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Regierungsflieger defekt: Bundespräsident Wulff fliegt Linie

Seine Reise durch Lateinamerika hat sich der Bundespräsident sicher anders vorgestellt: Erst kurz vor seinem Besuch bei ThyssenKrupp erfuhr er von geplanten Massenentlassungen des Konzerns und sagte die Visite kurzerhand ab. Zurück fliegen kann er nur mit einer Linienmaschine: der Regierungsflieger ist kaputt.

Bundespräsident Christian Wulff hat seine Lateinamerikareise unfreiwillig um einen Tag verlängern müssen. Der Präsidenten-Airbus 310 konnte am Samstag in São Paulo wegen einer technischen Panne nicht zum Rückflug nach Berlin starten. Ein Kühlaggregat war ausgefallen. Ein Ersatzteil musste aus Deutschland eingeflogen werden. Doch Wulff wollte auf den Einbau des Ersatzteils nicht warten und buchte kurzerhand für sich und seine Frau ein Ticket auf einem Linienflug zurück nach Deutschland. Am Montag muss er in Berlin den südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak empfangen.

Die Regierungsmaschine soll bald nicht mehr als Flaggschiff der Flugbereitschaft eingesetzt werden. Der Schriftzug "Konrad Adenauer" war bereits vom Rumpf des Flugzeugs entfernt worden. Das Nachfolge-Modell - ein A340 - ist Mitte Mai startklar. Die deutschen Regierungsflugzeuge gelten seit längerem als fliegende Ersatzteillager. Der frühere Bundespräsident Horst Köhler und sein Tross mussten 2008 - ebenfalls mit der "Konrad Adenauer" unterwegs - auf einen Linienflug von Peking nach Frankfurt umsteigen, weil der Airbus wegen eines Defekts auf dem Flughafen der chinesischen Hauptstadt liegen geblieben war.

Es sollte eine Reise des Bundespräsidenten ohne Fallstricke sein. Doch sie endete neben dem verspäteten Abflug auch noch mit einem kommunikativen Super-Gau. Die Nachricht aus Deutschland über den Umbau des Stahlgiganten ThyssenKrupp, über zig-tausende gefährdete Arbeitsplätzen erwischte Christian Wulff völlig ahnungslos - wenige Stunden vor der Besichtigung eines Stahlwerks der Gruppe in Brasilien. Wulff reagierte stocksauer: Dafür wollte er keine Werbe-Kulisse abgeben und sagte seinen Besuch im Thyssen-Werk in Rio ab.

Der Thyssen-Chef für Amerika, Hans Fischer, hatte noch am Tag zuvor bei einem Informationsabend das hohe Lied auf die Auslandsstrategie seines Unternehmens gesungen. Bei dem Abschiedsempfang des Bundespräsidenten in Brasilien am Freitagabend im Goethe-Institut von São Paulo wurde er nicht mehr gesichtet. Auch ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger, der laut offiziellem Programm den Bundespräsidenten in dem Stahlwerk bei Rio empfangen sollte, hatte Wulff nicht von den bevorstehenden Beschlüssen des Konzern-Vorstands informiert.

Selbst langjährige Begleiter von Bundespräsidenten auf Reisen können sich nicht daran erinnern, dass ein mit so großem Aufwand geplanter Besuchstermin aus innenpolitischen Gründen vom Staatsoberhaupt gekippt wurde. Wulff hatte in den Tagen seines Brasilien-Besuchs wiederholt das Werk an der Sepetiba-Atlantikbucht, rund 80 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, als Vorzeige-Projekt gepriesen.

Mit 5,2 Milliarden Euro ist es die größte Investition der Konzerngeschichte. Millionen-Strafen wegen Umweltverstößen und Kostensteigerungen beim Bau hatten die Betriebsaufnahme immer wieder verzögert. Wulffs Visite sollte einen Schlussstrich unter dem Dauerstreit um das Stahlwerk markieren.

Doch die ThyssenKrupp-Nachrichten aus Deutschland machten einen Strich durch diese Rechnung. "Er musste die Reißleine ziehen", war man sich unter den deutschen Wirtschaftsleuten in der Wulff-Begleitung rasch einig. Mit dem Konzern-Umbau will sich Hiesinger von rund 35.000 seiner weltweit 177.000 Mitarbeiter trennen – 14.000 davon allein in Deutschland.

Fotos oder TV-Mitschnitte mit dem Bundespräsidenten, der sich fröhlich den Betrieb in Brasilien anschaut, während in Deutschland Tausende Beschäftigte des Konzerns um ihren Arbeitsplatz fürchten, waren für Wulff schlicht ein Unding. Auf das diskret übermittelte Angebot der Konzernspitze, die Visite ihrerseits abzusagen, ging er nicht ein und entschied selbst.

swd/DPA / DPA