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Michael Glos: Merkels Müllermeister

Er gilt als unberechenbarer Taktierer, versiert, scharfzüngig. Michael Glos, künftiger Bundeswirtschaftsminister, ist CSU-Fraktionsführer und Chef einer Getreidemühle in Unterfranken. Und wirbt für mehr soziales Mitgefühl.

Michael Glos wird Wirtschaftsminister in einer Regierung unter Angela Merkel. Das steht jetzt fest, da CSU-Chef Edmund Stoiber das nicht mehr will. Eigentlich war Glos für das Ressort Verteidigung vorgesehen gewesen, zog aber gegen einen Unionskollegen den Kürzeren. Ist er nun Notnagel oder Alleskönner?

An politischer Erfahrung mangelt es ihm jedenfalls nicht: Seit zwölf Jahren führt der 60-jährige aus Unterfranken die Gruppe der CSU-Abgeordneten im Bundestag, seine Machtbasis. Seit 1976 sitzt er im Bundestag, in den mit 32 Jahren als damals jüngster CSU-Abgeordneter gewählt wurde. Er ist seitdem knapp 30 Jahre lang Direktkandidat des Wahlkreises Schweinfurt-Kitzingen.

Das Wirtschaftsressort entspricht immerhin mehr seiner politischen Laufbahn: Er war Vorsitzender des Arbeitskreises "Finanzen und Haushalt" der CSU-Landesgruppe, bevor er sich der Wirtschafts- und Finanzpolitik im Haushaltsausschusses des Bundestages widmete. 1987 wurde er finanzpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. 1991 wählte ihn die CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu ihrem stellvertretenden Vorsitzenden, zuständig für die Bereiche Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Mittelstand. Seit 1993 hat er den Fraktionsvorsitz inne.

Als Sohn einer alteingesessenen Handwerkerfamilie kennt Glos die Nöte des deutschen Mittelstands. Seit mehreren Generationen betreibt die Familie eine Mühle im unterfränkischen Brünnau. Nach der mittleren Reife absolvierte er eine Müllerlehre, legte 1968 seine Meisterprüfung ab und führte anschließend den Getreidemühlen- und Landwirtschaftsbetrieb der Familie. Er heiratete Ilse Fuchs und wurde Vater von zwei Söhnen. Mittlerweile ist er dreifacher Großvater. In seiner Freizeit wandert der Familienmensch in der unterfränkischen Heimat und zappt sich durchs Fernsehen, wo er nach eigenen Angaben sets bei den Börsenmeldungen hängenbleibe.

Statthalter des Mittelstands

Für diese bodenständige Art wird er als der "Statthalter des Mittelstands" bezeichnet. Er ist einer der wenigen deutschen Spitzenpolitiker ohne Abitur und Studium. Inzwischen leitet er nur noch formal den Familienbetrieb, der drei Mitarbeiter beschäftigt. Häufig mahnt er die Großkonzerne, sie sollten sich ihrer sozialen Verantwortung stellen.

Während der laufenden Koalitionsgespräche warf er den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft wegen ihrer Kritik an der großen Koalition mangelndes soziales Bewusstsein vor. Vieles an den Stellungnahmen der Konzernchefs sei "sehr kalt und herzlos". Bei den Kritikern handle es sich um Manager, "die zum Teil nicht Vorbilder sind". Dennoch fehlen bislang Angaben des Ministers Glos zu den Leitlinien, an denen er seine Wirtschaftspolitik orientieren wird.

Angriff als beste Verteidigung

Besonders harmoniebedürftig ist er politisch nicht, gilt Glos doch als harter, aber auch geschickter Polit-Profi im Tagesgeschäft und Haudrauf in heftigen Parlamentssitzungen. Außenminister Joschka Fischer nannte er im Rahmen der Visa-Affäre "Zuhälter", weil deutsche Botschaften die illegale Einreise osteuropäischer Prostituierten ermöglicht hatten. Diese Äußerung nahm er zurück. "Aber nur, weil mir das ungewollt so rausgerutscht ist. Für bewusste Angriffe entschuldige ich mich nie", schränkte er umgehend ein. Deshalb nahm er nie die Bezeichnungen "Öko-Stalinisten" und "ehemalige Terroristen" für Fischer und Jürgen Trittin zurück.

Fernab von München war Glos als mächtiger Statthalter der CSU anfangs in Bonn, später Berlin stets darauf bedacht, sich seinen Handlungsspielraum unter den mächtigen CSU-Vorsitzenden zu bewahren. Weder Theo Waigel noch dessen Nachfolger Stoiber konnten Glos ohne weiteres als Gefolgsmann zählen. Im Streit zwischen Waigel und Stoiber um das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten sprach er sich für keinen der beiden aus und erhielt sich so seine Unabhängigkeit.

Dies bekam auch Edmund Stoiber zu spüren. Er hatte für den zweiten CSU-Kabinettsposten den umstrittenen CSU-Sozialexperten Horst Seehofer im Auge. Doch Glos kam im zurvor und nahm umgehend Merkels Angebot zum Wechsel in das Ministeramt an. Aber auch die künftige Kanzlerin musste schon Querschüsse ihres designierten Wirtschaftsministers hinnehmen. So sorgte er Anfang des Jahres für Aufruhr mit seiner Kritik an der damals schwer angeschlagenen CDU-Vorsitzenden, ihr mangele es an Teamfähigkeit.

Galt er einst als Stoibers Strippenzieher, ist er jetzt Merkels Vertrauter. Und wem er sich künftig zuwendet, oder wen er fallen lässt, bleibt unberechenbar.

Clement: "Den schätze ich, der hat einen praktischen Verstand"

Mit dieser an Sprunghaftigkeit grenzenden Flexibilität fällt es ihm nicht schwer, die im Koalitionsvertrag eingegangenen Kompromisse zu verteidigen: Das Bündnis mit den Sozialdemokraten sei keine Liebesheirat, sondern eine von den Wählern herbeigeführte Konstellation, sagte er in der ARD. Die Partner hätten sich in den Verhandlungen aber auf etwas verständigt, das Deutschland voranbringen könne. "Es geht nicht darum, ein gutes menschliches Verhältnis um des guten menschlichen Verhältnisses willen zu entwickeln, sondern darum, Deutschland nach vorne zu bringen."

Sein Vorgänger in dem nun zu erwartenden Ministeramt, Wolfgang Clement, hat eine hohe Meinung von Glos. "Den schätze ich, der hat einen praktischen Verstand, der hat auch Verstand für unternehmerisches Tun, der hat einen Verstand für den Mittelstand", lobte Clement. Wenn Glos komme, werde er im Ministerium offene Türen finden. Die muss das "Polit-Raubein" Michael Glos dann zumindest nicht einrennen.

DPA/Reuters / DPA / Reuters