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Militante Islamisten: Der Laptop als Terrorhelfer

Terroristen haben gelernt, auf der Klaviatur der Medien zu spielen - wie das jüngste Geisel-Video aus dem Irak zeigt. stern.de sprach mit Terroristmusexperten Rolf Tophoven über das Internet als Waffe.

Herr Tophoven, welche Bedeutung haben Erpresser-Videobotschaften wie jene aus dem Irak, worin Deutschland aufgefordert wird, die Bundeswehr aus Afghanistan zurück zu ziehen?

Grundsätzlich werden solche Botschaften heute im Internet gepostet und übermittelt. Das zeigt zunächst einmal, dass die Terroristen oder Täter das Medium Internet in seiner Bedeutung erkannt haben und es perfekt und professionell nutzen. Wir haben es hier mit einer Symbiose aus High-Tech und Mechanik, aus Laptop und Kalaschnikow zu tun.

Ist das Internet damit zu einer Waffe von Extremisten geworden?

Das Internet ist der virtuelle Selbstbedienungsladen und eine Art Universität der Dschihadisten. Denn über das Internet werden Leute aus den Chat-Rooms heraus angesprochen und rekrutiert, dafür gibt es Beispiele. Es werden Finanztransaktionen über das Netz durchgeführt. Man kann sich dort Anleitungen zum Bombenbau herunterladen. Wir müssen davon ausgehen, dass heute rund 5000 Web-Sites militanter Islamisten existieren. Mitte der 1990er Jahre waren es gerade zwölf. Wir sehen: Der Extremismus hat sich im Internet explosionsartig ausgebreitet und das Internet ist nicht zu kontrollieren. Wenn eine Website geschlossen wird, tauchen an anderer Stelle fünf oder sechs neue Seiten auf. Und wir sehen es gerade im aktuellen Kontext der jüngsten Geiselnahmen im Irak, dass sehr schnell entsprechende Videoaufnahmen in das Netz gestellt werden.

Sind derartige Videobotschaften mittlerweile Teil einer Art "Marketingstrategie" von Al-Kaida?

Al-Kaida ist heute zerfasert und zersplittert in Dutzende von Grüppchen, die sich sozusagen unter dem Logo von Al-Kaida zusammenfinden und dieses "Gütesiegel", diese "Handelsmarke" für sich benutzen. Diese Zerfaserung der einst hierarchisch strukturierten Al-Kaida-Organisation ist ja eines der Probleme der Sicherheitsbehörden. Heute haben wir ein Netzwerk von Netzwerken mit vielfältigsten Gruppen unterschiedlichster Couleur, die sich in verschiedenen Ländern formieren. Diese Militanz hat viele Gesichter, sie existiert etwa in Ägypten, Algerien oder Marokko, ohne dass sich die Gruppen immer untereinander absprechen müssen.

Die Taliban in Afghanistan waren fundamentalistische Bilderstürmer und haben religiöse Statuen zerstört - wie passt das mit der Nutzung von Bildern und Videos zusammen?

Ich sehe das als keinen Widerspruch, denn wir müssen sehen, dass sich die Taliban in ihrer Propaganda noch zurückhalten, was Videoclips anbelangt. Aber wenn es dem taktischen Nutzen dient, dann nimmt man auch das in Kauf. Zudem: Die Taliban von heute sind andere Taliban als damals vor dem Anschlag auf das World-Trade-Center. Sie sind besser organisiert, sie koordinieren sich besser und sind insgesamt besser aufgestellt. Sie sind eindeutig gefährlicher, sie beherrschen das Geschäft der heutigen Medien und nutzen die modernen Kommunikationsmittel.

Nimmt durch den Tornado-Einsatz in Afghanistan die Gefährdung durch Terrorismus in Deutschland zu?

Jede Verstärkung des deutschen Engagements im sogenannten Kampf gegen den Terrorismus birgt die Gefahr, dass wir auch zunehmend ins Fadenkreuz von terroristischen Operationen geraten. Man sollte ehrlicherweise bei der Entsendung von sechs Tornado-Aufklärungsflugzeugen nicht nur von einem Aufklärungseinsatz, sondern - und ich sage dies ganz neutral - von einem Kampfeinsatz sprechen, was er ja in Wirklichkeit ist. Das aber gefährdet zunehmend die deutschen Truppen am Hindukusch und könnte auch bei Anschlägen durch islamistische Terroristen in Deutschland als Rechtfertigungsgrund dienen. Der Einsatz ist letztlich ein diplomatisches Ablenkungsmanöver der Bundesregierung, um so weiter gehende Forderungen der Alliierten nach deutschen Bodentruppen im unruhigen Süden Afghanistans abzublocken. Militärisch gesehen wird die Luftwaffe allerdings keinen entscheidenden Fortschritt im Kampf gegen die Taliban oder Al-Kaida darstellen. Was in Afghanistan nottut, ist der zivile und soziale Aufbau, der militärisch abgesichert werden muss. Das Militär alleine ist allerdings keine Lösung.

Was wollen Terroristen mit ihren Botschaften erreichen und was können wir dagegen tun?

Sie wollen zunächst einmal unsere Aufmerksamkeit und sie wollen Panik und Hysterie erzeugen. Sie können sicherlich keine fundamentale politische Umwälzung bewirken, da müssen sie scheitern. Es handelt sich vielmehr um nadelstichartige Operationen, die sich grundsätzlich von der Guerilla unterscheiden. Die Guerilla besetzt den Raum, die Terroristen das Denken. Sie wollen uns zu Handlungen veranlassen. Wir aber können uns immer weigern das zu tun, was Terroristen von uns verlangen.

Wie schätzen Sie die Gefahr der Nutzung von Atombomben bei Anschlägen ein?

Ich halte die große Atombombe in den Händen von Terroristen für unwahrscheinlich. Was gefährlich werden könnte sind die kleinen "schmutzigen" Bomben, die Radioaktivität ausstrahlen. Insgesamt halte ich die Gefahr von Angriffen mit A-B-C-Waffen momentan aber für nicht relevant und warne hier auch vor Hysterie. Ein derartiges Szenario ist für die Zukunft als Option allerdings vorstellbar.

Interview: Rudolf Stumberger