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Reise des Bundespräsidenten Drei Tage Asyl in Italien


Fehlerfrei absolvierte der Bundespräsident sein Programm zwischen Rom und Mailand, durchatmen konnte er auch. Politisch geholfen hat es ihm nicht.
Von Lutz Kinkel

Gegen 18 Uhr, der Airbus ist schon im Anflug auf Berlin-Tegel, hören die mitreisenden Journalisten ein letztes Mal die Stimme des Bundespräsidenten. Über die Lautsprecheranlage verabschiedet sich Christian Wulff und kündigt zugleich seine nächste Reise an. Nach "jetziger Planung" werde er Ende Februar nach Afrika fliegen.

Nach "jetziger Planung" - das klingt so, als wüsste er selbst nicht genau, ob er verreisen kann. Dass er es will, daran besteht nach drei Tagen Italien kein Zweifel. Dass seine politische Lage in der Heimat unterdessen nicht besser geworden ist, daran bestehen ebenso wenig Zweifel.

Der verpatzte Empfang

Schon vor dem Abflug am Montag erlebte Wulff eine Demütigung, wie sie ein Bundespräsident vermutlich noch nie hinnehmen musste. Im Rahmen der Berlinale lud er 250 Filmschaffende zu einem Empfang auf Schloss Bellevue, etwa 100 kamen, zwischen den Stühlen und Tischen war viel, viel Platz. Die meisten schützten Termingründe vor, selbst Veronica Ferres, Lebensgefährtin des Wulff-Freundes Carsten Maschmeyer, ließ sich nicht blicken. Soweit ist es schon gekommen, dass sich selbst Regisseure und Schauspieler überlegen, ob es noch vertretbar ist, sich mit diesem Präsidenten einzulassen. Und diese Frage mehrheitlich mit Nein beantworten.

Und wenn sich Wulff nun, nach seiner Rückkehr aus Italien, mit den Medien beschäftigt, dürfte seine Laune auch nicht besser werden. Zwei Chefredakteure, die lange gezögert haben, den Stab über dem Bundespräsidenten zu brechen, tun es jetzt. Über Giovanni di Lorenzos Kommentar in der "Zeit" steht: "Es geht nicht". Über Hans-Ulrich Jörges' Zwischenruf im stern steht "Aus." Die "Bild" zitiert eine Reihe von niedersächsischen Juristen, die sich darüber empören, dass die Staatsanwaltschaft Hannover noch nicht gegen Wulff ermittelt. "Zeit Online" hat das dichte politische und persönliche Geflecht zwischen Wulff und dem Filmfinanzier David Groenewold peinlich genau recherchiert. Und die Netizens lachen sich über Videos scheckig, in denen Oliver Kalkofe das legendäre Wulff-Interview mit Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf nachspielt.

Simulierte Normalität

Die drei Tage in Italien, die zwischen dem verkorksten Empfang und den erneuten Vorwürfen liegen, müssen auf Wulff wie eine Erholungspause gewirkt haben, ein Asyl für den bedrohten Amtsinhaber. Nach übereinstimmenden Berichten der Mitreisenden - neben der Wirtschaftsdelegation waren auch rund 20 Journalisten dabei, darunter Hans-Martin Tillack vom stern - wahrte Wulff die Contenance, simulierte Normalität und absolvierte sein Programm fehlerfrei. Er sprach mit dem italienischen Staatspräsident Giorgio Napolitano, diskutierte mit Studenten in der Mailänder Universität Bocconi und besuchte die Bosch-Niederlassung in Bari. Die italienische Presse, von Silvio Berlusconi Skandale in ganz anderer Größenordnung gewohnt, nahm von Wulffs Affären kaum Notiz.

Nur vereinzelt kam es zu internen Auseinandersetzungen, zum Beispiel, als der stern-Reporter gleich zu Beginn der Reise wissen wollte, ob Wulff nur im Amt bleibe, weil ihm nach dem Rücktritt möglicherweise kein Ehrensold zustehe. Wulff konterte: "Wenn es einer rauskriegt, dann Sie!" In einem späteren Gespräch verwies er darauf, dass er auf dieser Auslandsreise keine "innenpolitischen" Fragen diskutieren wolle. Als er auf der Pressekonferenz mit Napolitano gefragt wurde, ob die Korruption nicht das Wirtschaftswachstum hemme, sagte er mit unbewegter Miene, dass die entsprechenden Gesetze in Deutschland konsequent angewandt würden.

Zwei Realitäten, zwei Figuren

Bei den meisten Terminen waren die mitreisenden Journalisten ohnehin nicht zugelassen, nur der offizielle Bildberichterstatter durfte mit. So entstand abermals der Eindruck, dass sich Wulff keiner offenen Diskussion stelle. Und dass es mittlerweile zwei Realitäten, ja: zwei Figuren gibt. Einen protokollarisch korrekt agierenden Bundespräsidenten und einen schon bis über die Halskrause in Peinlichkeiten versunkenen Politiker. Nach jetzigem Stand ist nicht zu sagen, ob er Afrika erreichen wird.

Mitarbeit: Hans-Martin Tillack

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