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NPD: "Krankhafte Keime"

Zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am 17. September tritt die NPD mit Udo Pastörs an. Der Uhrmacher pflegt das Bild des netten Rechten. Und plant eine rassenreine Siedlung.

Von Martin Knobbe und Gerald Drissner

Um das deutsche Volk zu retten, ließ Udo Michael Wilhelm Pastörs seine Frau Marianne, geborene Arnolds, am 31. Mai 2000 einen Brief tippen, in dem sie die Produktion von Form- und Ziergehölzen, im Besonderen des Buxus sempervirens arborescens und des Buxus sempervirens rotundifolia, auf einer Fläche von 25 Hektar beantragte. Der Landrat prüfte und erteilte am 26. September eine Baugenehmigung für die Gemarkung Dorfstraße, Benz-Briest, Kreis Ludwigslust, Mecklenburg-Vorpommern.

Udo Pastörs ließ eine 64 Meter lange Zufahrt errichten, einen großen Weiher und einen Garten mit deutschen Eichen. In die Mitte setzte er ein Zweifamilienhaus aus rotem Backstein, mit einer breiten Treppe, die zur Eingangstür führt. Da werde "Klein-Versailles" gebaut, machte es im Dorf die Runde. Udo Pastörs erzählte den Leuten, sein architektonisches Vorbild sei "ein Wehrhof aus dem Memelland".

Zusammen mit seiner Frau pflanzte er die ersten Buchsbäume auf das Feld und meldete beim Finanzamt einen "gärtnerischen Betrieb" an. Das war Bedingung, damit sie hier überhaupt bauen durften, mitten im Naturpark Mecklenburgisches Elbetal. Nachbarn sollten noch kommen, deutsche Familien mit deutschen Kindern, eine deutsche Siedlung, und er mittendrin, das ist sein Lebensprojekt.

Es sollten Menschen sein, die so denken wie er. Die es auch schön finden, dass seine Frau Marianne niemals Hosen trägt und zu Weihnachten Kekse in Form germanischer Runen backt. Menschen, die gern Sonnwendfeiern besuchen und das Schlesierlied singen. Die auch meinen, dass der Holocaust-Leugner Ernst Zündel "in der Vergangenheit Unglaubliches geleistet hat", wie Udo Pastörs 1998 in einem privaten Brief schrieb. Pastörs hat solche Menschen kennengelernt, bei Vorträgen, Seminaren, Kampagnen. 1997 hatte er mit 65 anderen den "Aufruf an alle Deutschen zur Notwehr gegen die Überfremdung" unterzeichnet. Danach fanden Hausdurchsuchungen statt. Später lud ihn der Freundeskreis Thies Christophersen ein. Christophersen war Autor des Buches "Die Auschwitzlüge".

stern: Herr Pastörs, wer ist Thies Christophersen?
"Der war Botaniker in Auschwitz. Über Auschwitz habe ich eine Meinung, aber die sage ich Ihnen nicht."

Auch Parteien hatte er sich angesehen, die Republikaner und die DVU, er kam zu dem Ergebnis, das alles sei "weltanschaulich ohne Fundament". Darum trat er in die NPD ein.

Am 5. Februar 2006 nominierten die Delegierten des Parteitags der NPD Mecklenburg-Vorpommern Udo Michael Wilhelm Pastörs, geboren am 24. August 1952 in Wegberg, Nordrhein-Westfalen, zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl.

Udo Pastörs sagt, dies sei für ihn ein weiterer Schritt, um sein Lebensprojekt umzusetzen. Die NPD will "sieben Prozent plus X" erreichen. Schon mit fünf Prozent würde sie in das Parlament einziehen, es wäre das zweite nach Sachsen. Meinungsforscher sagen, je niedriger die Wahlbeteiligung sei, desto leichter käme die NPD in den Landtag. Sie sagen eine Wahlbeteiligung von 37,5 Prozent voraus.

Die NPD gibt an, für den Wahlkampf 400 000 Euro auszugeben. Für 50 000 Schulhof-CDs, bespielt mit rechtem Liedgut. Für 1,4 Millionen Wahlkampfzeitungen. Für 50 000 Plakatständer und eine Million Faltblätter.

Lübtheen, Marktplatz. Ein Sonnenschirm, ein Tisch, Broschüren, Luftballons, die Feuerzeuge gehen am besten weg. Udo Pastörs eilt auf einen Mann zu. "Guten Tag, kennen Sie mich? Ich bin Udo Pastörs." Der Mann hört zu. Udo Pastörs sagt, man dürfe nicht zulassen, dass das deutsche Volk "durch eine multikulturelle, identitätslose Masse" ausgetauscht werde. "Wir müssten hier rucki-zucki sechs Millionen Ausländer rausbringen. Da machen wir ganz schnell ein Gesetz. Die würden rechtsstaatlich hinausexpediert." Der Mann nickt.

Ein anderer Mann beschwert sich über die vielen Leute, die neben seinem Haus grillen, über den Lärm, den Müll. "Geben Sie mir Ihre Nummer", sagt Udo Pastörs. "Ich kümmere mich drum." Am Stand drückt er einem Kind NPD-Gummibärchen in die Hand. "Aber nicht zu viel essen", ruft er ihm hinterher, "die Volksgesundheit!" Eine Mutter kommt vorbei, ein blondes Mädchen an der Hand. "So was brauchen wir für Deutschland", sagt Udo Pastörs. "Wir kommen aus Bosnien", sagt die Mutter. Er sagt: "Bosnien. Ach so." Ein Mann radelt vorbei. Udo Pastörs ruft: "Na, wie geht's der Uhr?"

Er ist beliebt im Ort, der gelernte Uhrmacher, der hier seinen Laden hat und seinen Kunden immer einen guten Preis macht. Der sich als "Anwalt des kleinen Mannes" sieht und manchen aus dem Ort schon beim Ausfüllen des Hartz-IV-Antrages geholfen hat. Der auf Dorffesten gern eine Runde Bier spendiert und mit jedem diskutieren möchte, am liebsten über Globalisierung und den Kapitalismus. Er duzt sich mit vielen, und wenn die Einheimischen abends beim Bier nicht mehr weiterwissen mit den Problemen dieser Welt, dann sagen sie schon mal: "Ach, der Udo wird's schon richten."

Udo Pastörs mag diese Gegend. Da gibt es die Kirche, deren klassizistischen Stil er schätzt. Er mag auch das Rathaus, mit den klaren Strukturen in der Architektur. "Vorgegeben hat das natürlich der Führer. Er hat ja wahnsinnige Pflöcke eingerammt, auf fast allen Gebieten, er ist ja ein Phänomen gewesen, dieser Mann, militärisch, sozial, ökonomisch. Ich bewerte das jetzt nicht, ich stelle das nur fest."

Bei den Menschen in Lübtheen hat sich Udo Pastörs Respekt verschafft, als er vor ein paar Jahren ein verfallenes Gebäude an der Hauptstraße kaufte und daraus ein Geschäftshaus machte. "Da haben mich die Leute nicht mit Schlips und Kragen gesehen, sondern auf dem Gerüst, schwer arbeitend. Das ist ein Einstieg. Dann haben wir weitergearbeitet. Politisch."

Gleich nach der Wende hatte sich Udo Pastörs die Ex-DDR angesehen, jede Kreisstadt habe er besucht. Am Ende war die Wahl auf Benz-Briest gefallen, das Dorf, das im "Dritten Reich" Mustersiedlung der Nationalsozialisten war. Noch heute ist unter dem Giebel eines Hofes ein Hakenkreuz zu sehen, bei einem anderen Hof die Wolfsangel, das Symbol der Hitlerjugend.

Die Pastörs haben mittlerweile mehr als 50 Hektar Land zusammengekauft, rund um den Hof. Noch sind die Felder nicht bebaut, aber Udo Pastörs wüsste schon, wie man sie aufzieht, seine deutsche Siedlung. Es hat ja schon mehrere Versuche gegeben, in Chile zum Beispiel, die Colonia Dignidad, die "Kolonie der Würde". Gegründet in den 1960er-Jahren von Paul Schäfer, einem früheren Wehrmachtssoldaten und Laienprediger. Es gibt Filme, die zeigen einen Jünglingschor beim Liederabend und Mädchen mit blonden Zöpfen. Später berichteten Journalisten, dass die Hoden von Jugendlichen mit Stromstößen bearbeitet wurden und Paul Schäfer sich nächtens mit kleinen Jungs ins Bett legte.

Pastörs sagt, er habe die Colonia Dignidad zweimal besucht. Er habe sich mit Gerhard Mücke getroffen. Das war der Sicherheitschef.

stern: Herr Pastörs, wie sah das da aus?
"Ein Agrarkomplex mit Wohnblocks, nicht gezimmert, solide gebaut, Ziegel, kein Beton. Flach, einstöckig, lange Bauten, wie eine Kaserne. Ich habe Menschen stolz und froh gesehen. Ich habe dort viel gelernt, sehr viel. Wie man mit wenig Geld sofort Zivilisation schaffen kann, wenn alle arbeiten."
Paul Schäfer hat Kinder missbraucht.
"Wenn das wirklich stimmt, gehört der Mann aus dem Weg geschafft. Wir sind für die Todesstrafe, die NPD, bei Kindesmord und Sexualdelikten."
Haben Sie überlegt, dort hinzuziehen?
"Nein. Das war ja nichts Völkisches. Ich glaube, dass Völker nur die Chance zum Überleben haben, wenn sie in ihrem originären Lebensraum Veränderungen schaffen."

Lübtheen, Hans-Oldag-Mehrzweckhalle. Auf dem Podium die Vertreter von 13 Parteien, die zur Landtagswahl zugelassen sind. Udo Pastörs sitzt zwischen der "Partei Bibeltreuer Christen" und der "Allianz für Gesundheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit." Diskutiert wird der drohende Braunkohleabbau in der Region.

Jeder Kandidat darf sich kurz vorstellen. "Mein Name ist Udo Pastörs, ich bin seit 33 Jahren verheiratet und seit vielen Jahren selbstständig." Alle Kandidaten sagen, sie seien gegen Braunkohleabbau.

Als das Publikum Fragen stellen darf, meldet sich ein bärtiger Mann. Er steckt eine Hand in die Hosentasche und läuft zum Mikrofon. Er sagt, er sei Tourist. Er möchte von den Kandidaten wissen, ob sie schon mal von der "katalytischen drucklosen Verölung" gehört hätten, einer alternativen Art der Energiegewinnung. Udo Pastörs sagt, das sei ein hochinteressantes Verfahren. Er habe darüber zufällig in der Wirtschaftspresse gelesen.

Der bärtige Mann hört aufmerksam zu, seine Hand steckt noch immer in der Hosentasche. So sehen die Zuhörer nicht, dass sie verstümmelt ist. Da sei Mitte der Siebziger was schiefgegangen, mit Sprengstoff, hat er mal Kameraden erzählt. 1979 sprengte er zwei Sendemasten, um die Ausstrahlung der TV-Serie "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiß" zu verhindern. Gut 15 Jahre später gab er bekannt, auf Gewalt zu verzichten. Heute arbeitet Peter Naumann, Jahrgang 1952, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die NPD-Fraktion in Dresden. Er ist, wie viele Kameraden aus dem ganzen Bundesgebiet, von der Partei nach Mecklenburg-Vorpommern geschickt geworden, um beim Wahlkampf zu helfen.

Udo Pastörs hat seinen Uhren- und Schmuckladen in Lübtheen für einen Monat geschlossen, denn er macht Wahlkampf. Jeden Tag an einem anderen Ort, er besucht Unternehmen, Schulen und Plattenbauten.

"Sie könnten jetzt ja fragen, warum mache ich denn mit bei diesem Mist? Das will ich Ihnen sagen. Sie können nur etwas wegkriegen, wenn Sie es bekämpfen. Ich glaube, dass wir sehr viele krankhafte Keime in unserem Staatswesen haben. Wenn du Wundbrand kriegst und noch irgendwie Kraft hast, dann nimm dir ein Beil und hau dir das faule Bein ab. Weg damit! Man muss das gesund schneiden."
stern: Was hat das mit der Wahl zu tun?
"Ich bin kein großer Anhänger dieser Form des Parlamentarismus. Aber das macht man so, dass man da reingeht und provoziert mit Präzision. Dann werden Sie sehen, wie diese ganzen Viren, diese Parasiten, wach werden, dann sehen die, dass die Axt kommt, dass man das bis aufs Gesunde herausseziert. Das ist die Aufgabe eines nationalen Menschen."

Die Aufgabe einer Behörde ist es, die Einhaltung von Gesetzen zu überwachen. Der Landrat von Ludwigslust prüft derzeit einen möglichen Verstoß der Familie Pastörs. Es geht um den Hof. Um die 10 000 Buchsbäume, die gepflanzt werden sollten. Es geht um sein Lebensprojekt. Dem Amt ist aufgefallen, dass "das genehmigte Gesamtvorhaben nicht fertig gestellt" sei. Das Ergebnis der laufenden Prüfungen steht noch nicht fest. Im schlimmsten Fall droht der Abriss.

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Von:

Gerald Drissner und Martin Knobbe