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Nockherberg 2014: Die besoffene Horstokratie

Am Mittwoch wurde mit dem "Derbleck’n" auf dem Münchner Nockherberg die Starkbiersaison eröffnet. Im Mittelpunkt der Lästereien stand Horst Seehofer, der mittlerweile über sich selbst lachen muss.

Von Felix Hutt, München

Einmal im Jahr lassen sich Politiker und Prominente von der Paulaner-Brauerei in einen schmucklosen Festsaal auf das Firmengelände im Münchner Osten zu einem ganz besonders lustigen Abend einladen. Die Salvatorprobe markiert den Beginn der fünften Jahreszeit. Der gläubige Bayer fastet nämlich zwischen Aschermittwoch und Ostern, aber damit er dabei nicht ganz auf seinen Bierrausch verzichten muss, gibt es die Starkbiersaison. Mit acht Prozent Alkoholgehalt garantiert das kupferrote Gesöff oktoberfestartige Laune.

Traditionell werden beim Anstich Politiker in der Fastenrede und mit einem Singspiel "derbleckt", heißt, man macht sich über sie lustig, sie werden verspottet. Und so fand sich gestern Abend vom scheidenden Münchner Oberbürgermeister Christian Ude über Heimatminister (kein Scherz) Markus Söder bis zu Waldemar Hartmann ("Weißbier-Waldi") einiges auf dem Nockherberg ein, was in Bayern Rang und Namen hat. Das Bayerische Fernsehen übertrug live.

"Humor ist, wenn der Seehofer lacht"

Zum vierten Mal durfte die eigentlich bissige Kabarettistin Luise Kinseher als Mama Bavaria die Fastenrede halten. Da es den bajuwarischen Granden in der Vergangenheit immer mal wieder etwas zu arg wurde, mit der Satire auf ihre Kosten, wird die Rede seit einigen Jahren von der Brauerei zensiert. Das merkt man. Statt "Humor ist, wenn man über sich selbst lachen kann", gilt auf dem Nockherberg: "Humor ist, wenn der Seehofer lacht".

Ein Beispiel: "Wir haben in Bayern alles probiert", schwadronierte Kinseher auf der Bühne, "die Monarchie, die Anarchie, sogar die Demokratie und jetzt halt die Horstokratie. Wir haben derzeit sogar eine Delegation aus Nordkorea da, die wollen anhand vom Seehofer heraus finden, wie man Alleinherrschaft abischert, ohne gleich die ganze Verwandtschaft umbringen zu müssen." Da lachte der Horsti am Tisch vor der Bühne, der Saal tobte und prustete, die Krüge klirrten, ein Prosit, und noch eines, der Wahnsinn.

Uli Hoeneß wird verschont

Ansonsten blieb Kinseher brav, erwähnte kurz den Friedrich und den Ramsauer, die sich noch vor einem Jahr das Bier schmecken ließen und heuer nicht erschienen. Auch Uli Hoeneß, eigentlich Stammgast am Nockherberg, weil die Brauerei ein Sponsor des FC Bayern München ist, blieb der Veranstaltung fern. Dabei nutzte Kinseher seine Steuervergehen nicht als Steilvorlage für ein paar böse Witze, sondern verschonte ihn und erwähnte ihn nur zweimal kurz. Sie bekam am Ende eher mitleidigen Applaus. Recht machen kann sie es den Bazis eben nicht. Schenkt sie ihnen zu viel ein, wird gegrantelt und gestrichen, schenkt sie ihnen zu wenig ein, ist es auch wieder nicht recht.

Ganz anders das Singspiel, das wie letztes Jahr unter der Regie von Marcus H. Rosenmüller ("Wer früher stirbt, ist länger tot") bewies, wie unterhaltsam politisches Kabarett sein kann, wenn es intelligent gemacht ist. Rosenmüller nannte sein Stück "Fast Faust" und inszenierte fröhlich an Goethes Klassiker entlang, ohne sich zu sehr mit Genauigkeiten aufzuhalten. Im Mittelpunkt stand auch hier Horst Seehofer, der für den scheidenden Ude ein Theaterstück aufführen will, in dem er vom Faust bis zum Gretchen jede Rolle natürlich selbst spielt.

Subtile Kritik an Seehofers Umgang mit Journalisten

Dabei gab es einige brilliante Dialoge, wie: Seehofer kommt mit Totenkopf auf die Bühne, sein Adlatus Söder sagt: "Chef! Falsches Stück! Wo haben Sie denn den Totenkopf her?" Seehofer: "Vom WDR-Journalisten von Monitor." Söder: "Du lässt dir die Requisiten von einem WDR-Journalisten machen?" Seehofer: "Nicht von - aus!". Eine elegante Anspielung auf Seehofers Umgang mit Journalisten, der häufig dem eines russischen Diktators ähnelt.

Für Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen, war es das erste Mal auf dem Nockherberg. Musste früher vor allem Claudia Roth für Witze über die Grünen herhalten, wurde dieses Jahr Hofreiters Kurz-Langhaarfrisur thematisiert, Kinseher machte ihn zu "Frau Hofreiter", was bei den CSU'lern um Söder sofortige Schenkelklopf-Anfälle auslöste. Hofreiter nahm es gelassen, fand, dass seine Partei gut weg gekommen sei, und merkte zum Abschied noch frech an, dass er schon dafür sorgen werde, dass die Horstokratie in Bayern bald abgewählt werde.