollte seine Partei demnächst einen Ersatz für Angela Merkel benötigen, an Norbert Röttgen kommt sie locker vorbei. Es gibt nicht viele in der CDU, die das bedauern. Schade finden kann man das als halbwegs neutraler Beobachter trotzdem. Es gibt nicht so viele, und das gilt für alle Parteien, die in der Lage sind, ein wenig über den politischen Tagesrand zu gucken. Und die es können, können selten Wahlkampf. Erhard Eppler war so einer. Wer es gut meint mit Norbert Röttgen, könnte ihm eine Zukunft als Eppler der CDU wünschen. Nur ist er dafür zu noch zu jung und zu ehrgeizig. Aber wenn Röttgen sich ehrlich prüft, wird er wissen: Mehr ist kaum noch drin.

Röttgen galt mal als Zukunftshoffnung der CDU. Jetzt kann er nur hoffen, selbst noch eine Zukunft in der CDU zu haben.


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