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Rechtschreibreform: Streit ums Scharfe S

Die erneute Debatte um die Rechtschreibreform ist ein Sommerloch-Thema. Auch für den stern: Bei uns bleibt - aus gutem Grund - alles beim Neuen.

Hätte Christian Wulff während der RTL-Show "Der große Deutsch-Test" bei der Ex-Tagesschau-Sprecherin Susan Stahnke abgeschrieben, wäre uns das derzeitige Theater vielleicht erspart geblieben. Die Schauspielschülerin hatte nämlich ein prima Ergebnis im Diktat, im Gegensatz zum CDU-Ministerpräsidenten von Niedersachsen. Der machte daraufhin misslaunig die Rechtschreibreform für seine Orthografieschwäche verantwortlich und stellte klar: "Diese Reform stiftet nur Verwirrung." Und dann, mit einem sicheren Gespür fürs mediale Sommerloch, zog der CDU-Mann ins große Gefecht ums scharfe "s". Die Reform sei abwegig und gescheitert, so Wulff, und Deutschland gerate zunehmend in einen Zustand der Sprachverhunzung.

Seither liefern sich die Kritiker und Befürworter erneut hitzige Debatten um den Verbleib des "h" in Känguru und Tunfisch. Seit am Wochenende auch noch der Spiegel-Verlag, die Axel Springer AG und die "Süddeutsche Zeitung" entschieden haben, so bald wie möglich zur klassischen Rechtschreibung zurückzukehren, ist das Chaos komplett. "Spiegel"-Chef Stefan Aust sieht seine Entscheidung als "ein Signal dafür, dass wir nicht alles mit uns machen lassen!". Gar als einen Akt "zivilen Ungehorsams". Springer-Führungskraft Matthias Döpfner hat in allen vorliegenden Umfragen "eine klare Mehrheit für eine schnelle Korrektur" ausgemacht, nur "SZ"-Chef Hans Werner Kilz meint vorsichtig, "Es gibt durchaus neue Regelungen, die ich beibehalten würde, vor allem, was die Silbentrennungen angeht."

Um die Reform endgültig

zu kippen, müsste die zuständige Kultusministerkonferenz (KMK) einen einstimmigen Beschluss fassen. Doch der ist kaum zu erwarten. Und auch Christian Wulffs Wunsch, eine Koalition der Ministerpräsidenten zu schmieden, um die Reform doch noch zu Fall zu bringen, dürfte kaum machbar sein. Zwar stehen die Länderchefs von Bayern und dem Saarland hinter ihm, aber die Mehrheit vertritt die Meinung: Der Zug ist abgefahren.

Was bitte, soll dann das ganze Theater? Der stern sieht keine Notwendigkeit, sich der Rückwärtsbewegung anzuschließen. Seit Jahren werden in unserer Redaktion die neuen Regeln angewendet - und dort, wo unseres Erachtens notwendig, auch modifiziert. Wir schreiben zum Beispiel von einer alleinstehenden und nicht von einer allein stehenden Frau, finden etwas wohldurchdacht, nicht wohl durchdacht. Sprache ist und war nie logisch. Was für den stern aber kein hinreichender Grund sein kann, eine demokratisch herbeigeführte Entscheidung kurzerhand zu kippen.

Für Doris Ahnen (SPD), Kultusministerin von Rheinland-Pfalz und amtierende KMK-Präsidentin, geht es jetzt um Schadensbegrenzung: "Im Zentrum stehen für mich die Interessen der Schülerinnen und Schüler, von denen mehr als 15 Millionen bereits nach den Regeln der reformierten Rechtschreibung das Schreiben gelernt haben, sowie die Interessen der Lehrerinnen und Lehrer." Im Herbst kommt die Rechtschreibreform auf die Tagesordnungen der Ministerpräsidenten und der Kultusministerkonferenz. Bereits Anfang Juni hatte die KMK einstimmig beschlossen, dass ein möglichst breit gefächerter Rat für deutsche Rechtschreibung eingesetzt werden soll. Seine Aufgabe wird die Überwachung des Reformprozesses sein, anders als bei der bisher mit dieser Aufgabe betrauten Kommission sollen dem Rat auch Kritiker des neuen Regelwerks angehören.

Ende August steht zunächst ein "Krisengipfel" an, bei dem Deutsche, Österreicher und Schweizer darüber entscheiden wollen, wer in dem Rat sitzen soll. In unseren deutschsprachigen Nachbarländern herrscht durchweg Unverständnis über die wieder aufgeflammte Diskussion. "Aus Österreich", so Professor Gerhard Augst von der Rechtschreibkommission, "sind überhaupt keine Beschwerden gekommen, da läuft alles glatt. Die gucken jetzt mit großem Erstaunen nach Deutschland." Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt: "Bedenklich stimmt es, wenn die genannten Großverlage die Abkehr von der neuen Regelung nun unter die etwas demagogische Begründung stellen, die Mehrheit der Bevölkerung sei gegen die neue Orthografie. Denn ginge es danach, so wäre vermutlich jede Rechtschreibregelung überflüssig."

Und die "Basler Zeitung" verurteilt jene Literaten, die schon bisher darauf bestanden haben, ihre Werke in der alten Rechtschreibung drucken zu lassen: "Die Herren Reich-Ranicki, Walser, Enzensberger, Muschg etc. - allesamt Autoren in vorgerücktem Alter - haben mit Erfolg einen Reformprozess verweigert, an dem sie sich nicht aktiv beteiligten, als die Dinge noch im Fluss waren. Sie können jetzt noch einen Schritt weiter zurückgehen und fordern, wie weiland Goethe wieder ,Thränen" und ,theils" zu schreiben. Ihr Erfolg beruht auf einer unheiligen Allianz von muffiger Reformfeindlichkeit und diffuser Staatsferne."

Das Gezerre verunsichert

vor allem Schüler, Lehrer und Eltern. Selbst manche Skeptiker unter ihnen sähen in einer kompletten Rückkehr zur alten Ordnung blanken Unsinn. Rund 200 Millionen Euro würde allein das Einstampfen bereits gedruckter Schulbücher kosten. Bezahlen müssten das in erster Linie die Eltern von Schulkindern und der Steuerzahler dort, wo Lernmittelfreiheit herrscht. Und das bei einer Reform, die seit 1998 von Schülern und Lehrern mehrheitlich erfolgreich angewandt wird. Da muss die Frage erlaubt sein, ob die Diskussion um die Reform der Reform tatsächlich das drängende Problem ist, mit dem sich unser Land derzeit beschäftigen sollte. Für die deutsche Autorin Juli Zeh ("Adler und Engel"), 30, hat die Debatte inzwischen den "Charakter von Bauschaum angenommen: Sie stopft uns Jahr um Jahr die Sommerlöcher."

Auch Annette Schavan (CDU), Kultusministerin von Baden-Württemberg, kann die angebliche Sprachverwirrung der selbst ernannten Schreib-Weisen von "Bild" bis "FAZ" kaum nachvollziehen, denn "98 Prozent der Texte werden von der neuen Rechtschreibung überhaupt nicht berührt. Wir streiten derzeit also um zwei Prozent. Vor diesem Hintergrund sehe ich weder für die Kultusministerkonferenz noch in der Ministerpräsidentenkonferenz eine Mehrheit für ein schlichtes Zurück zum alten Regelwerk. Und übrigens waren auch die Zeitungsverlage in den Reformprozess eingebunden."

Am 28. August kommt

der Duden, das gelbe Standardwerk der deutschen Rechtschreibung, mit seiner neuen Auflage auf den Markt. Es wird 5000 neue Wörter enthalten, aufgelistet nach dem aktuellen Stand der neuen Rechtschreibung. Das derzeitige Tohuwabohu lässt die Hüter der deutschen Orthografie völlig kalt. Denn für sie ist die Diskussion um die Rechtschreibung so alt wie die Rechtschreibung selbst. "Was wir jetzt erleben", so Redaktionsleiter Matthias Wermke, "ist eine Wiederholung der Geschichte. Vom Inhalt her ist die Sache den Streit nicht wert. Die Reform ist seit acht Jahren Alltag." Überdies seien die Änderungen selbst in komplexen Gesetzestexten kaum zu entdecken. Nur ein Beispiel: Von den rund 1850 Wörtern der Grundrechtsparagrafen des Grundgesetzes sind lediglich vier von der Neuregelung betroffen. Dabei handelt es sich in drei Fällen um den Ersatz von "ß" durch "ss" und einmal um die veränderte Groß-und Kleinschreibung.

Professor Augst, Sprachwissenschaftler und stellvertretender Vorsitzender der Zwischenstaatlichen Kommission für Deutsche Rechtschreibung, glaubt fest daran, dass am 1. August 2005 das neue Regelwerk verbindlich eingeführt wird. Dabei ist er alles andere als ein bürokratischer Hardliner. Er hält es durchaus für sinnvoll, einen Rat zu installieren, der kritisch über die Rechtschreibung wacht und Neuerungen vorschlägt - aber eine Rückkehr zu den alten Regeln? Eine unerträgliche Vorstellung für ihn.

Was Augst überhaupt nicht versteht, ist der Zeitpunkt der Debatte: "Bevor wir 1996 das Werk verabschiedet haben, sind in Deutschland rund 40 Verbände und Interessenvertreter gehört worden. Auch die Zeitungsverleger. Die haben alle Stellung genommen, und 1996 haben wir schließlich das verabschiedet, was mehrheitlich konsensfähig gewesen ist. Nicht alles, was wir wollten, haben wir durchgesetzt: Gekippt haben wir damals die gemäßigte Kleinschreibung, und auch der Unterschied von ,dass" und ,das" wurde beibehalten, weil es da eben keinen Konsens gab. Wir haben die Regelung immer wieder überarbeitet, auch nach dem Beschluss von 1996."

Die Kommission hatte

die Aufgabe, die Einführung zu beobachten, Probleme zu klären, Streit zwischen Wörterbuchverlagen zu schlichten und die Entwicklung der Sprache weiter zu beobachten. Bis heute hat die Kommission immer wieder auf Kritik reagiert und eigene Regeln, die sich als unausgegoren erwiesen, modifiziert. Außerdem wurde ein Beirat gebildet, in dem 16 Interessenverbände vertreten waren: Auch hier konnten sich Verlage, Lektoren, Übersetzer zu Wort melden.

Die Kommission habe also keineswegs weitab im Elfenbeinturm an den Änderungen getüftelt, sondern sei stets im Kontakt mit Lehrern, Eltern und Schülern gewesen. "Wir haben flächendeckend alle befragt und festgestellt, dass sie gut mit den Neuerungen zurechtkommen." Übrigens habe es auch namhafte Literaten gegeben, die für eine Rechtschreibreform waren. So hätten sich zum Beispiel Heinrich Böll und Gerhard Zwerenz bereits 1973 auf dem vom PEN-Zentrum einberufenen Kongress "Vernünftiger schreiben" für eine Reform ausgesprochen. Und eines sei heute bei allen Umfragen zum Thema ganz klar zu sehen: Die Jungen sind mehrheitlich für die Reform, die Alten dagegen. Dies bestätigt auch eine vor zwei Wochen vom stern in Auftrag gegebene Erhebung des Forsa-Instituts. Augst: "Wir können uns doch nicht dem Diktat alter Männer beugen!"

Ob mit oder ohne Reform:

Rechtschreibfehler wird es - in der "SZ" und "Bild" wie auch im stern - immer geben. So analysiert "Spiegel"-Chef Stefan Aust in der aktuellen Ausgabe mit flammenden Worten das Scheitern der Rechtschreibreform und die Abkehr seines Blattes vom geplanten Regelwerk. Er schreibt: "Wieder riefen Schriftsteller, die sich seit Jahren in ihrer Mehrheit gegen den verordneten Unsinn aufgelehnt hatten, zur Rückname der bürokratischen Zwangsschreibe auf." Rückname? Wo ist das "h" geblieben? Na ja, kann ja mal passieren.

Irmgard Hochreither, Mitarbeit: Kerstin Schneider / print