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Peter Ramsauer: A Hund ist er halt scho

Peter Ramsauer verkörpert das Klischee des bayerischen CSU-Politikers: in Tracht gekleidet, konservativ, und immer gerne einen Machospruch auf den Lippen. Doch der Landesgruppenchef in Berlin kann auch anders.

Von Hans Peter Schütz

Als junger Hüpfer hat Peter Ramsauer in der politischen Klippschule gut aufgepasst. Das war Anfang der Siebziger, als er in seinem Heimatort Traunwalchen im Chiemgau die "Basisgruppe Schwarzer Peter" gegründet hatte. Da hat ihm sein politischer Ziehvater Otto Wiesheu das Erfolgscredo der CSU eingebleut. "Mir san Hund, die anderen san Hund, aber mir san die größeren Hund."

Mit der Devise ist Peter Ramsauer politisch bis heute gut gefahren. Seinen Wahlkreis holte er, den er zu Recht den schönsten der Republik nennt, regelmäßig mit satt über 60 Prozent der Erststimmen (2002: 69 Prozent!). Vermutlich gäbe es die SPD zwischen Königssee und Chiemsee schon längst nicht mehr, stünde sie nicht unter einer speziellen Form des Artenschutzes.

Unaufhaltsam hat Ramsauer Karriere gemacht. Steht jetzt an der Spitze der 46-köpfigen CSU-Landesgruppe im Bundestag. Ein Platz, den ihm sein zweiter Ziehvater Michael Glos, der Vorgänger in diesem Amt, mit dem Satz ans Herz gelegt hat: "Wer Chef der Landesgruppe ist, darf nichts anderes mehr werden wollen."

Nachdenkliche Blicke für Ramsauer

Leichter gesagt, als getan. Glos selbst wurde ins wenig geliebte Wirtschaftsministerium gezwungen. Und wenn der schwarze Peter heute im Kloster Banz die Abgeordneten der Landesgruppe zu einer Arbeitsklausur mit dem Schwerpunkt Klimaschutz versammelt, wird mancher nachdenkliche Blick den Vorsitzenden streifen. Wo steht er in der von einer Führungskrise geschüttelten CSU? Will er wirklich nichts anderes werden? Vielleicht eben doch Bundesminister, wie es in schöner Regelmäßigkeit alle Landesgruppenchefs der CSU wurden? Von Strauß über Stückeln, Zimmermann, Waigel und eben jetzt Glos.

Kann der denn das überhaupt? Diese skeptische Frage begleitete Ramsauer zunächst, als er nach der Bildung der großen Koalition im Herbst 2005 vom parlamentarischen Geschäftsführer zum Landesgruppenchef aufrückte. Sogar in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion begleiteten erhebliche Zweifel den Aufstieg. Könne er als gleichgewichtiger Dritter im Bund zwischen dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck und dem CDU/CSU-Fraktionsboss Volker Kauder mithalten?

Wichtiger Player in der Bundesregierung

Er konnte, wie kurz vor Halbzeit der Legislatur inzwischen feststeht. Mehr noch. Unlängst hat Ramsauer auf der Dachterrasse der Moskauer Edel-Herberge "Ritz Carlton" den Ritterschlag für weitere höhere politische Aufgaben von Noch-Ministerpräsident Edmund Stoiber erhalten. "Er ist ein wichtiger Player in der Bundesregierung," rühmte Stoiber den Landesgruppenchef, der dann auch in den Gesprächen mit Wladimir Putin dabei sein durfte. Denn Ramsauer sei "der erste Mann der CSU in Berlin. Er sitzt mit der Kanzlerin am Tisch und entscheidet mit über die Außenpolitik!" Dazu passte dann, dass Ramsauers nächster Termin unmittelbar danach in Washington anstand: Politische Gespräche mir ranghöchsten US-Senatoren über Fragen der internationalen Sicherheitspolitik. Na, bitte!

Fast scheint es, als seien Ramsauer die Lobeshymnen peinlich. "Ich glaub'", murmelte er auf Anfrage von stern.de, wie er denn die Auszeichnung verstehe, "ich muss da was dagegen machen. Ich möchte da nirgendwo reinkommen." Er habe schließlich, so der Mann, der sich auch schon mal burschikos als "Häuptling der CSU in Berlin" nennt und dabei die Minister Glos und Horst Seehofer selbstbewusst ausblendet, "nie auf den Knien vorm Edmund gelegen". Und versichert: "Ich will nicht mehr werden, als ich jetzt bin." Und wird ihm unterstellt, er spekuliere im Rennen um den CSU-Vorsitz zwischen Seehofer und Erwin Huber gar auf die Rolle des lachenden Dritten, murmelt er nur bissig: "Schmarrn!"

"Unsolidarischer Egomane"

Das dürfte mindestens bis zur nächsten Bundestagswahl gelten. Ramsauer hat sich jedenfalls bis zur Selbstverleugnung aus dem CSU-internen Machtkampf herausgehalten. Als sie in der Münchner Landtagsfraktion bereits die Messer gegen Stoiber wetzten, stellte er sich auf der Kreuther Tagung Anfang des Jahres noch "vor, neben und hinter" den Ministerpräsidenten. Obwohl in der Landesgruppe eine eindeutige Präferenz für Huber als CSU-Chef besteht, obwohl viele Seehofer für einen unsolidarischen Egomanen halten und Ramsauer selbst dieses Urteil teilt, glückte es ihm, die Berliner Truppe halbwegs neutral zu halten. Mag sein, dass er es im Nachhinein selbst für naiv hält, auf entsprechende Vereinbarungen im CSU-Präsidium vertraut zu haben. Aber den Putsch von Beckstein und Huber gegen Stoiber hat er auch schon mal ganz undiplomatisch als "wahnsinnig" bezeichnet. Fürs Handeln der CSU-Landtagsfraktion in der Causa Stoiber fand er ebenfalls ziemlich unfreundliche Worte.

Viele haben gefragt, weshalb Ramsauer, der seit 1990 im Bundestag sitzt, nicht für den Vorsitz des Bezirkverbands Oberbayern kandidiert hat - eine Machtposition, an der kein Weg vorbeiführt, wenn man in der CSU ganz nach oben will. "Ich bin nicht scharf aufs nächste Amt," antwortet der 53-Jährige darauf. "Ich will noch was vom Leben haben." Zuhause in Traunwalchen sitzt er zuweilen an der Mühle, die seit über 400 Jahren im Familienbesitz ist, und beobachtet die Fische im Fluss, für die er eine Fischtreppe bauen ließ. "Das ist dann wie in der Politik. Wer aufsteigt, muss auch wieder absteigen."

Nach dem Tod des Vaters die Mühle übernommen

Zwar passt Ramsauer wie gemalt ins Klischee eines bayerischen CSU-Politikers, wenn er zuweilen im heimischen Wahlkreis in 2000 Euro teurer Bajuwaren-Tracht daherkommt. Ganghofer hätte ihn vermutlich auf der Stelle für jede Hauptrolle in den verfilmten Bergdramen genommen. Aber in Berlin kommt der gut aussehende ehemalige "Mister Bundestag" im eleganten Maßanzug und fein abgestimmten Hemd-Krawatten-Kreationen daher, gerne leicht gebräunt und immer höflich. Was sich nicht auf Anhieb erschließt: Der Mann hat nach dem frühen Tod des Vaters die Mühle übernehmen müssen, die Müller-Meisterprüfung gemacht, ein Prädikatsexamen als Diplomkaufmann hingelegt und promovierte mit der Note "sehr gut" zum Doktor der Staatswissenschaften. Als Schüler absolvierte er ein Jahr am renommierten Eton College in England und spricht neben Französisch und Italienisch ("So lala") blendend Englisch. Und mit Sicherheit gibt es keinen Politiker, der besser Klavier spielt als Ramsauer. "Er ist durchaus konzertfähig," rühmen Kenner. Er liebt und kennt alle Opern. Im nahen Salzburg ist er Stammgast.

Natürlich ist Ramsauer ein überzeugter Konservativer. Im Streit ums neue Elterngeld gab er den Obermacho und erklärte, das "Wickelvolontariat" für Männer sei überflüssig. Das neue Namensrecht, mit dem Frauen ihren Namen in der Ehe behalten können, lehnte er vehement ab. Gerne stichelt er beim Frühstück mit Journalisten auf der SPD herum, um anschließend blauäugig zu erklären, das sei alles missverstanden worden. Mit Lust verstößt er gegen die eigene politische Lebensregel, wonach in der großen Koalition "jedes Wort überlegt sein will."

"Papa, lass den Quatsch!"

Mit voller Absicht verstößt er dagegen. So machte er die Krippenpläne der CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen grob mit dem Satz an: "Eine Familienministerin ist auch für diejenigen da, die ihre Kinder zuhause erziehen." Grundsätzlich bekennt er sich dazu, Populist zu sein. Er sei schließlich "kein geklonter Retortenparlamentarier."

Und wenn der Macho in ihm mal wieder übermächtig wird, gibt es da immer noch die fünf Frauen des Peter Ramsauer. Ehefrau Susanne und vier Töchter im Alter zwischen neun und siebzehn. Die haben ihm eingebläut, als er etwa gegen das Namensrecht für Frauen mobil machte: "Papa, lass den Quatsch!" Und als ihm das "Wickelvolontariat" rausgerutscht war, setzte es unverzüglich einen Anruf der Ehefrau. "Was hast du dir eigentlich gedacht, als du das gesagt hast? Das hast du dir mal wieder überhaupt nicht überlegt."

Man beachte das "mal wieder." Genau so geht es dem schwarzen Peter mit Angela Merkel. Die sei auch nicht "über alles amüsiert, was ich sage," gesteht er. A Hund ist er halt scho. Als Ehemann, Vater und Politiker.