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Parteitag der CSU in München: Horst Seehofers Überlebenskampf

Im offiziellen Parteitagsprogramm taucht der Name Guttenberg gar nicht auf. Er wird trotzdem vor Ort sein. Und zuschauen, wie CSU-Chef Seehofer um seine Zukunft ringt.

Von Gabriele Rettner-Halder und Hans Peter Schütz

Zumindest in der griechischen Sagenwelt ist die Sache klar, Ikarus, der Ehrgeizige, schlägt den Rat seines Vaters Daedalus in den Wind. Er bastelt sich Flügel, steigt auf - und kommt der Sonne zu nahe. Das Wachs auf seinen Flügeln schmilzt, Ikarus stürzt ab. "In der CSU geht es zu wie in der griechischen Mythologie", behauptet ein Spötter im Gespräch mit stern.de.

Weit gefehlt. Denn der Vater-Sohn-Konflikt in der CSU ist weit komplizierter, und das Ende offen. Der Parteitag in München, der am Freitag beginnt, wird das zeigen.

Die Tricks der Parteitagsregie

Auf der einen Seite: Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesverteidigungsminister, ein Mann, den die CSU verehrt, als wäre er eine Reinkarnation von Franz-Josef Strauß. Ihm gelingt scheinbar alles. Die Neudefinition des Afghanistan-Einsatzes, der Umbau der Bundeswehr zu einer Berufsarmee, die Wiederbelebung des konservativen Elements in der Union. Gerade weil er so unglaublich populär ist, darf er auf dem Parteitag nur kurz auftreten. Am Freitag wird er die Bundeswehrreform erläutern. Ein strikt begrenztes Sachthema. Im Parteitags-Programm wird er nicht einmal namentlich genannt.

Auf der anderen Seite: CSU-Chef Horst Seehofer, der gerne sagt, er habe Karl-Theodor zu Guttenberg überhaupt erst erfunden. Für Seehofer ist die große Show reserviert. Er wird am Samstag, im gebührenden zeitlichen Abstand zur adeligen CSU-Ikone, eine Grundsatzrede halten. Doch die Tricks der Parteitagsregie werden Seehofers Probleme nicht unsichtbar machen können. Der bayerische Ministerpräsident muss um Autorität im eigenen Lager kämpfen. In der Migrationsdebatte erntete er für den Satz, Deutschland brauche keine zusätzliche Zuwanderung aus "fremden Kulturkreisen", beißende Kritik. Die schlug in helle Empörung um, als er kurz darauf die Rente mit 67, ein Heiligtum der Union, in Frage stellte. Es setzte einen Ordnungsruf aus dem Kanzleramt. Hans-Peter Friedrich, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, machte Seehofer per Interview lächerlich: "Ich weiß nicht, was Horst Seehofer da gesagt hat."

Jagdhorn und Haase

Die machtpolitische Bruchlinie ist für Seehofer gefährlich. Der CSU-Landesgruppenchef würde sich nicht so harsch äußern, wenn der bayerische Ministerpräsident nicht schon angezählt und mit zu Guttenberg ein probater Nachfolger in Sicht wäre. Ein führendes CSU-Mitglied sagt zu stern.de, derzeit spiele sich ein "wahrhaftes Drama" um Seehofer ab. "Es gibt in der CSU kaum mehr welche, die ihm die Stange halten". Er sei faktisch nur noch Parteichef von Guttenbergs Gnaden. "Wenn Guttenberg ins Jagdhorn 'Hase tot' bläst, ist der Hase wirklich tot."

Noch bläst zu Guttenberg nicht ins Horn. Warum auch. Er ist 38 Jahre jung, hat bessere Umfragewerte als Kanzlerin Merkel, gemeinsam mit Gattin Stephanie gibt er das Powerpaar der Berliner Republik. Guttenberg muss nirgendwo hingehen, es läuft alles auf ihn zu. Seehofer hingegen, das politische Irrlicht, der Mann, der gerne als "Ichling" porträtiert wird, scheint schon jetzt ein Auslaufmodell. Er hat zwar angekündigt, 2011 wieder als CSU-Vorsitzender zu kandidieren und sich 2013 um das Amt des Ministerpräsidenten zu bewerben, aber womöglich - siehe oben - kann er diese Entscheidungen nicht mehr selbst treffen. Seehofer hat in Bayern den Skandal um die Landesbank an den Hacken, sein Vorschlag, 40 Prozent der Leitungspositionen seiner Partei mit Frauen zu besetzen, sorgte für riesige Unruhe. Er ist der Wackelkandidat, Guttenberg eine aufstrebende Größe.

Mehr Demokratie wagen

"Da müss' mer durch", sagt der Landesparlamentarier Max Strehle zu stern.de. Und der Parteitag wird Seehofers Position auf den ersten Blick festigen. Es wäre politischer Selbstmord, würde ihn die Partei jetzt schon attackieren. Die CSU-Führung wird vielmehr versuchen, einen "Arbeitsparteitag" zu inszenieren. 260 Anträge von Mitgliedern liegen vor, eine für CSU-Verhältnisse exorbitante Zahl. Seehofer will damit ein Signal setzen: Es soll demokratischer und basisorientierter zugehen als unter Möchtegern-Monarch Edmund Stoiber.

Guttenberg wird sich entspannt zurücklehnen können. Es gibt in der CSU genug Mitglieder, die, wie es Ex-Wirtschaftsminister Michael Glos süffisant formuliert, an Seehofers "außerirdischen Fähigkeiten zweifeln". Und es gibt genügend, die über Guttenberg lästern, er sei eine "Mischung aus Armani und Adenauer", aber dabei einen respektvollen Unterton vernehmen lassen. Gewählt wird in Bayern vorerst nicht, dafür aber im März 2011 in Baden-Württemberg. Verliert die CDU dort ihre Macht, kann in Berlin eine dynamische politische Situation entstehen, da die Schuld auch Kanzlerin Angela Merkel zugeschoben werden wird. "Er ist unser Mann für alle Fälle", sagen Parteifreunde über Guttenberg. Und über Seehofer schweigen sie.

Mitarbeit: Lutz Kinkel

Von:

Gabriele Rettner-Halder und Hans Peter Schütz