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Marco W.: Marcos falsche Freunde

Acht Monate saß Marco Weiss im türkischen Gefängnis, bis er vergangenen Freitag heimfliegen durfte. Sein Fall verhalf den Beratern der Familie zum ganz großen Auftritt - in eigener Sache.

Von Frauke Hunfeld und Metin Yilmaz

Die eigentlichen Helden stehen abseits an diesem Tag. Am Rande des Hofes vom Justizpalast in Antalya überlegen die drei türkischen Rechtsanwälte von Bernd Marco Weiss aus Uelzen, der des sexuellen Missbrauchs nach Paragraf 103 des türkischen Strafgesetzbuches angeklagt ist, was als Nächstes zu tun sei, während sich die Kamerascheinwerfer auf Marcos Vater Ralf Jahns und die Anwälte Matthias Waldraff und Michael Nagel aus Hannover richten. Die Journalisten wollen wissen, wie die Männer aus Hannover es geschafft haben, den Jungen aus der Untersuchungshaft freizubekommen, wie es letztlich geglückt sei, dass er ausreisen darf, und das ganz ohne Auflagen, und ob er im April denn nun freigesprochen wird.

Dabei können die es ihnen nun wirklich nicht sagen. Denn die Anwälte aus Hannover waren zwar in fast jeder Talkshow und haben von dort aus für eine Menge Aufregung gesorgt. Aber sie waren kein einziges Mal in der Verhandlung. Die von ihnen monatelang angekündigte Klage in Straßburg wurde erst vor Kurzem eingereicht und inzwischen wieder zurückgezogen. Ihre öffentlich vertretene Strategie war das Gegenteil dessen, was die türkischen Anwälte am vergangenen Freitag im Gerichtssaal vorgebracht haben.

Dies ist nicht das letzte große Missverständnis in diesem Drama, das aus lauter großen und kleinen Missverständnissen besteht, aber auch aus Missbrauch, Desinformation und misslichen Situationen.

Wie alles begann

Osterurlaub 2007, türkische Riviera. Familie Weiss aus Uelzen bereitet sich auf die Abreise vor, als plötzlich zwei Gendarmen im Hotel auftauchen. Man schildert Marcos Eltern, dass ihr Sohn ein 13-jähriges englisches Mädchen sexuell missbraucht haben soll und dass dessen Mutter Anzeige erstattet habe. Die Eltern begleiten Marco auf die Wache, ein Gästebetreuer des Reiseveranstalters ist auch dabei. Er versucht, diese Unannehmlichkeit so angenehm wie möglich über die Bühne zu bringen, denn das ist sein Job. Er murmelt etwas von "keine Gedanken machen" und "Bürokratie". Wer ahnt denn so was?

Marco wird vernommen. Er will alles erklären. Es war doch harmlos, glaubt er. Er versteht die Aufregung nicht, will die Sache schnell aus der Welt schaffen und dann die Koffer packen. Man belehrt ihn über sein Recht zu schweigen. Aber Marco will gar nicht schweigen. Er will reden. Man fragt ihn: "Hattet ihr Sex?" Marco sagt: "Ja." Dann klicken die Handschellen. Ahmet Ünal Ersoy träumt gerade von einem frühen Feierabend, als in seiner Kanzlei in Manavgat, 80 Kilometer östlich von Antalya, an jenem Freitag das Telefon klingelt. Die Sekretärin ist schon zu Hause, er nimmt ab. Ein Deutscher ist dran, der sagt, man brauche einen Anwalt, und es sei dringend. "Wie dringend?", fragt Ersoy. Eine Viertelstunde später sitzen Marcos Eltern Ralf Jahns und Martina Weiss auf seiner Couch.

Ahmet Ünal Ersoy ist in Manavgat geboren. Der 31-Jährige hat in Istanbul studiert und zur Finanzierung des Studiums als Touristenführer gearbeitet. Sein Deutsch hat er aus Büchern gelernt und von den Urlaubern. Er hat lange überlegt, ob er in Istanbul Karriere machen soll. Dann aber siegte die Sehnsucht nach dem Süden.

Ersoy drängt darauf, das Mädchen noch einmal zu vernehmen

Ersoy und die Kollegen aus seiner Kanzlei übernehmen den Fall. Sie drängen darauf, dass das Mädchen noch mal von einem Staatsanwalt vernommen wird und die Vorwürfe konkretisiert. Sie wissen: Sex ist für einen 17-Jährigen ein weiter Begriff, nicht aber für das Strafrecht. Der vollzogene Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen ist strafbar, unabhängig davon, ob sie es wollte, und unabhängig davon, ob der Junge sie für älter gehalten hat. Es gibt ein ärztliches Gutachten, nach dem Spermien in Charlottes Körper entdeckt wurden. Aber das Jungfernhäutchen ist intakt. In der erneuten Vernehmung sagt das englische Mädchen, es sei nicht zur Penetra­tion gekommen. Für Ersoy und seine Kollegen beginnen acht anstrengende Monate.

Marco sitzt diese acht Monate in Untersuchungshaft. Denn die Lage ist kompliziert: Sie betrifft drei Länder, drei Sprachen, drei Rechtssysteme. Wenigstens die sind sich relativ ähnlich. Aber es gibt eine Menge Übersetzungsaufwand, Formularkram, lange Dienstwege, und viele Unterschriften und Stempel von Ministerien werden gebraucht, bis eine Aussage oder ein Protokoll von Antalya nach Manchester gelangt und wieder zurück. Jeden Monat versammelt sich das Gericht. Jeden Monat wird die Fortsetzung der U-Haft angeordnet. Es ist eine Ermessensentscheidung. Der Richter befindet, die Vorwürfe wögen zu schwer, etliche Beweise wie das medizinische Gutachten und Marcos Aussage seien bereits in der Akte. Außerdem seien Unterlagen aus England noch nicht vollständig eingetroffen.

Jeder will auf seine Weise helfen

Der Fall Marco wird ein internationales Spektakel. Deutsche Politiker wie Markus Söder, Volker Kauder oder Christian Wulff benutzen Marco, um ihren Bedenken gegen den Beitritt der Türkei zur EU neue Kraft zu geben. Die türkische Regierung ist verstimmt über den Versuch der politischen Einflussnahme auf ihre Justiz. Dass dies alles dem Teenager Marco schadet, scheint kaum jemanden zu kümmern.

Der Fall Marco löst kollektive Anteilnahme aus. Das Technische Hilfswerk, bei dem Marco mitgearbeitet hat, ruft zu Spenden auf, Mahnwachen werden abgehalten, Kerzen entzündet, Gedenkgottesdienste abgehalten, als ginge es darum, den Opfern einer Naturkatastrophe beizustehen. Jeder will auf seine Weise helfen: Ein Uelzener Friseur schneidet auf dem Stadtfest Haa re zugunsten von Marco, die katholische Kirche produziert einen Videoclip in Zusammenarbeit mit RTL, Schulen spielen Benefiztheater.

Der Fall Marco wird zum Geschäft: Für die Aussagen von Charlotte werden, so Nebenklage-Anwalt Ömer Aycan kopfschüttelnd, von Journalisten bis zu 50.000 Euro geboten. Es gibt Marco-T-Shirts zu kaufen und "Free Marco"-Aufkleber und Marco- Songs, und findige Ebay-Verkäufer nehmen Marco in ihre Suchbegriffe. Ein freier Autor, der sich in Uelzen zunächst als Mitglied des Technischen Hilfswerks ausgibt, um Vertrauen zu gewinnen, tritt als "Medienberater der Eltern" und als Journalist auf. Er arrangiert Pressekontakte, befragt die Eltern und verkauft die Aufnahmen an Fernsehsender. Das sei ganz normal heutzutage, klärt er auf, und er mache schließlich mit den Eltern halbe-halbe.

Der Fall Marco wird zum PR-Spektakel

Dutzende deutsche Anwälte rufen an, um die Familie Weiss zu beraten. Geld spiele keine Rolle. Schon bald meldet sich auch der Rechtsanwalt Matthias Waldraff aus Hannover, der anbietet, mit seinem Kollegen Michael Nagel für Marco zu arbeiten. Sie wollen nur helfen, sagen Nagel und Waldraff dem stern, sie seien eben "Vollblut- Anwälte".

In Hannover geben die beiden Anwälte Interviews und schicken Pressemitteilungen in die Welt. Sie sitzen bei Kerner, Maischberger und Co. und reden über Marcos traurige Augen und seine schlechte psychische Verfassung. Sie engagieren einen weiteren türkischen Anwalt. Was sie ansonsten im Fall Marco machen, möchten sie "aus prozesstaktischen Gründen" nicht sagen. "Wir haben die Kärrnerarbeit gemacht", sagt Matthias Waldraff.

In Antalya besucht währenddessen der junge Anwalt Ersoy seinen Mandaten Marco jede Woche im Gefängnis. Auch wenn es so viel gar nicht zu besprechen gibt: Der Teenager aus Deutschland braucht die Unterstützung und das Gefühl, jemand kümmert sich. Sie reden über Fußball und über Autos, über den Gefängnisalltag und über Persönliches. Ersoy und seine Kollegen in Antalya und Istanbul recherchieren, schreiben Anträge, holen Gutachten ein. Es ist ein stressiger Job. Dass in Deutschland zwei Anwälte behaupten, er und seine Kanzleimitstreiter hätten Marco monatelang nicht verteidigt und schlecht betreut, macht ihn "traurig, aber mehr auch nicht".

Ralf Jahns besucht seinen Sohn, sooft es geht. Manchmal ist er wochenlang in der Türkei. Er hat dort Freunde gefunden, er bestellt sein Essen mittlerweile auf Türkisch. Er ist der bescheidene, weltoffene Mann geblieben, der er vor acht Monaten war. Er ahnt in den Tagen vor der Entlassung, dass es vielen Leuten nicht um Marco gegangen ist, all den Beratern, Politikern, Anwälten, aber er weiß nicht, wen er noch braucht. Er will doch nur seinen Sohn zurück, seine Familie, sein Leben.

Vor dem letzten Verhandlungstag steigt die Anspannung. Weihnachten steht vor der Tür. Anwalt Michael Nagel erklärt, dass die Aussage Charlottes nicht verwendbar sei, dass man das Mädchen dem Gericht zuführen müsse, dass es ein Fragerecht der Verteidigung geben müsse und notfalls das Gericht aus Antalya nach England zu fliegen habe. Er selbst darf als deutscher Anwalt nicht an der Verhandlung teilnehmen. Ersoy und seine Kollegen sind dagegen froh, dass sie Charlottes Aussage endlich haben. Sie bestätigt noch einmal einen wichtigen Punkt: Zu einer Penetration sei es nicht gekommen. Das reduziert das zu erwartende Strafmaß erheblich und macht den Weg frei für die Haftverschonung.

Herr Öger soll helfen

Der letzte Akt: Marcos Vater ruft den deutsch-türkischen Tourismusunternehmer Vural Öger (Öger Tours) an und bittet ihn um Hilfe. Öger reist nach Antalya. Er besucht Marco im Gefängnis und kommt zum Prozess. Er will sehen, was er tun kann. Dann, am vergangenen Freitag, wird Marco freigelassen. Ohne Kaution, ohne Auflagen. Der Junge darf nach Hause.

Was jetzt? Die Hannoveraner Anwälte und der Medienberater streiten sich auf dem Gerichtsflur, in welcher Reihenfolge sie draußen vor die Kameras treten. Ralf Jahns, Marcos Vater, versucht, mit Ersoy abzuhauen. Zu diesem Zeitpunkt hat sein "Medienberater" Marcos Schicksal bereits exklusiv an RTL verkauft.

Ersoy und Jahns verlassen in Ersoys Opel Astra das Gericht. Auf einem Parkplatz vor dem Finanzamt halten sie erst mal an. Jubeln. Klatschen sich ab. Ersoy ruft das Gefängnis an und die Ausländerpolizei. Sie fahren in einen Copyshop und machen Kopien von Marcos und seines Vaters Pass. Die Ausländerpolizei lotst sie zum Krankenhaus von Antalya. Auf dem Parkplatz wartet ein moderner Jeep mit verdunkelten Scheiben. Dass Marco schon darin sitzt, weiß sein Vater nicht. Er ist untersucht worden, ob er gesund ist und unversehrt.

Ralf Jahns telefoniert mit Vural Öger. Ob er helfen könne bei einer raschen Ausreise. Öger kümmert sich um Flüge. Eine reguläre Maschine gehe um Mitternacht ab Istanbul. Dann ruft Michael Nagel an. Eine reguläre Maschine soll es nicht sein. Es sei alles arrangiert. Eine halbe Stunde später wieder ein Anruf von der Gendarmerie. "Folgen Sie dem Jeep. Keine Presse, keine Fotos." Es geht zum Flughafen.

Die Kanzlerin freut sich

Währenddessen geben die Hannoveraner Anwälte wieder mal eine Pressekonferenz. "Wir freuen uns", sagen sie den versammelten Journalisten, "Grüße mitbringen zu dürfen von Marco." Dabei weiß der gar nichts von dieser Pressekonferenz. Die Anwälte erzählen, dass sie fast täglich mit dem deutschen Außenminister telefoniert haben und mit vielen anderen wichtigen Leuten. Marco und sein Vater brauchten jetzt Ruhe. Mit Journalisten könnten sie deswegen nicht reden. Vural Ögers Auftreten jedoch hätte sehr geschadet und nichts genützt. In Deutschland gibt es die ersten Reaktionen. Die Kanzlerin freut sich. Der Außenminister ist erleichtert. Viele Menschen hoffen auf Marcos endgültigen Freispruch im April.

Noch so ein Missverständnis: Charlotte ist 13 Jahre alt. Jede Art von sexuellen Handlungen mit einer 13-Jährigen ist verboten. Es gilt der absolute Schutz des Kindes. Das ist in der Türkei so, in Deutschland, in England und auch in den meisten anderen Ländern der Welt. Dass solche Handlungen stattgefunden haben, ist unstrittig. Natürlich kann man mildernde Umstände anführen, das Alter des Beschuldigten und, wie es die Anwälte formulieren, "dass man sich in freundlicher Atmosphäre einvernehmlich nähergekommen sei", wenn das Gericht dies glaubt. Man kann in einem solchen Fall die Strafe zur Bewährung aussetzen. Aber einen Freispruch kann es nach Lage der Dinge nicht geben.

Vural Öger will keinen Streit. "Ich habe nicht mit dem Gericht gesprochen, ich habe keinen 'Druck' ausgeübt, denn das kann ich nicht. Sie überschätzen meine Möglichkeiten. Ich wurde um Hilfe gebeten, ich habe Marco besucht, ich habe ein paar Leuten erzählt, was Weihnachten in Deutschland bedeutet, und ich habe versucht, bei der technischen Abwicklung der Ausreise behilflich zu sein. Das war's." Die Vorwürfe der beiden Hannoveraner findet er absurd. "Diese Leute spielen Anwalt, dabei haben sie mit dem Prozess nichts zu tun gehabt", sagt er. "Was haben sie monatelang gemacht, außer Interviews zu geben? Marco hat sich bei mir am Telefon bedankt. Das reicht mir."

In Terminal 2 des Internationalen Flughafens werden der kleine türkische Anwalt und der große Herr Jahns durchgeschleust auf die obere Etage. Ein langer Flur, ein kleines Zimmer, eine offene Tür, da sitzt Marco. Ralf Jahns rennt los und schließt seinen Jungen endlich in die Arme. In der VIP-Lounge des Flughafens warten die Anwälte aus Hannover und der Medienberater. Vater und Sohn laufen aufs Rollfeld, Anwälte und Medienberater hinterher. Dann steigen sie in den Privatjet. Die Kamera läuft.

Mitarbeit: Oliver Link

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