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Merkels Kandidatenkür Nur Mut zur Gauck-Wende!

Die FDP will Joachim Gauck, die CDU nicht. Seine Wahl wäre das Eingeständnis des Scheiterns, heißt es, wie die Atom-Wende. Stimmt. Dennoch könnte Merkel davon profitieren.
Ein Kommentar von Florian Güßgen

Angela Merkel hat offenbar Angst vor der Gauck-Wende. Wie sähe das denn aus? Zuerst biste für Atom. Dann explodiert Fukushima, und, schwupps, biste dagegen. Erst biste gegen Gauck, dann implodiert Wullf, und schwupps, biste für Gauck? Die Kanzlerin fürchtet den Ruch des Wendehalses, die rot-grüne Häme, und wohl auch die Wut der eigenen Basis. Wo bleibt denn da der bürgerliche Wert der Verlässlichkeit, der Standhaftigkeit? Am Sonntagnachmittag sprach sich selbst die Führung des Koalitionspartners FDP für Gauck aus, nur die CDU-Spitze ist offenbar weiterhin dagegen. Sogar auf einen Koalitionskrach lässt es Schwarz-Gelb deshalb ankommen.

Dabei sind die Befürchtungen der Union Pillepalle. Nichts wäre aus Sicht der Kanzlerin klüger und strategisch geschickter, als Gauck jetzt schnell auf den Schild zu heben und gen Bellevue zu tragen. „Fehler sind menschlich“, könnte Merkel sagen. „Und ich habe den Fehler gemacht, Christian Wulff zu vertrauen. Aber, liebe Mitbürger, wo kämen wir denn hin, wenn wir auf das Wort von anderen nicht mehr vertrauen mögen? In so einer Republik möchte ich“, hört, hört, „nicht Kanzlerin sein.“ Und allein aus polittaktischen Überlegungen, könnte die Kanzlerin sagen, wolle sie nicht darauf verzichten, einem durch und durch integren Mann wie Joachim Gauck den Einzug in das schöne Schloss zu verwehren. Dass sie ihn schätzt, ist verbrieft, die Eignung für das höchste Staatsamt hat sie ihm nie abgesprochen.

Gauck für Rot-Grün nun schwerer zu schlucken

Merkel müsste eigentlich mittlerweile wissen, dass sie in der Öffentlichkeit mit viel davonkommt. Die dreiste Atomwende hat sie in Umfragen locker überstanden, aus ihrer anfänglich zögerlichen Eurokrisen-Politik ist sie als starke Frau des Kontinents hervor gegangen. Die Gauck-Wende nach dem Wulff-GAU wäre zwar das Eingeständnis eines Fehlers, aber das öffentliche Eingeständnis des Scheiterns kann auch Verständnis, Sympathie und Zustimmung nach sich ziehen. Wer ist schon perfekt? "Merkel hat immerhin dazu gelernt", wäre das Echo bei einer Gauck-Wahl, die laut "Bild am Sonntag"-Umfrage immerhin 54 Prozent der Befragten befürworten würden.

Der Opposition hätte Merkel damit ein Schnäppchen geschlagen. Würde sie sich für Gauck entscheiden, würde sie die Kräfteverhältnisse mit einem Mal umdrehen, der Opposition die Vetomöglichkeit aus der Hand schlagen: "Den wolltet Ihr doch von Anfang an. Jetzt nehmt ihn." Zumal Gauck für manche Grüne und manche Genossen mittlerweile wahrscheinlich ohnehin schwerer zu schlucken ist als noch vor knapp zwei Jahren. Mit seinen abfälligen Bemerkungen über die Occupy-Demonstranten - die Anti-Banken-Proteste nannte er "albern" - hat der Ex-Bürgerrechtler unmissverständlich offenbart, dass er im Herzen ein Konservativer ist.

Warum eigentlich nicht?

Bliebe die Basis in CDU und CSU, die möglicherweise die Faxen mit der Wenderei dicke hat. Gegen die Kehrtwende könnten sich auch die katholischen Bayern stemmen oder die Schwarzen in Baden-Württemberg, die nicht noch einen evangelischen Ossi in allerhöchstem Amt und Würden sehen wollen. Oder die kleinen Mitglieder der Unionsparteien, die für Queen Angela im nächsten Jahr Plakate kleben sollen und das konservative Profil ihrer Partei so gar nicht mehr erkennen können. Aber auch dass kann Merkel bei genauer Betrachtung einerlei sein. Denn, selbst wenn die Basis schäumt, sie kann der Chefin allein deshalb nicht die Gefolgschaft versagen, weil es keine personellen Alternativen zu Merkel gibt. Trotz aller neo-konservativen Fantasien: Die CDU ist längst, auf Gedeih und Verderb, Merkel-Partei.

Und so hätte sich die Kanzlerin, gerade nach den Absagen der Herren Voßkuhle und Lammert und eingedenk der Bedingungen der Opposition, an diesem Sonntag eigentlich kurz zurücklehnen, das Ganze ein wenig vom Ende her denken können, um dann zu sagen: "Lasst uns den Gauck nehmen! Warum eigentlich nicht?". Die Gauck-Wende wäre ein Coup gewesen.

Jetzt, so scheint es, kommt es bei der Kür des Bundespräsidenten zum Hauen und Stechen in Berlin, auch innerhalb der Koalition.

Anmerkung der Redaktion: Wir hatten einen fast gleich lautenden Kommentar veröffentlicht, bevor bekannt wurde, dass die FDP-Spitze sich für, die CDU-Spitze sich gegen einen möglichen Kandidaten Joachim Gauck ausgesprochen hat. Wir haben den Artikel an einigen Stellen nachfolgend angepasst und ergänzt.

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