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Öffentlicher Ausraster: Becks Wut-Opfer ist bei der Jungen Union

Der Sozialdemokrat fordert einen Bürger auf, "das Maul zu halten". Die Münchner "tz" hat den Kritiker des Politikers ausfindig gemacht. Der junge Mann kommt wie Kurt Beck aus der Pfalz.

Von Thomas Schmoll

Ein Vierteljahr vor seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik hat Kurt Beck nochmals so richtig für Furore gesorgt. Zwar während der Ausübung seines Berufs als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Allerdings weniger durch eine Entscheidung, die in die Geschichtsbücher eingehen wird und sein durch das Nürburgring-Desaster ramponiertes Image aufpolieren könnte. Sondern durch einen Ausraster am Rande der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in München, aufgenommen von Kameras des Südwestrundfunks, der nicht zögerte, die harte Seite des sonst so gemütlich wirkenden Landesvaters zu zeigen.

So erfuhr die deutsche Öffentlichkeit wieder einmal, dass es nicht nur Wutbürger gibt, sondern auch Wutpolitiker. Als ihm der Wutbürger während eines Interviews mit dem Südwestrundfunk zurief "Die Bayern bezahlen den Nürburgring und den Betzenberg", tickte der Wutpolitiker - Credo "Nah bei de‘ Leut" - aus: "Können Sie mal das Maul halten einen Moment, einfach das Maul halten, wenn ich ein Interview mache?" Der scheidende Ministerpräsident sah keinen Grund zur Reue und ließ stattdessen das Volk via "Bild"-Zeitung wissen: "Ein Politiker muss sich nicht alles gefallen lassen." Tatsächlich zeigte sich in Debatten im Internet, dass viele Bürger das auch so sehen und Gefallen an dem Ausraster fanden.

Der Münchner Zeitung "tz" gelang es, den Kritiker des SPD-Politikers ausfindig zu machen und ihm unter der Schlagzeile "Jetzt spricht das Wut-Opfer von Kurt Beck" die Chance zu geben, seine Sicht der Dinge auf den Vorfall der geneigten Öffentlichkeit zu präsentieren. Der 24-jährige Jura-Student, nach Angaben der Zeitung "ein politisch interessierter Bürger", sagte: "Ich bin mit Freunden auf die Ludwigstraße, um die Info-Zelte von Bundestag und Bundesrat zu besuchen." Und weiter wird der junge Mann zitiert: "Da habe ich im Vorbeigehen Kurt Beck gesehen und meinen Zwischenruf 'Die Bayern bezahlen den Nürburgring und den Betzenberg' eingeworfen. Dass Beck gerade ein TV-Interview gibt, konnte ich nicht erkennen, dann hätte ich natürlich nix gesagt."

"Ich find’s gut, dass Sie zurücktreten"

Der Student ist laut "tz" wie Beck Pfälzer, lebt aber seit Jahren in Bayern und ist politisch das Gegenteil von Beck, nämlich Mitglied in der Jungen Union. Die Kritik am Nürburgring-Desaster, bei dem Becks frühere SPD-Alleinregierung rund 330 Millionen Euro in den Ausbau der Rennstrecke investiert hatte und dem Land einen Haufen Schulden hinterließ, will der Nörgler vom Einheitsfest nicht zurücknehmen. Für die Attacke hat er kein Verständnis. "Ich habe ihn nicht persönlich angegriffen. Sein Verhalten ist für mich nicht nachvollziehbar. Er wollte doch den Dialog mit den Bürgern suchen. Wann soll ich als Student ihn mal ansprechen, wenn nicht hier?", sagt der junge Mann, der Beck allerdings in der Auseinandersetzung nichts fragte, sondern nur Tatsachenbehauptungen aufstellte und frohlockte: "Ich find’s gut, dass Sie zurücktreten." Eine Entschuldigung verlange er nicht, berichtet die Zeitung. "Das wäre nicht ehrlich von ihm."

Die "tz" fand zudem heraus, dass der Konflikt zwischen Beck und dem Studenten weitergegangen sei. Als der Politiker auf einer Podiumsdiskussion Rheinland-Pfalz - also sich selbst - dafür gelobt habe, keine Studiengebühren zu verlangen, rief der Kritiker aus dem Publikum: "Sie machen Schulden und lassen es sich von anderen bezahlen!" Beck habe daraufhin das Wort ergriffen und die geringe Jugendarbeitslosigkeit seines Bundeslandes im Vergleich zu Spanien gerühmt.

Auch ein anderes "Opfer" einer Auseinandersetzung zwischen Beck und einem Mann aus dem Volke kam dieser Tage zu Wort: Enrico Frank. Ihm hatte der Sozialdemokrat Ende 2006 bei einer Wahlkampfveranstaltung der SPD in Wiesbaden geraten: "Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job." Sollte er das tun, werde er sich persönlich um eine Stelle für den Langzeitarbeitslosen bemühen, versprach Beck dem gebürtigen Thüringer, der sich über die Hartz-IV-Reformen beklagt und Beck dafür mitverantwortlich gemacht hatte.

Frank gab "Welt Online" ein Interview. Auf die Frage, was ihm als erstes in den Kopf geschossen sei, als er von Becks Wutausbruch erfuhr, antwortete er: "Das alte Sprichwort: 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Manieren zum Beispiel. Schon wieder eine Verbalentgleisung, Herr Beck lernt’s eben nicht mehr."

Thomas Schmoll