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S-Bahn-Chaos, Winter-Pannen: Bahnchef Grube schiebt die Schuld auf andere

S-Bahn-Chaos in Berlin, Totalausfälle im Regional- und Fernverkehr - die Bahn hat sich in diesem Winter bereits mächtig blamiert. Bahnchef Rüdiger Grube musste sich in Berlin einiges anhören - spielte aber dennoch das Unschuldslamm.

Von David Bedürftig, Berlin

Ruhig notiert er sich ein paar Sätze, aufmerksam lauscht er der Kritik. Hier nickt er, da schüttelt er energisch mit dem Kopf: Bahnchef Rüdiger Grube sitzt im Verkehrsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses und muss sich einiges anhören - wie so oft in diesem Winter. Die Berliner S-Bahn, eine Tochter der Bahn, kam entweder verspätet oder gar nicht - ganze Streckenteile waren lahmgelegt. Wie konnte das passieren, zumal die Probleme altbekannt sind?

"Wir stellen uns der Verantwortung", sagt der Bahnchef zu Beginn seiner Erklärung. "Wir werden unsere Leistungsversprechen einhalten, doch wir müssen noch besser werden. Es gibt eindeutige Mängel und nichts schönzureden." Die Schuld für das S-Bahnchaos schiebt er indes anderen in die Schuhe: Dafür seien eindeutig "Fehler des Herstellers" verantwortlich. Die Elektronik sei zu tief eingebaut, sie werde vom Schmelzwasser zerstört, auch der Antrieb sei fehlerhaft konstruiert. Und die Bahn? Unschuldig wie eine frische Schneeflocke. "Wir haben uns noch nie so umfangreich auf den Winter vorbereitet wie im Jahr 2010", sagt Grube. Ein erschreckendes Bekenntnis angesichts der chaotischen Zustände, die Berlin und ganz Deutschland am eigenen Leib erfahren mussten.

Der verkehrspolitische Sprecher der Berliner SPD, Christian Gaebler, kontert: "Herr Grube, Sie müssen zugeben, dass Sparmaßnahmen zum S-Bahn-Chaos geführt haben." Der Sozialdemokrat sieht die Glaubwürdigkeit des Bahnchefs baden gehen. Claudia Hämmerling von den Grünen fährt noch schwerere Geschütze auf: "Sie haben die S-Bahn zerschlagen." CDU- und FDP-Fraktion wundern sich über das seltsame Stillhalten der Bahn, wenn der Hersteller fehlerhafte Wahre geliefert habe.

"Die Bahn hat keine Mängel festgestellt"

Der Fabrikant der Züge der Berliner S-Bahn ist die kanadische Firma "Bombardier" mit europäischem Hauptsitz in Berlin. Unternehmenssprecher Heiner Spannuth kontert die Vorwürfe im Gespräch mit stern.de: "Wir haben die Züge so gebaut, wie es damals der aktuelle Stand der Technik und die Normen vorgaben. Unsere Produkte haben sich über Jahrzehnte bewährt, sind seit 1997 im Einsatz und wiesen bei Test eine Zuverlässigkeit von 98 Prozent auf." Hätte sich die Bahn nicht gegen Mangelware wehren können, gab es denn gar keine Gewährleistungen? "Sicherlich, sie betrugen standardmäßig drei Jahre und endeten 2007." Gab es in diesem Zeitraum Mängelbekundungen seitens der Bahn? "2007 haben wir uns mit den Herren zusammen gesetzt, rekapituliert und eine Bestandsaufnahme gemacht. Die Deutsche Bahn hat keinerlei Probleme an unseren Zügen feststellen können und uns auch keine genannt." Auf die Frage, wie es zu massenhaften Fehlern bei Antrieb und Elektronik kommen konnte, wie diesen Winter erneut zu beobachten, wollte Spannuth nur soviel antworten: "Die Wartung der Fahrzeuge ist nicht Aufgabe von Bombardier".

"Wir werden alles tun, um die Berliner S-Bahn zu verbessern, das ist unser oberstes Ziel", fährt Grube im Verkehrsausschuss fort. Diese Einsicht kommt reichlich spät. Warum die Deutsche Bahn bis 2007 keine Mängel an den Zügen fand, dafür aber massive Sparmaßnahmen inklusive der Schließung von mehreren Werkstätten einleitete, kommentiert er nicht. Der Bahnchef tischt lieber große Pläne auf: "Wir müssen den Mut haben, über 2017 hinauszudenken." Dann läuft der Vertrag der DB-Tochtergesellschaft S-Bahn Berlin GmbH mit dem Senat aus. Damit irgendwann mal wieder Normalbetrieb auf dem Berliner Streckennetz herrsche, müssten neue Züge her. Mindestens fünf Jahre dauert die komplette Produktion eines Zuges, allein 700 sollen gefertigt werden. Kostenpunkt: Zwei Milliarden Euro. Zwar versichert Grube, er wolle keinen Einfluss auf die Vergabe der Verkehrsverträge nehmen - doch Claudia Hämmerling von den Grünen hört die Botschaft wohl. Sie fühle sich "erpresst", sagt sie, dass es nur bei einer Vertragsverlängerung neue Züge geben würde.

500 Millionen Euro für die Bahn

Geht es nach den Landesverkehrsministern, soll der Bund der Bahn helfen, ihre finanziellen Probleme in den Griff zu bekommen. Nicht nur Berlin wird von diesem Winter arg gebeutelt, auch der Regionalverkehr ist massiv betroffen. Die Sonderkonferenz der Verkehrsminister der Länder einigte sich an diesem Montag in Berlin: "Der Bund ist in deutlicher Verantwortung". Die 500 Millionen Euro Dividende, die die Deutsche Bahn an den Bund zu zahlen hat, sollen im Unternehmen bleiben. Klaus-Dieter Scheurle, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, erklärte: "Der Bund gibt auf fünf Jahre 44 Milliarden Euro für die Erhaltung des Bahnnetzes, für dessen Erneuerung und für die Länder aus, doch jetzt müssen wir darüber hinausgehen." Man werde den Druck auf den Bundestag erhöhen, nur so stiegen die Chancen, die Infrastruktur zu verbessern. Solange die 500 Millionen vom Bund nicht da sind, würden Gewinne der Deutschen Bahn verwendet.

Auch vor den Landesverkehrsministern sprach Grube. Neben Kritik gab es viel Lob für seine Offenheit und sein Problembewusstsein. Nur eigene Fehler wollte der Bahnchef auch vor den Verkehrsministern nicht eingestehen. So war Grube nicht einmal bereit, eine konkrete Entschädigung für die S-Bahn-Nutzer Berlins auszusprechen, was sich viele Politiker und Kunden erhofft hatten. "Wir denken über eine vernünftige Lösung nach, es gibt viele Details zu besprechen", wich Grube aus. Ende Januar wird es wenigstens über diese Entscheidung Klarheit geben.