Parlamentarische Gesellschaft Berlin hat einen neuen Touristenmagneten


Wer wird Deutschlands nächster Kanzler? Hunderte Besucher versammelten sich, um gespannt den Koalitionspoker in den Gebäuden der Parlamentarischen Gesellschaft zu verfolgen.

Die Hauptstadt hat in diesen Tagen einen neuen Touristenmagneten: die Parlamentarische Gesellschaft. Dort, wo gegenüber dem Reichstag die Parteien in Berlin um eine neue Regierung ringen, versammeln sich hunderte Besucher. Koalitionspoker hautnah - wer Berlin gesehen haben will, muss neben der Reichstagskuppel mittlerweile auch bei der Parlamentarischen Gesellschaft gewesen sein. "Ich denke, das ist ein historischer Augenblick", sagt Jutta Lebkücher aus Soest in Nordrhein-Westfalen, als am Sonntagabend der Machtkampf um die Posten in einer großen Koalition weitergeht.

"Es interessiert mich, wer Kanzler wird"

Während drinnen Kanzler Gerhard Schröder (SPD), SPD-Chef Franz Müntefering, Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel (CDU) und der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber nach einer Lösung in der Kanzlerfrage suchen und über die künftige Regierung diskutieren, warten draußen Trauben von Menschen. Erwachsene, Kinder - alle wollen direkt miterleben, wie an einer neuen Koalition gewerkelt wird. Jutta Lebkücher ist gemeinsam mit ihrem Mann Wilko und den Kinder Sven und Annika gekommen. "Uns geht es um die Atmosphäre."

Eine junge Frau mit Hund hofft auf eine Entscheidung über den Kanzler. "Es interessiert mich, wer Kanzler wird", sagt sie. "Ab und zu bin ich mal hier." Wie sie machen es viele in Berlin: Seit der Bundestagswahl ist die Parlamentarische Gesellschaft zum beliebten Treffpunkt geworden, nicht nur für Politiker und Journalisten. Ob Regen oder Sonne, ob Tag oder Nacht - die Gespräche der Parteien sind zu einer Attraktion geworden. An diesem Sonntag ist es noch spannender, weil sich Union und SPD möglicherweise auf Lösungen verständigen könnten.

"Das muss gut überlegt werden"

"Wir würden gern die Ergebnisse hören", sagt Renate Mohr aus Köln. Sie ist mit ihrer Tochter Rebekka und deren Freundin Katharina nach Berlin gekommen, um den Reichstag zu besichtigen, und die drei haben einen Abstecher zur Parlamentarischen Gesellschaft gemacht. "Entschuldigung! War da schon jemand?" ruft ein Junge und ist beruhigt, nichts verpasst zu haben. Menschenmengen stehen rund um die zahlreichen Kameras, und Fernsehkorrespondenten werden nach einer Live-Schaltung liebevoll beklatscht. Eine Familie aus Spanien fragt sich, was hier los ist. "Und - gibt es schon eine Entscheidung?"

Die Verlängerung der Gespräche bis Montag findet ein geteiltes Echo. "Ich finde das nicht so schlecht", sagt der 16-jährige Noel aus Berlin. "Die Wahl war nicht so eindeutig. Das muss gut überlegt werden." Jutta Lebkücher aus Soest sieht das anders: "Ich finde das ganz schlimm, dass sich das so lange hinzieht. Es geht nur um Macht." Ein anderer spricht von Puppentheater. Ein Paar aus der Nähe von Hamburg fragt sich: "Wenn heute noch keine Entscheidung fällt, warum warten die Leute dann hier?"

Doch alle harren weiter aus, mit den Journalisten - vorläufig aber vergeblich. Nichts tut sich an der Tür. Die aufgestellten Mikrofone bleiben leer. Doch schließlich tritt Schröder doch noch vor die Mikrofone - es ist allerdings nur der 17-jährige Felix Schröder aus dem Ruhrgebiet, der für einige Sekunden den Medienrummel genießt.

Marc-Oliver von Riegen/DPA


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