Neue US-Botschaft Alcatraz hinter Sandstein-Fassaden


Stahlbeton, Panzerglas und ein meterdickes Fundament, wo mal Tiefgaragen geplant waren: Die neue US-Botschaft in der deutschen Hauptstadt ist nach den Terror-Angriffen von Daressalam, Nairobi und New York vor allem nach den Vorgaben der US-Sicherheitsdienste gebaut worden.
Von Almut F. Kaspar

Pariser Platz 2, 10117 Berlin. Das ist von nun an Amerikas Top-Adresse in Deutschland. Hier steht, zwischen Brandenburger Tor und den Beton-Stelen des Holocaust-Denkmals, die neue Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika. Heute wird sie in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel feierlich eröffnet. Rund 14.000 Quadratmeter Nutzfläche in viereinhalb Stockwerken, mit Foyer, Pavillon, Dachgarten und einem runden verglasten Konferenzraum. 14 Jahre dauerte es, bis die Botschaft fertig war: Es wurde geplant, betoniert (zum Beispiel ein meterdickes Fundament), umgeplant (die ursprünglich vorgesehene Tiefgarage machte der Betonplatte Platz), gebaut, verschoben und weiter gebaut.

Das über 6000 Quadratmeter große Grundstück im Herzen der deutschen Hauptstadt war schon vor dem Krieg Sitz der amerikanischen Botschaft. Erworben für 1,8 Millionen Dollar, wurde das so genannte Blücher Palais 1938 für kurze Zeit Residenz des US-Botschafters in Deutschland. Als 1941 Deutschland den USA den Krieg erklärte, zog die amerikanische Regierung ihre Diplomaten ab und ließ das Palais Blücher von der Schweiz betreuen, bis es 1957 von den Machthabern der DDR abgerissen wurde. Seitdem klaffte eine riesige Baulücke auf dem Grundstück der Amerikaner. In den 80er Jahren begannen die Planungen für einen Neubau.

Doch nach den Terroranschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Daressalam (Tansania) und Nairobi (Kenia) im August 1998, bei dem mehrere Bomben über 200 Menschen in den Tod rissen und über 1000 schwer verletzten, war nicht mehr viel übrig von der ursprünglichen Idee, am historischen Platz in der Mitte Berlins ein Stück offenes Amerika zu präsentieren. Zu tief saß die Angst vor weiteren Attentaten. Und als am 11. September 2001 das World Trade Center von islamistischen Terroristen in Schutt und Asche gelegt wurde, war klar, dass die ursprünglichen Architekturpläne für die neue US-Botschaft in Deutschland massiv geändert und den neuen Sicherheitsstandards angepasst werden mussten.

Straßenverlegungen gefordert

Örtliche Gegebenheiten - wie zum Beispiel Straßenführungen - sollten plötzlich dem Neubau untergeordnet werden, und nicht umgekehrt. Ein jahrelanger zermürbender Kampf um Vorschriften, Richtlinien und Gesetze begann. Die Vereinigten Staaten forderten etwa einen 30 Meter breiten Sicherheitsabstand zum Gebäude. Was zu einer Verlegung zweier Straßen geführt hätte - der Ebertstraße und der Behrenstraße. Die Folge wäre eine unzumutbare Verzerrung der Form des quadratischen Pariser Platzes gewesen. Diesen Einschnitt in den Stadtgrundriss lehnte der Berliner Senat damals aber vehement ab. Wenigstens in diesem Punkt mit Erfolg, denn ansonsten hatten die deutschen Behörden zu dem Großprojekt "Botschaft" eine deutliche Botschaft aus Übersee erhalten: Haltet euch schön raus, das hier ist eine innere Angelegenheit der USA! Chefsache! Und so vergingen die Jahre, Berliner Bürgermeister kamen und gingen, Stadtbauräte und Senatoren ergrauten über die Jahre, und es wurde immer weiter um Kompetenzen und Zuständigkeiten gestritten. Amerikanische Behörden im Schlagabtausch mit deutscher, bürokratischer Gründlichkeit - und dazwischen das amerikanische Architektenbüro Moore/Ruble/Yudell, aus dem beschaulichen kalifornischen Santa Monica.

1994 war der Wettbewerb ausgeschrieben worden. Aufgabe für die amerikanischen Bewerber war es, die Botschaft "als Schaukasten amerikanischen Designs, amerikanischer Baukunst und Technologie" zu entwerfen. Das kalifornische Büro kam mit ihrem Entwurf den Vorstellungen der Jury am nächsten und konnte bereits 1996 der Öffentlichkeit einen ersten Entwurf präsentieren. Architekt John Ruble war zu dieser Zeit geradezu optimistisch: "Die Architektur der US-Botschaft repräsentiert auch die Offenheit und Gastfreundschaft der Amerikaner." Euphorisch zog er damals noch Parallelen zur amerikanischen Landhausidylle, die bekanntermaßen für identitätsstiftende Symbolik und Ikonografie steht.

Unbekannte Räume, unbekannte Gänge

Unterdessen nahmen die Streitigkeiten zwischen dem Land Berlin und den USA so absurde Ausmaße an, dass der damalige Berliner Bausenator Hans Stimmann sogar anregte, "ob die Amerikaner nicht an einen anderen geeigneten Platz bauen wollen". Soweit, so schlecht - die Verhandlungen um Sicherheitszonen und Abstände konnten erst 2003 mit einem Kompromiss beendet werden. Der damalige US-Botschafter Daniel Coats war schließlich bereit, einen erheblichen Teil der Sicherheitsmaßnahmen nach innen zu legen. Die Behrenstraße wurde minimal weiter in den Süden geführt, der anfangs geforderte Sicherheitsabstand von 30 Metern auf 25 Meter reduziert. Im Gegenzug waren die Amerikaner bereit, auf die gewaltigen Absperrungen und Wachhäuser zu verzichten.

Endlich, nach jahrelangen Vermessungen, ständiger Munitionssuche und permanenten Begutachtungen der Nachbargrundstücke und umliegenden Wohngebäuden, konnte im Herbst 2004 der erste Spatenstich gesetzt werden. Der ursprüngliche Entwurf von 1996 wurde jedoch immer wieder, so die US-Vertretung, "an neue örtliche, sicherheitspolitische und programmatischen Anforderungen" vor Ort angepasst. Was hinter diesen Anforderungen steckt, bleibt bis heute ein Geheimnis. Selbst den Architekten scheint "ihr" Haus manchmal beängstigend fremd. Es gibt Zugänge, deren Funktion unbekannt sind, Büroräume, von denen niemand weiß, in welchem Maße sie belegt und wozu genutzt werden, ganze Etagenfluchten sind fensterlos. Die deutsche Bauaufsicht hatte keinen Zutritt, die Poliere deutscher Subunternehmen durften, so ist zu hören, nur bis in den zweiten Stock - was darüber passierte, blieb geheim.

Der schlichte helle Neubau fügt sich unspektakulär in die Ecke am Pariser Platz ein. Nichts erinnert an große amerikanische Architektur und Baukunst. Der Viereinhalbgeschosser könnte überall stehen - er ist zweckmäßig und funktionstüchtig, doch ohne eigene Ausdruckskraft. Ein Hochsicherheitstrakt mit dickem Panzerglanz und starken Mauern, mit Fenstern, schmal wie Schießscharten, mit Sicherheitsstreifen und Anti-Ramm-Pollern, die in einem durchgehenden Stahlbetonsockel verankert sind, rundum. Ein Kompromiss zwischen cremiger Postmoderne und Alcatraz. Die US-Botschaft wirkt tatsächlich alles andere als einladend. 16 beweglichen Überwachungskameras sind um das gesamte Gebäude herum montiert. Alles im Blick: jede Bewegung und jede geringste Verhaltensauffälligkeit.

Kunst spielt große Rolle

Der Haupteingang befindet sich direkt am Pariser Platz, und in die Fassade ist in großen goldenen Lettern "Embassy of the United States of America" eingelassen. In der Eingangsrotunde steht groß, mächtig und kraftvoll ein Weißkopfadler, das Wappentier der USA, aus edelstem Meißener Porzellan - daneben, in Stein geschrieben, die Präambel der US-Verfassung. Der Weg führt weiter in einen begrünten Innenhof, in dem ein zwölf Meter hoher Totem aus Edelstahl des Künstlers Ellsworth Kelly zu bewundern ist. Mit einem der größten Autokräne in Europa wurde am 13. Februar das Kunstwerk über die Botschaft gehoben und im Hof platziert.

Überhaupt spielt Kunst eine große Rolle hier und gibt dem Gesamteindruck nun doch eine etwas leichtere und verspieltere Note. Im gläsernen Eingangsbereich in der Behrenstrasse hängen Bilder des im letzten Jahr verstorbenen Künstlers Sol LeWitt. Es handelt sich um ein 4,50 Meter mal 9 Meter großes Diptychon, das tatsächlich von der Straße aus sichtbar ist. Jede Hälfte stellt einen fünfzackigen Stern dar - der eine in kräftigen bunten Farben, der andere in schwarz-weiß. Und natürlich darf auch nicht das obligatorische Stück Berliner Mauer fehlen, gespendet von einem ehemaligen hochrangigen Beamten des Bundesverteidigungsministeriums. Dieses Mauerfragment, bemalt vom Künstler Thierry Noir, steht für die "Erinnerung an die Vergangenheit und als Symbol der Hoffnung für die Zukunft". Nebenbei hat es auch schon Filmgeschichte geschrieben: Es war in Wim Wenders’ "Himmel über Berlin" zu sehen.

Architekten nur bedingt verantwortlich

Die Architekten Moore/Ruble/Yudell, die sich in den vergangenen Jahren erheblicher Kritik aussetzen mussten, sind nach Meinung des ehemaligen Berliner Bausenators Stimmann allerdings nur bedingt für den ästhetischen Wert des Neubaus verantwortlich zu machen: Die Architekten seien für den gestalterischen Reinfall nicht zu belangen, unter solchen Sicherheitsbestimmungen sei gute Architektur unmöglich. Die Baumeister der Botschaft haben in den USA immerhin zahlreiche öffentliche Gebäude, von Campus-Anlagen bis hin zu Gerichtsgebäuden, entworfen. John Ruble hat an der Universität of Southern California bei Charles Moore studiert, mit dem er viele gemeinsame Projekte entwickelte. 1977 formierten sie eine Partnerschaft mit Buzz Yudell. Seit den achtziger Jahren haben sie wiederholt in Berlin und Umgebung gebaut, zum Beispiel eine große Wohnanlage im Tiergarten-Dreieck oder in Potsdam die Einkaufspassage "Arcadia".

Die jahrelangen Bauverzögerungen haben schlicht und ergreifend dazu geführt, dass die US-Botschaft einfach nicht mehr auf dem neuesten Stand der Architektur ist. Das, was Mitte der 90er Jahre noch der letzte Schrei war, empfindet man heute als spießig und reaktionär. Kleine Hängevorrichtungen an Fenstern und andere unbegreifliche Konstruktionen am Gebäude wirken seltsam deplatziert und sinnlos - vor zehn Jahren sprach man noch von schmückendem Beiwerk. Doch auch der öffentliche Druck ist an den Architekten nicht spurlos vorbei gezogen: Es wird betont, dass die Botschaft sich behutsam in das Areal am Pariser Platz eingliedern sollte. Weil es nicht in der Intention der Amerikaner liege, sich lautstark zu präsentieren. Bewusst sei darauf geachtet worden, dass die neue US-Botschaft nicht in Konkurrenz zu benachbarten touristischen Attraktionen tritt. Präsent, aber zurückhaltend - so wollen sich die Amerikaner in Berlin vertreten sehen.

So zurückhaltend, das am 4. Juli ohne die Berliner gefeiert wird – die dürfen sich am 5. Juli auf den Resten der EM-Fanmeile beim großen "Amerika-Fest" in Stimmung bringen: Welcome, aber: Big Brother is watching you.

Die Berliner Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg (Christinenstraße 18-19, 10119 Berlin) zeigt in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Moore Ruble Yudell die Ausstellung “InSight USA: The New American Embassy in Berlin” (vom 5. Juli bis 7. September 2008). Internet: www.aedes-arc.de


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