Ole von Beust "Man ist total wehrlos"


Nach dem Skandal im Hamburger Rathaus spricht Ole von Beust (CDU) über Schwule in der Politik, die Macht der Gerüchte und die Vorzüge schlechter Krimis im Vergleich zu offiziellen Terminen.

Das Interview mit Ole von Beust führten die stern-Redakteure Werner Hinzpeter und Stefan Schmitz.

Herr von Beust, die Hamburger Koalition führt ein einmaliges Theater auf: Erpressung im Rathaus, der Innensenator Ronald Schill wird von Ihnen mit Schimpf und Schande davongejagt. In den Medien geht es tagelang darum, ob Sie sich nun als Schwuler outen oder nicht. Was sagen eigentlich Ihre Parteifreunde dazu?

Herr Stoiber hat mir am Mittwoch beim Treffen der Unions-Ministerpräsidenten in Frankfurt einen Zettel rübergeschoben, da stand drauf: "Größten Respekt", zehnmal unterstrichen mit drei Ausrufungszeichen. Auch Roland Koch sagte: "Ich weiß, es kann die Hölle sein, aber steh das durch." Bevor ich die Entlassungsurkunde für Herrn Schill gefertigt habe, habe ich Frau Merkel angerufen. Sie sagte sofort: "Das geht an die Ehre. Das musst du so machen."

Und die Bürger der Stadt?

Bei meinem Besuch gestern im Stadtteil Rahlstedt ging es fast volksfestartig zu. Heute der Seniorentreff in St. Georg war auch unglaublich positiv. Das ist der Grundtenor.

Seit den Zeiten von Konrad Adenauer können Schwule in der CDU Karriere machen, allerdings unter einer Bedingung: Sie dürfen sich nicht offen zu erkennen geben. Wäre jetzt nicht die Chance da, das zu ändern?

Niemand verlangt, dass jemand sich dazu bekennt, heterosexuell, bi, impotent oder was immer zu sein. Nur bei jemandem, der schwul ist, wird die Frage gestellt, ob er sich outen soll oder nicht. Das finde ich stigmatisierend.

Sie sollen ja keine Details aus Ihrem Privatleben preisgeben. Als Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit vor der Wahl sagte: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so", hat er ja eben nicht gesagt: "Ich habe diese und jene Vorliebe, und übrigens mache ich noch das und mit dem auch das."

Die Sexualität ist doch eindeutig Teil des Privaten. Und da muss jeder selbst entscheiden können, ob er zu "Wa(h)re Liebe" geht und im Einzelnen erklärt, was er macht, oder ob er für sich das Recht in Anspruch nimmt, es aus dem öffentlichen Leben herauszuhalten.

Zeigt Wowereits Beispiel nicht, dass es keinen Grund gibt, Angst vor negativen Reaktionen zu haben?

Es ist eine Sache, ob es keine Ressentiments in der veröffentlichten Meinung gibt und in dem, was die Leute einem ins Gesicht sagen. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Vorbehalte gibt. Da darf man sich nicht täuschen.

Schill hat Ihnen vorgehalten, eine Beziehung zu Justizsenator Roger Kusch zu haben - womit das Private in der Tat politisch würde.

Ich kenne Herrn Kusch seit Jahrzehnten. Er ist ein alter Freund. Mehr aber wirklich nicht.

Können Sie verstehen, dass nun Fragen nach der Wohnung im Bahnhofsviertel gestellt werden, die Sie ihm vermietet haben?

Natürlich.

Wie kam es dazu, dass Sie an ihn vermietet haben?

Ich habe von Immobilien wirklich wenig Ahnung. Herr Dr. Kusch dagegen wusste, da er selbst kurz zuvor etwas gekauft hatte, genau, wo es die günstigsten Zinsen gibt, was die besten Laufzeiten sind und so weiter. Da hat er mich beraten. Auáerdem war diese Wohnung extrem renovierungsbedürftig. Wir hatten ursprünglich die Idee, eine Grundrenovierung zu machen und dass er die restliche Renovierung übernimmt, da er im Gegensatz zu mir handwerklich kompetent ist. Das hätte man dann mit der Miete verrechnen können. Nachher allerdings war der Renovierungsbedarf größer als gedacht, sodass doch Handwerker ranmussten. Nicht zuletzt wusste ich, dass er pünktlich seine Miete zahlen würde, die im übrigen völlig angemessen und marktgerecht ist. Das klingt alles sehr schlicht. Aber so war es.

Herr Kusch ist Senator in Ihrer Regierung, und es kann durchaus eine Situation entstehen, in der Sie ihn entlassen müssen. Wäre es da nicht besser, auf Geschäfte miteinander zu verzichten?

Idealtypisch haben Sie Recht. Aber in der Politik entstehen zwangsläufig und überall Freundschaften, weil Sie über Jahre den Tag, teilweise auch den Feierabend miteinander verbringen. In vielen Landesregierungen gibt es enge persönliche Verbindungen. Ich will hier niemanden outen. Aber es ist nun wirklich nicht ungewöhnlich, dass gute Freunde gemeinsam Politik machen.

Vor einigen Monaten stand Herr Kusch durch die öffentliche Kritik an seiner Amtsführung stark unter Druck. Hätten Sie auch an ihm festgehalten, wenn er nicht Ihr Freund gewesen wäre?

Natürlich. Ich hielt die Vorwürfe für unberechtigt. Um ganz sicher zu gehen, habe ich mich mit den Spitzen von Partei und Fraktion zusammengesetzt. Ich habe die Kollegen ausdrücklich auf meine lange Freundschaft zu Herrn Kusch und auch auf das Mietverhältnis hingewiesen. Die haben dann gesagt: "Gut, dass du es sagst. Überhaupt kein Problem. Es gibt keinen Grund, sich anders zu entscheiden."

Trotzdem waberten seit Monaten Gerüchte über die Wohnung und Ihr Verhältnis zu Kusch durch die Stadt.

Mir ist das schleierhaft, weil ich in dieser Wohnung höchstens zwei- oder dreimal gewesen bin. Es ist unglaublich, was alles erzählt wird. Ich schätze, über 20 bis 30 Prozent der Hamburger Politiker könnte ich Ihnen Gerüchte erzählen, sie seien entweder Puffgänger, ließen sich auspeitschen oder würden auf kleine Kinder stehen. Oder jemand, der verheiratet ist, sei in Wirklichkeit bisexuell, Alkoholiker, drogensüchtig oder was weiß ich.

Zu Gerüchten, die über Sie kursieren, schweigen Sie grundsätzlich in der Öffentlichkeit. Machen Sie sich nicht wehrlos, wenn Sie alles hinnehmen?

Wenn man sich wehrt, thematisiert man den Unsinn noch mehr, und wenn man gerichtlich vorgeht, dann gibt es eine Verhandlung mit Zeugen und Blitzlichtgewitter. Da nutzt es dann schon fast nichts mehr, wenn man den Prozess gewinnt. Man ist als Person des öffentlichen Lebens total wehrlos.

Das hat Sie nicht davon abgehalten, Jahrzehnte in der CDU zu ackern. Sie wollten dieses Amt. Gab es einen Moment, wo Ihnen in den Kopf schoss: "Wahnsinn, ich bin Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt"?

Nein. Den emotionalsten Moment hatte ich in der Sekunde der Vereidigung. Wenn Sie da stehen, und es wird die Eidesformel vorgelesen, das ist schon eine etwas gehobene Atmosphäre. Die Leute stehen da, gucken Sie an, und Sie hören und wissen, wenn Sie jetzt die Hand heben und sagen: "Ja, so wahr mir Gott helfe", dann sind Sie Bürgermeister. Da fühlen Sie schon einen heißkalten Schauer im Rücken, und die Knie werden weich. Aber das geht schnell vorbei.

Es soll ja Politiker geben, die ganz besoffen von ihrer eigenen Bedeutung sind und denen nichts lieber ist als ein schönes Foto in den Klatschspalten.

Ich muss nicht bis nachts um drei mit den Promis zusammen an der Bar sitzen. Ich habe mich darüber mal länger mit Wowereit unterhalten, weil der so ein Partymensch ist. Ich habe gefragt: "Wie hältst du das eigentlich durch? Man weiß doch genau, die Leute, die einen da nett behandeln, tun das doch nicht, weil sie einen selber nett finden, sondern weil sie die Nähe zum Amt suchen." Das bringt mir doch überhaupt nichts. Natürlich gibt es Repräsentationspflichten. Das ist auch völlig in Ordnung. Ich tue meine Pflicht. Das gehört dazu. Aber meist bin ich ziemlich schnell wieder weg. Da bin ich lieber allein und sehe mir einen schlechten Krimi auf ProSieben an.

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