Mecklenburg-Vorpommern Aufschlag Erwin Sellering


Mecklenburg-Vorpommern hat fast so viele Probleme wie Einwohner - und die soll ab Oktober Erwin Sellering beackern, der designierte Nachfolger von Ministerpräsident Harald Ringstorff. stern.de traf den Juristen Sellering im "Café Einstein" und fragte ihn, was ein Wessi im Osten reißen kann.

Der schlimmste Vorwurf, der Erwin Sellering, 58, nachhängt, lautet: Der ist so unauffällig. Was macht der denn überhaupt? Was will er?

Sellering ist vor 14 Jahren mit Ehefrau und zwei Töchtern von Nordrhein-Westfalen nach Mecklenburg Vorpommern gezogen. Dort trat er in die SPD ein - und absolvierte eine atemberaubende Karriere. 1994: Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht Greifswald. 1998: Abteilungsleiter der Staatskanzlei in Schwerin. 2000: Justizminister in Mecklenburg-Vorpommern. 2007: Chef des SPD-Landesverbandes. 2008: Im Oktober soll Sellering zum Nachfolger des amtierenden Ministerpräsidenten Harald Ringstorff gewählt werden. Die Wahl gilt als sicher. Sellering, der aus so genannten "einfachen Verhältnissen" kommt, war dieser Triumph nicht in die Wiege gelegt.

Gleichwohl tritt Sellering nicht wie ein Triumphator auf. Eher mit einem ruhigen, freundlichen Selbstbewußtsein. Kann denn ein Wessi wie er überhaupt die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern für sich vereinnahmen? "Darum geht es nicht", antwortet Sellering im "Café Einstein", dem stern.de-TV-Interview, bündig. "Ich lebe seit vierzehn Jahren da, das ist meine Heimat, für dieses Land brenne ich."

Zukunft als Nationalpark?

Nun ist es nicht so, dass Mecklenburg-Vorpommern keine Leute brauchen könnte, die für das Land brennen. Die Arbeitslosenquote beträgt 13,4 Prozent, die Schulden lagen 2006 bei 10,7 Milliarden Euro, junge Menschen wandern ab, dafür zog die NPD in den Landtag ein. Es gibt Zyniker, die sagen, MV hätte nur eine Chance zu überleben - als Nationalpark Deutschlands. Wo sich Wissenschaftler und Touristen an der unberührten Natur laben können.

Sellering redet die Probleme nicht schön, zeigt aber Perspektiven auf. "Wir wollen das kinderfreundlichste Bundesland werden", sagt er zu stern.de. Schon jetzt könnten 97 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren mit Kita-Plätzen versorgt werden. "Das gibt es nirgendwo sonst in Deutschland." Und für Arbeitsplätze will Sellering natürlich ebenfalls sorgen. Er glaubt, dass sich große Industrieunternehmen auch deshalb nicht in MV ansiedeln, weil zu wenig Fachpersonal vor Ort sei. Deswegen wolle er die Hochschulen stärken.

Für ein NPD-Verbot

Diese Probleme jedoch scheinen für ihn eher technischer Natur zu sein, eine Frage von klugen Strategien und Regierungshandeln. Was ihm erkennbar auf der Seele brennt, ist der Rechtsextremismus im Land. "Mecklenburg-Vorpommern ist ganz gezielt als Aufmarschgebiet ausgesucht worden", sagt der SPD-Politiker. "Da wird Geld massiert, Leute werden in Stellung gebracht, weil wir dünn besiedelt sind und man vor Ort viel erreichen kann." Um diese Entwicklung zu stoppen, plädiert Sellering im "Café Einstein" umstandslos für ein Verbot der NPD. Er würde sich da mehr Unterstützung von Innenminister Wolfgang Schäuble wünschen.

Dass Schäuble einen zweiten Anlauf für ein NPD-Verbot machen wird, ist eher unwahrscheinlich. Also wird Sellering selbst agieren müssen. Nach seiner Wahl im Oktober hat er alle Möglichkeiten dazu. Ein bisschen unfreundlicher wird er schon werden müssen, um MV nach vorne zu bringen.

lk

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