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Mainz vor dem B-Day: Bush schließt Kanaldeckel und Schulen

Autobahnen werden gesperrt, Kanaldeckel zugeschweißt, Schulen geschlossen und 5000 landesfremde Polizisten gerufen. In Mainz herrscht der Ausnahmezustand - am Mittwoch kommt US-Präsident George W. Bush.

Von Florian Güßgen

Wird er lächeln, wenn Gerhard ihn drückt? Wird er Doris auf die Wange küssen? Wird Laura das Gutenberg Museum mögen? Und, hoffentlich, hoffentlich, sind diese lästigen, langhaarigen Demonstranten mit ihren Trillerpfeifen nicht zu laut. Die Gedanken der Mainzer Offiziellen sind unbekannt, fest steht jedoch: Die Stadt steht Kopf, denn am Mittwoch stellt sie die Kulisse für die große, die ganz große Politik. 1184 feierte Kaiser Friedrich Barbarossa in Mainz noch ein legendäres Reichsfest, am Mittwoch nun kommt US-Präsident George W. Bush mitsamt Gattin Laura.

Weltpolitik am Rhein

Es geht um Weltpolitik, und deshalb haben die Mainzer nichts dem Zufall überlassen. 1300 Gully- und Kanaldeckel seien verschweißt worden, heißt es. Menschen, die sich oder Sprengstoff im Kanalsystem verstecken wollen, haben keine Chance. Das Sicherheits-Aufgebot ist immens: Rund 5000 landesfremde Polizisten werden aus anderen Bundesländern herbeigekarrt, für die Rheinland-Pfälzer selbst ist der Einsatz sogar so groß, dass sie die Zahl ihrer Truppen geheim halten. Richtig los gehen wird es Mittwoch gegen 9.45 Uhr, wenn Stargast George W. mit Frau am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen landet. Höchstpersönlich, so sieht es das offizielle Programm vor, wird ihn dann sein wiederentdeckter Freund Gerhard in die Arme schließen– schon das ein besonderer Liebesdienst des Kanzlers.

Opel lässt Produktion ruhen

Fluchs müssen die vier zusehen, dass sie in die Mainzer Innenstadt gelangen. Die Autobahnen, auf denen Kanzler und Präsident mit ihren Trossen und Karossen fahren, werden dabei für das gemeine Volk gesperrt. Dieses muss deshalb - kleine Kollateralschäden der Weltpolitik - mit erheblichen Behinderungen rechnen. Schlau hat dabei besonders Opel auf die Situation reagiert. In seinem Werk in Rüsselsheim, das direkt an den betroffenen Strecken liegt, will der Autobauer seine Produktion für die Zeit des Bush-Besuchs fast ganz stilllegen. Rund 5000 Leute sollen lieber zu Hause bleiben, bevor sie im Bush-Chaos stecken bleiben. Ein pragmatisches Tribut an die deutsch-amerikanische Freundschaft - aber andererseits gehört Opel ja ohnehin Amerikanern.

Der Governor of Rheinland-Pfalz wartet

Für jene, die sich trotz aller Warnungen mit dem Auto in die Region wagen, haben sich die Planer übrigens für die Zeit zwischen 11 und 15 Uhr etwas Besonderes enfallen lassen, eine Art Riesen-Kreisverkehr nämlich. Dieser soll den Fahrfluss zwischen Mainz, Wiesbaden, Rüsselsheim und Frankfurt ein Einbahnrichtung am Laufen halten. Für alle Zugfahrer hatte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn am Wochenende schon mal vorsorglich gegen Störungen beim Zugverkehr gewettert. Insgesamt sollen wegen des Bush-Besuchs etwa 100 Züge ausfallen. George W. jedenfalls hat freie Fahrt, um pünktlich um halb elf im Kurfürstlichen Schloss in Rhein-Nähe einzutreffen. Dort warten Joschka (Fischer), Peter (Struck) und ein bärtiger Herr namens Kurt (Beck), der Governor von Rheinland-Pfalz. Nach dem freundlichen Händeschütteln mit den Honoratioren darf der US-Präsident, politisch super-korrekt, Soldaten ehren, jeweils zehn deutsche und zehn amerikanische, die allesamt in Afghanistan gedient haben. Es folgen der Austausch von Nettigkeiten mit den Gastgebern (politische Gespräche), eine Pressekonferenz und endlich ein flauschiges Mittagessen mit Gerhard und Doris.

Demonstranten trotzen Plakat-Vorgaben

Möglicherweise lästige Demonstranten hat die Stadt Mainz auf Abstand gehalten. Zwar dürfen jene, die dem Aufruf des Aktionsbündnisses „Not welcome, Mr. Bush“ folgen wollen, in der Nähe des Bahnhofs schreien, plärren und pfeifen. Belästigt muss sich der Präsident dadurch aber wohl kaum fühlen - auch wenn die Miesmacher nun besser sichtbar sein dürften als ursprünglich geplant. Eigentlich hatten die Mainzer nämlich die Größe der Protestplakate begrenzen wollen, auf höchstens zwei Meter Breite. Nach heftiger Gegenwehr haben sie diesen Plan dann allerdings fallen lassen.

Freundliche Konversation mit Einheimischen

Am Nachmittag darf sich George W. dann Einheimische ansehen. Aber klar, auch hier gilt: Ein Bush ist nicht für Jedermann. Eine Art Bürgerforum (Jargon: „Town Hall“), auf dem auch unangenehme Frager hätten auftreten könnten, haben die Organisatoren der Bush-Festspiele schon vorab abgebügelt. Jetzt gibt’s ein wohl eher weichgespültes Geplänkel (Jargon: Round Table) mit vorsortierten Dialogpartnern, die sich mit dem Führer der westlichen Welt über den Stand der transatlantischen Befindlichkeiten unterhalten dürfen. Sogar echte Mainzer Studenten sollen dabei sein.

Gutenberg-Museum im Schnelldurchlauf

Kulturelle Kost erhalten Bush und Gattin am Nachmittag im Gutenberg-Museum. Im Schnelldurchlauf erhält das Präsidentenpaar einen historischen Kurs in Sachen Entwicklung und Bedeutung des Buchdrucks. Hat der Tross diesen Abstecher überstanden, ist auch schon fast alles wieder vorbei. Bush macht noch einen Abstecher auf eine Militärbasis bei Wiesbaden, und schon geht es weiter in die slowakische Hauptstadt Bratislava. Zurückbleiben werden aller Voraussicht nach, einige glückliche Politiker, einige stolze Mainzer, eine Menge frustrierter Autofahrer und Stadtangestellte, die mindestens 1300 Gully- und Kanaldeckel wieder aufschweißen müssen.