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Niedergang der Grünen: Alle Schuld. Auch Trittin.

Die Grünen stehen wieder da, wo sie 2005 waren - und müssen sich abermals neu erfinden. Die Gründe für ihr Scheitern sind hausgemacht. Einer davon macht Schwarz-Grün unmöglich.

Ein Kommentar von Jens König

Was für eine Niederlage. Was für ein Absturz. Was für ein Debakel. Die Grünen sind, neben der FDP, die großen Verlierer dieser Bundestagswahl. Der Wähler hat sie jäh und rücksichtslos aus ihrem Traum gerissen, sie seien auf dem Weg zu einer kleinen Volkspartei. Die nüchternen Fakten: 8,4 Prozent. Sogar schwächer als die Linke. Die kleinste Partei im Bundestag.

Die Grünen sind geschlagen, demoralisiert, frustriert. Im Frühjahr 2011 lagen sie in den Umfragen bei über 25 Prozent – heute stehen sie wieder da, wo sie vor acht Jahren, nach der Abwahl von Gerhard Schröder und Joschka Fischer, ihren Neuaufbau begannen: Damals hatten sie 8,1 Prozent der Stimmen sowie die Erkenntnis gewonnen, die Partei müsse sich öffnen und aus der rot-grünen Gefangenschaft befreien.

Jetzt türmen sich schmerzhafte Fragen vor ihnen auf: Waren die letzten acht Jahre, die Debatten über eine grüne Eigenständigkeit, die Triumphe bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg und der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart vergebliche Liebesmüh? Haben wir unsere ganze Aufbauarbeit mit einer Wahl zerstört? Müssen wir etwa wieder von vorn anfangen?

Ja. Dreimal Ja. So bitter die Erkenntnis für die Partei auch ist: Die Grünen stehen vor einem Neuanfang.

Vier Gründe des Scheiterns

Es gibt nicht den einen Grund für ihr Scheitern. Und es wäre auch zu einfach, alle Schuld beim Obergrünen Jürgen Trittin abzuladen. Die Gründe sind vielfältig, aber fast alle sind hausgemacht.

Erstens:

Mit der bedingungslosen Hingabe an Rot-Grün, selbst dann noch, als ein Scheitern bei der Wahl längst abzusehen war, hat sich die Partei politisch verengt. Von grüner Eigenständigkeit, über Jahre hinweg gepredigt, war am Ende nichts mehr zu sehen.

Zweitens:

Mit Steuererhöhungen und sozialer Umverteilung hat die Partei ganz offenbar das falsche Thema in den Vordergrund gerückt. Sie verschreckte damit potentielle Wähler und zerstörte ungewollt den grünen Markenkern: Ökologie. Trittin, der gern Finanzminister werden wollte, hat seine Partei für seine Karrierepläne in Geiselhaft genommen. Am Ende wirkten die Grünen wie ein blasses Abziehbild der SPD.

Drittens:

Das ökoschickeriahafte Gerede über den Veggie-Day befeuerte jedes Vorurteil über die Grünen: Verbotspartei. Besserwisserei. Moralische Überlegenheit. Ironische Herablassung. Erhobener Zeigefinger. Was als berechtigte Kritik an unverantwortlicher Massentierhaltung gedacht war, schien geradewegs in eine grüne Erziehungsdiktatur zu führen.

Viertens:

Mit ihrem Unvermögen, die pädophilen Verirrungen in ihren Anfangsjahren, rechtzeitig und selbstkritisch aufzuarbeiten, haben die Grünen ihr moralisches Kapital schwer beschädigt. Gerade dieses Versagen macht eine schwarz-grüne Koalition so gut wie unmöglich. So überzogen der Kulturkampf der Konservativen an dieser Front auch ist – er markiert zugleich die schier unüberwindbaren Grenzen zwischen Schwarzen und Grünen.

Weniger Trittin, mehr Kretschmann

Erst alle Fehler zusammen entfalteten die für die Partei verheerende Wirkung. Am Ende steht ein Befund, der viel schmerzhafter ist, als es jedes einzelne Versagen sein könnte: Je grüner diese Republik wird, desto mehr schwindet der Einfluss der grünen Partei. Die Grünen wirken plötzlich aus der Zeit gefallen. Sie verkörpern kein modernes, fortschrittliches und zugleich ökologisches Lebensgefühl mehr. Die Partei redet am Deutschland des Jahres 2013 vorbei. Ihre kulturelle Hegemonie ist Geschichte. Die Grünen sind alt geworden, selbstzufrieden, überheblich.

Daran haben vielen in der Partei ihren Anteil, zuallererst Jürgen Trittin, keine Frage. Es war seine Wahlstrategie, sein Finanzkonzept, seine Unfähigkeit, in der Pädophilie-Debatte die richtigen Worte zu finden. Aber eben nicht nur er hat versagt. Die letzte Stunde der Alten, der Trittins, Künasts, Roths, ist gekommen. Um einen Generationswechsel kommt die Partei nicht mehr herum.

Und ja, die Partei braucht weniger Trittin – und mehr Kretschmann. Nicht die kühle, linke Rechthaberei des Parteikaders Trittin ist gefragt, sondern die empathische, aufgeschlossene, landesväterliche Art des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Nicht verschränkte Arme, sondern offene Ohren. Politik des Zuhörens nennt Kretschmann sein Politikmodell. Gemeinsam um Ideen ringen, die Bürger einbeziehen, die Wirtschaft nicht als Feind betrachten - das stünde den Grünen als Modell zur Krisenbewältigung nicht schlecht zu Gesicht. Das schließt eine politische Öffnung der Partei, eine Rückbesinnung auf ihre Eigenständigkeit ein.

Die Aufgabe der Grünen ist gewaltig. Sie müssen nicht mehr und nicht weniger als – sich neu erfinden.