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NSU-Prozess: Radelnde Neonazis

Hinweise auf Radfahrer gab es an fast allen Tatorten der NSU-Mordserie. Doch die wichtigste Spur legten die Ermittler aus Nürnberg irgendwann einfach zu den Akten.

Von Lena Kampf

Die Videosequenzen sind mit "Täter 1" und "Täter 2" betitelt. Sie zeigen zwei Männer, die auf einem Bürgersteig hin- und herlaufen. Einmal hält einer ein Fahrrad in der linken Hand, ein paar Minuten später kommt er mit einer Plastiktüte zurück. Danach sieht man den anderen Mann, er schiebt ein Mountainbike mit einem schweren, kofferähnlichen Gegenstand auf dem Gepäckträger.

Die Aufnahmen ruckeln, so dass sich die Personen wie in einem Stopptrick sprungartig fortbewegen. Die Überwachungskameras am Gebäude der Firma Viva in Köln sind meterhoch neben dem Eingang angebracht, Gesichtszüge sind kaum zu erkennen. Und doch sind sich die Ermittler sicher: Täter 1 und Täter 2 sind Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die Kamera filmte sie, kurz bevor sie eine 20 Kilo schwere Bombe in der Kölner Keupstraße explodieren ließen, gebaut aus Schwarzpulver und 702 Nägeln.

Schlüssel für die Aufklärung der Mordserie

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl lässt die Bilder am ersten Tag nach der Sommerpause an die Wände des Gerichtssaals A101 werfen. "Weil gerade Zeit ist", sagt er, fast beiläufig. Dabei sind die schemenhaften Aufnahmen mehr als ein Beweismittel dafür, dass Mundlos und Böhnhardt den Anschlag auf die mehrheitlich von Migranten bewohnte Straße begangen haben. Die Aufnahmen hätten auch so etwas wie der Schlüssel für die Aufklärung der NSU-Mordserie sein können. Wenn man ihn denn benutzt hätte.

Denn schon beim ersten Mord spielten Radfahrer eine Rolle: Zwei Zeugen fuhren am 9. September 2000 am Blumenstand von Enver Simsek in Nürnberg vorbei und sahen zwei schlanke, sportliche Männer in Radfahrkleidung an der offenen Tür von Simseks Lieferwagen. Einer von ihnen will sogar die Schüsse gehört haben. Auch beim dritten Mord an Habil Kilic 2002 in München sahen zwei Nachbarinnen Radfahrer mit dunkler Radfahrkleidung. Man fahndete nach den beiden als Zeugen des Mordes. Doch sie meldeten sich nie. "Heute weiß man warum", kommentierte der Chef-Ermittler Josef Wilfing trocken, als er dazu im Gerichtssaal befragt wurde. Und beim Mord an Mehmet Kubasik 2006 in Dortmund waren einer Zeugin ebenfalls "zwei deutsche Männer" in der Nähe des Tatorts aufgefallen, einer hatte ein Fahrrad. Die Männer, berichtete sie der Polizei, hätten "wie Rechtsradikale" ausgesehen.

Zeugin erkannte Verdächtige auf Video

Die entscheidendsten Hinweise jedoch gaben die Tatortzeugen aus Nürnberg beim Mord an Ismail Yasar 2005. Eine davon ist Beate K., die an diesem Freitag als Zeugin geladen ist. Am 10. Juni 2005, einen Tag nachdem Ismail Yasar in der Nürnberger Scharrerstraße in seinem Dönerstand erschossen wurde, hatte sie bei der Polizei zu Protokoll gegeben, zwei Männer mit Fahrrädern gesehen zu haben. Gleich zweimal sogar, einmal kurz vor dem Mord, da suchten sie etwas auf einem Stadtplan. Und 20 Minuten später direkt am Dönerstand. Einer der beiden steckte dem anderen einen länglichen Gegenstand in einer Plastiktüte in den Rucksack. Sie beschrieb die beiden als "Spargel" – "lang und dünn" – "vom Typ her waren beide eher keine Türken oder Südländer, eher europäisch. Beide hatten helle Haut."

2006 wurden ihr die Bilder aus der Keupstraße gezeigt. Der Kölner Leiter der Ermittlungen um den Nagelbombenanschlag hatte sich bei der Nürnberger BAO Bosporus gemeldet, weil ihm bekannt geworden war, dass beim Mord an Ismail Yasar ebenfalls Radfahrer gesehen worden waren. Mehrmals tauschten sich die Ermittlungsgruppen daraufhin aus. "Es ist beabsichtigt, eine vergleichende OFA-Analyse des Verfahrens Bombenanschlag Köln sowie der Tötungsserie durchzuführen" heißt es in den Akten. Und weiter: "Große Ähnlichkeit zwischen den neuen Taten BAO 'Bosporus' und dem Anschlag in Köln am 10.06.2004." Und tatsächlich: Beate K. ließ sich das Video immer wieder vorspielen, ließ sich "Täter 1" und "Täter 2" ranzoomen. Dann sagte sie: "Das ist er!" – "Von Gestalt und Gesichtsform her stimmen die beiden mit den von mir in Nürnberg gesehenen überein" habe sie den Polizisten gesagt, berichtet Beate K. dem Bayrischen NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag im Juni 2013.

Ermittler ignorieren entscheidenden Hinweis

Die Bombenleger von Köln als Ceska-Mörder? Für die Ermittler: "Äpfel und Birnen". Anstatt dem entscheidenden Hinweis weiter nachzugehen, wurde die "Vergleichende Fallanalyse" wenig später beerdigt. In einem Vermerk über ein Treffen zwischen den Ermittlern aus Köln und Nürnberg im März 2007 heißt es lapidar, dass es sich bei dem Nagelbombenanschlag schließlich "nicht um eine gezielte Aktion in Richtung Einzelperson gehandelt" habe, sondern es sei "eben eine Art Globalvorstoß gegen Türken gewesen."

Obwohl die Radfahrerspur damit zu den Akten gelegt wurde, zeigte man einem der Zeugen vom Simsek-Mord noch im Mai 2007 das Video, das der Richter nun im Gerichtsaal abspielte. Es könnte sich "vom gesamten Erscheinungsbild, insbesondere von der Figur her, um eine der Personen handeln", sagte der Zeuge damals aus. Doch ob seine Aussage korrekt im Protokoll festgehalten wurde, ist unbekannt. Denn im Fall von Beate K. wurde sie abgeschwächt. Im Juni 2013 wurden die beiden vernehmenden Kriminalbeamten im Bayrischen Untersuchungsausschuss als Zeugen gehört und mussten zugeben: Sie hatten die Aussage der Zeugin relativiert. Anstatt "Das ist er!" hielten sie im Protokoll fest, Beate K. sei sich lediglich "ziemlich sicher" gewesen, die beiden wiedererkannt zu haben. Von ihrer Entschiedenheit blieb "eine gewisse Ähnlichkeit." Äpfel und Birnen halt.