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Perspektive Deutschland: Wo Deutschland Zukunft hat

Die größte gesellschaftspolitische Umfrage beweist: Nicht überall läuft es schlecht im Land. Über 500.000 Bürger haben bei Perspektive-Deutschland mitgemacht und ein differenziertes Bild gezeichnet.

Wer von der Autobahn abbiegt und durch die westlichen Vororte Freiburgs Richtung Altstadt fährt, erblickt verwundert Bürogebäude mit seltsamen Dachaufbauten, voll gestellt mit Antennen, Satellitenschüsseln und Solarpaddeln. Hinter den Fenstern huschen Menschen in weißen Kitteln. Und wo sonst Firmenlogos prangen, stehen bescheiden die Namen von Instituten und Fakultäten. Freiburg ist nicht die Stadt der Industrie - Freiburg ist die Stadt des Wissens.

Fünf Fraunhofer- und zwei Max-Planck-Institute,

eine Universität mit elf Fachrichtungen und 24000 Studenten sowie eine Uni-Klinik von Weltniveau reihen sich hier. Dazu kommen Gründerzentren für forschungsnahe Firmen, etwa aus der Bio-Technologie. Hier ist Deutschland schon in der Zukunft. In Freiburgs Zentrum dagegen findet der Besucher die Vergangenheit so, wie er sie liebt: historischer Stadtkern, malerische Gässchen. Durch die Straßen plätschert in steinernen "Bächle" unablässig Wasser von den Höhen des Schwarzwalds hinab ins Flüsschen Dreisam.

Die Mischung aus Idylle und High Tech ist es, die die Einwohner Freiburgs zu Optimisten macht. Bei Perspektive-Deutschland, der weltweit größten gesellschaftspolitischen Online-Befragung, war fast die Hälfte von ihnen überzeugt, auch in fünf bis zehn Jahren noch gut in der Schwarzwald-Region leben zu können. Freiburg und der südliche Oberrhein gehören damit zu den Erfolgsregionen in Deutschland.

Die Freiburger

setzen auf ihre Stadt - und wollen dort wohnen bleiben. Das ist in Deutschland nicht mehr selbstverständlich. Schon heute verlieren viele Städte und Gemeinden Einwohner. Deswegen war das wichtigste Thema bei der vierten Befragungsrunde von Perspektive-Deutschland die Zukunftsfähigkeit von Regionen. Wo sind die Chancen für eine positive Entwicklung am größten? Welche Orte werden zu neuen Wachstumsmotoren? Wo werden künftig die erfolgreichsten Deutschen leben? Und nicht zuletzt: Welche Faktoren machen einzelne Regionen zu Siegern?

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Mehr als eine halbe Million Teilnehmer hat bei Perspektive-Deutschland, einer gemeinsamen Initiative von stern, der Unternehmensberatung McKinsey, dem ZDF und dem Onlinedienst AOL, abgestimmt. Wichtige Erkenntnis der Umfrage: Die Bürger wissen sehr genau, wie es um ihren Wohnort steht. Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit ihrer Gemeinde oder Stadt bringt äußerst belastbare Ergebnisse.

Als besonders wichtig für die Einschätzung der Zukunftsfähigkeit erwiesen sich Faktoren wie das Angebot attraktiver Arbeitsplätze, ein hoher Freizeitwert sowie gute Ausbildungs- und Betreuungsangebote für Kinder. Aber auch aktive Unternehmensgründer, eine fähige Verwaltung, ausreichend Wissenschaft und Hochtechnologie am Standort und ein ausreichendes Sicherheitsgefühl macht Bürger optimistisch.

Kommunen, die im Ranking der zukunftsfähigsten Orte vorn sein wollen, müssen in allen Bereichen etwas zu bieten haben. Doch bei den Spitzenreitern gibt es darüber hinaus noch besondere Stärken. Aus ihnen lassen sich die Erfolgsrezepte für Zukunftsfähigkeit ableiten.

Der stern

hat sich vier der Spitzenreiter genauer angesehen: den Großraum München, Leipzig, Lüneburg sowie die Regionen südlicher Oberrhein und Freiburg. Freiburgs besondere Stärke ist die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft. "Wir spielen in der ersten Liga der Forschung", sagt Joachim Luther selbstbewusst. Er leitet das Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme (ISE), mit 420 Mitarbeitern eine der größten Forschungseinrichtungen der Stadt. Hier wird an leistungsfähigeren Solarmodulen und neuartigen Brennstoffzellen gearbeitet. "Unser Fokus liegt aber immer auf der industriellen Umsetzung der Forschung", sagt Luther. Im Erdgeschoss des mit Solartechnik verkleideten Neubaus arbeitet deswegen eine komplette Solarzellenfertigung. "So können wir die Produktion optimieren, ohne irgendwo gleich eine ganze Fabrik lahm zu legen." Inzwischen sind mehrere Solarfirmen aus dem Institut hervorgegangen, dessen eigene Mitarbeiterzahl jährlich noch um rund zehn Prozent wächst.

So viel Forschung bringt enorme Synergien - auch abends in der Altstadtkneipe: Da treffen Forscher verschiedener Fachbereiche bei einem Schoppen Wein aufeinander, und oft genug beschreibt der eine ein vertracktes Problem, das ein anderer gerade gelöst hat. "So was geht nur an einem Wissenschaftsstandort", schwärmt ISE-Chef Luther.

Die Stadt Freiburg,

nach dem Krieg eines der Armenhäuser der Republik, hat auch heute kaum Geld, um all die Forschung zu fördern. Trotzdem genießt die Wissenschaft oberste Priorität: "Ob schnelle Genehmigungsverfahren, städtische Grundstücke oder organisierter Gedankenaustausch - wir helfen, wo wir können", sagt Bernd Dallmann, in Freiburg zuständig für Wirtschaftsförderung. "Wir wollen Wissens-Arbeitsplätze. Eine große Industrieansiedlung werden wir doch sowieso nie bekommen." Der Erfolg: Im Februar lag die Arbeitslosenquote (acht Prozent) unter dem Landesschnitt von Baden-Württemberg.

Auch München hat wenig Probleme mit Arbeitslosen. Im März lag die Quote bei 7,6 Prozent. "Das liegt an der Münchner Mischung", erklärt Oberbürgermeister Christian Ude (SPD): "Medien, Tourismus, Versicherungen, viel Handwerk, das sorgt für Stabilität. Bei uns treffen Branchenkrisen nie alle Firmen gleichzeitig." Dass Ude für den vorteilhaften Branchenmix genauso wenig kann wie für den hohen Freizeitwert der nahen Alpen, die 85 Prozent der befragten Münchner positiv bewerten, gesteht er gern: "Auch vor mir war München schon attraktiv."

Doch die Bayernmetropole hat auch eine der lebhaftesten Gründerszenen der Republik. Obwohl bei jungen Firmen in der Regel nur wenige Arbeitsplätze entstehen, sind sie psychologisch wichtig. Ein gutes Gründerklima schafft Vertrauen bei breiten Bevölkerungsschichten. 43 Prozent der Münchner sehen das als Vorteil für ihre Stadt. Es ist beruhigend zu wissen, dass auch Neues nachwächst, egal, ob dabei sofort Arbeitsplätze entstehen.

Neben Förderprogrammen

locken vor allen Dingen die vielen gut qualifizierten Arbeitskräfte, die hervorragende Infrastruktur und das kulturelle Angebot Gründer in die Stadt. Und für diese Angebote - meinen die Münchner - kann der Oberbürgermeister sehr wohl etwas. Seine Arbeit wird von den Befragten geschätzt - obwohl das Angebot von Krippen, Ganztagsschulen und -kindergärten von allen deutschen Großstädten am schlechtesten bewertet wird. Christian Ude hat dafür eine Erklärung: "Krippen wurden bis vor wenigen Jahren in Bayern aus ideologischen Gründen gebrandmarkt und total vernachlässigt. Auch wenn wir im Bundesvergleich hinten liegen, innerbayerisch sind wir Spitze." München hat im Gegensatz zu den meisten anderen Regionen einen Geburtenüberschuss.

Von Münchens herausragenden Werten ist Leipzig weit entfernt. Trotzdem überrascht die ostdeutsche Großstadt durch den Optimismus ihrer Bewohner: Sie schafft es bei der Bewertung der "Zukunftsfähigkeit" auf Platz 24 aller Regionen. Vergleicht man Leipzig mit anderen Großstädten, belegt die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch reichste Stadt des Landes sogar den vierten Rang und verweist westdeutsche Metropolen wie Köln oder Frankfurt auf hintere Plätze. Auch beim Thema "Zufriedenheit" macht Leipzig einen Sprung nach vorn. Leipzig, Leuchtturm des Ostens?

"Wir sind kein Leuchtturm", sagt Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee. "Eher schon eine Lokomotive, denn wir ziehen eine ganze Region mit." Dass er es ist, der zieht, hört SPD-Mann Tiefensee nicht so gern. Gerade wurde er mit dem nahezu sozialistischen Ergebnis von 67,1 Prozent wiedergewählt, und auch bei Perspektive-Deutschland erzielte die von ihm geführte Stadtverwaltung landesweit das beste Ergebnis.

Wer mit Wolfgang Tiefensee durch die Straßen Leipzigs geht, fühlt sich wie auf einer Großbaustelle. Die Luft schmeckt hier nach Zement, der Lärm der Baumaschinen verhindert in der Fußgängerzone jedes Gespräch. Tiefensee kennt alle Baustellen, und die Arbeiter kennen ihn. Er hat das Image der Job-Lokomotive. Unter seiner Ägide kamen Konzerne wie Quelle, Porsche, BMW und zuletzt die Post mit Milliardeninvestitionen nach Leipzig. Zehntausende neuer Jobs entstehen.

Auch Lüneburg

war einst eine der mächtigsten und reichsten Städte Deutschlands, doch das ist noch viel länger her: Im Mittelalter wurden die ersten Hansekaufleute mit dem vor Ort gewonnenen Salz reich. Als der Boom vorbei war, fiel Lüneburg für Jahrhunderte in relative Bedeutungslosigkeit zurück. Nach dem Krieg fand sich die norddeutsche Kleinstadt mit ihrem Stadtkern aus 1350 denkmalgeschützten Gebäuden nahe der deutsch-deutschen Grenze wieder. Zonenrand - Bundeswehr und Bundesgrenzschutz wurden zu den bedeutendsten Arbeitgebern. Mit der Wende war auch diese Sonderkonjunktur beendet. Fragt sich: Welche Zukunft hat eine ländliche Region ohne größere Industrie, aus der Tausende von Einwohnern abziehen? Antwort: Eine gute! Lüneburg erreichte bei Perspektive-Deutschland Rang elf.

Die Erfolgsformel, die auch aus Sicht der Bewohner funktioniert, heißt Lebensqualität: Statt durch teure Wirtschaftsförderung in einen aussichtslosen Konkurrenzkampf mit dem hoch subventionierten Ostdeutschland zu treten, setzt Lüneburg auf Kultur und Bildungsangebote. So leistet sich das 70 000-Einwohner-Städtchen das kleinste Drei-Sparten-Theater der Republik. Der Zehn-Millionen-Euro-Etat sorgt dafür, dass regelmäßig Schauspiele, Ballette und jährlich sogar zwei Opern aufgeführt werden. Es gibt sechs Museen, mehrere Stadtfeste und die liebevoll restaurierte Altstadt. Auf eines der Kasernengelände zog die Pädagogische Hochschule, die innerhalb weniger Jahre für 100 Millionen Euro zur Universität mit 10 000 Studenten aufgebaut wurde. Das Angebot an Kindergartenplätzen hat sich seit der Wende fast verdreifacht, bei Krippen soll bald Vollversorgung herrschen. Die Investitionen in Kultur und Bildung haben sich ausgezahlt, denn nicht nur in Umfragen schneidet Lüneburg gut ab. Auch die Abstimmung mit den Füßen spricht für eine gute Zukunft: Von 1984 bis 2004 stieg die Einwohnerzahl von Stadt und Kreis Lüneburg von 123 000 auf 173 000 - ein Zuwachs von rund 40 Prozent. Der Bevölkerungsschwund durch Abwanderung wurde somit überkompensiert. Das ließ auch die Steuereinnahmen steigen, sodass Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) im vergangenen Jahr trotz teurer Kultur sogar einen kleinen Überschuss im Haushalt präsentieren konnte. "Das war die Wende", freut er sich und sieht gelassen der Tatsache ins Auge, dass wegen steigender Schülerzahlen in der Region in den nächsten vier Jahren etwa 45 Millionen Euro in Schulen investiert werden müssen. "Aufbauen macht entschieden mehr Spaß als abreißen."

Jan Boris Wintzenburg / print