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Plagiatsvorwürfe gegen Norbert Lammert: Schluss mit dem Doktor-Mythos

Der Politiker-Pranger ist legitim, aber er löst kein gesellschaftlich relevantes Problem. Was uns vielmehr sorgen sollte, ist die Aushöhlung des Doktorgrades zu einer bloßen Lebenslauf-Verzierung.

Ein Kommentar von Christoph Koch

Vor fast genau 39 Jahren, am 1. August 1974, wurde an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) der Bau der Mensa vollendet – zeitgleich mit Audimax, Bibliothek und Verwaltungsgebäude. Der Lehrbetrieb lief seit neun Jahren, die RUB war die erste Universitäts-Neugründung in der Bundesrepublik. Heute ist sie eine der führenden Hochschulen des Landes, exzellent und forschungsstark.

1974 ist auch das Jahr, in dem der am Ort geborene 25-jährige Bäckerssohn und Diplom-Sozialwissenschaftler Norbert Lammert, seine Doktorarbeit abgab. Er promovierte über regionales Parteienwesen, ähnlich wie zuvor Helmut Kohl, dessen Kabinetten der langgediente Abgeordnete (MdB seit 1980) als Parlamentarischer Staatssekretär angehörte. Zusätzlich zu seinem Doktorgrad kann Lammert gar als Professor firmieren, auch diesen Titel hat ihm die heimatliche Hochschule 2008 verliehen.

Das war jetzt alles nur geklaut.

Akribie, die wie Zwangsneurose anmutet

Denn all das, was Sie bis hier gelesen haben, ist ein verschleiertes Zitat aus Wikipedia. Ich war nicht in Bochum. Und ich war erst sieben, als aus Herrn Lammert Herr Doktor Lammert gemacht wurde. Wahrscheinlich stimmt aber alles. Jedoch besitze ich weder eine Kopie der Lammertschen Dissertation, noch materielle Belege für die Professoren-Ernennung. Ich war noch nie in der Bochumer Mensa und kann daher nicht schwören, dass sie tatsächlich existiert (es gibt auch ernstzunehmende Digital Natives, die die Auffassung vertreten, dass etwa ganz Bielefeld nicht existiert). Kurz gesagt: Ich bin nicht im Stande, jedes Komma, das ich gerade setze, mit letzter Akkuratesse und reinstem Gewissen zu belegen. Und wahrscheinlich – es gibt ja Google und die NSA – wird auch dieser Text in 40 Jahren noch existieren, und jemand kann dann prüfen, ob acht Jahrzehnte zuvor in Bochum ein Mensa-Richtfest stattgefunden hat.

Doch das wird niemand tun.

Was die 39 Jahre alte Publikation von Norbert Lammert angeht, ist das anders. Jedermann weiß mittlerweile, wie es abläuft: Ein Internet-Aktivist stellt in beinahe zwangsneurotisch anmutender Akribie Vergleichstabellen zwischen Doktorarbeit und Originalquellen ins Netz und versucht, Plagiate nachzuweisen, in Kategorien wie "Bauernopfer", "Fehlerübernahme", "Verschleierung" usw. Dann prüfen universitäre Gremien, das ist ihre Pflicht, in einem nervenzehrenden Verfahren die Vorwürfe des öffentlichen Prangers nach. Und am Ende ist dann mindestens der Doktorgrad, meist aber gleich der ganze Politiker weg: zu Guttenberg (der sich das mehr als redlich verdient hatte), Koch-Mehrin (ebenfalls, sagte das Gericht), Schavan (weniger, aber das Gericht muss noch entscheiden) und womöglich alsbald Lammert.

Politiker-Pranger funktioniert

Es funktioniert, das Plagiatsanprangern. Es ist zudem noch vollkommen legitim, wir haben Meinungsfreiheit und Forschungsfreiheit, und obendrein hat jeder Promovend versichert und geschworen, dass er eigene Forschungen publiziere und keinerlei unerlaubte Hilfsmittel verwendet habe. Der Plagiator ist wortbrüchig, fahrlässig oder vorsätzlich. Und vermutlich an einigen Fachbereichen in der Mehrheit.

Ja, der Politiker-Pranger ist legitim, und er funktioniert, aber er löst kein gesellschaftlich relevantes Problem. Und falls anfänglich einmal doch, dann mittlerweile gewiss umso weniger, je häufiger und je banaler die vom Prangermeister aus eigener Willkür zum öffentlich-akademischen Teeren und Federn ausgewählten Fälle werden. Setzt sich dieser Verdünnungseffekt fort, wird er nur Gleichgültigkeit düngen.

Und das darf nicht sein.

Missbrauch des Doktorgrads an sich

Denn das wirklich bedeutende und relevante Problem ist der Missbrauch des Doktorgrades an und für sich. Was ja eine Übung in Selbstdisziplin, forscherischer Präzision und intellektuellem Anspruch sein sollte, eine Chance, sich tief in den wissenschaftlichen Denkstil hinein zu quälen, ist vom deutschen Kleinbürgertum in 150 Jahren zur Serienfertigung zweckentfremdet worden – zu einem oftmals leeren Lebenslauf-Verzierungs-Ritual. Der Mechanismus hatte sich zuvor in Zünften und Gilden bereits bewährt, jenen Verteidigungsbünden für allgemeines Mittelmaß. Diese Tradition lebt fort: Man lässt sich in der Provinz und in den ultraprovinziellen Bildungsbürgermilieus der Metropolen als Herr oder Frau Doktor titulieren, erwartet Gehaltsschübe nicht durch Exzellenz, sondern dank formaler Distinktion. Das alles unter Ablagerung von Zitatengräbern und hohlen Fleißübungen in den Universitätsbibliotheken, oftmals im vollen Bewusstsein, niemals Leser finden zu wollen.

Eine Tücke der Human- und Kulturwissenschaften – die Überführten waren bisher sämtlich Geistes- und Sozialwissenschaftler – ist dabei, dass sie besonders verführt sind, sich in einem globalen Zitierzirkel zu bewegen, der nur aus Texten, Texten und noch mehr Texten besteht. Ein Naturwissenschaftler dagegen, der ein vollkommen sinnloses Experiment macht und es ordentlich dokumentiert, hat zwar nichts produziert, aber auch nichts plagiiert. Von Medizinern, die ihre mageren Arbeiten traditionell während des Studiums schreiben, ganz zu schweigen.

Verbrieftes Recht auf Eintragung des Titels

Die unterfinanzierte Massenuniversität, wie wir sie in Deutschland zur Blüte gebracht haben, mit ihrem Personalmangel, dem schlechten Betreuungsverhältnis und ihrem verbreitet tristem Qualitätsverständnis, hat Tür und Tor geöffnet für den hilflosen Zynismus, von dem viele schlechte Arbeiten zeugen. Die traditionelle Titelgier und Honoratiorenhörigkeit hat es aber ebenso.

Deshalb haben die Recht, die fordern: Schluss damit – mit dem allerorten vorherrschenden Aberglauben, der Doktorgrad sei ein "Namensbestandteil" und der eigentümlichen Vorschrift im Personalausweisgesetz, die diesen Mythos fördert, indem sie ein Recht auf Eintragung des Titels verbrieft. Eine ordentliche Dissertation zu verfassen, ist eine große Herausforderung, ist bereichernd und auch ehrenvoll. Damit einen echten Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt zu leisten, das sollte keinem, der dazu qualifiziert ist, verwehrt bleiben. Doch die wohlfeile Überproduktion halbdurchgegarter Titel zu beenden, das ist das, worum es eigentlich zu gehen hat.

Diese Meinungsäußerung ist, bis auf ihren Anfang, vermutlich plagiatsfest.

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