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Schnauze, Wessi!: Striptease bei Kaisers

Ostler ließen sich früher vielleicht einreden, dass Kühe im Kollektiv glücklicher sind. Was sich Westdeutsche dagegen bis heute gefallen lassen, passt nicht mal auf eine Elefantenhaut.

Von Holger Witzel

Manchmal falle ich auch noch darauf rein: Auf Sonderangebote bei Kaisers oder zweite Wahl bei Bundespräsidenten, auf Euro-Bekenntnisse der freien Presse oder die Unabhängigkeit der Medien allgemein. Im Mai habe ich mir sogar Sommerreifen aufschwatzen lassen, obwohl überhaupt kein richtiger Sommer kam. Noch mehr als über meine eigene Leichtgläubigkeit staune ich allerdings immer wieder, wie sich selbst erfahrene Westdeutsche für dumm verkaufen, beruhigen und ausbeuten lassen - meist noch von ihren eigenen Leuten. Die müssen das doch schon viel länger kennen und durchschauen?!

Trotzdem gießen sie sich Weizenbier in den Bauchnabel und hoffen, dass es so schön prickelt wie in der Werbung. Sie glauben, irgendwelche Märkte würden sich selbst regulieren, oder dass Ackermänner eigentlich Bauern sind, weil sie mit Lebensmitteln spekulieren. Mein zweitbester Freund Ludger – obgleich mit Lügen dieser Art aufgewachsen – wählt sogar immer noch rotgrün. Er schimpft auf Hartz IV und ostdeutsche Bundeswehr-Söldner im Ausland, aber sieht da keinen Zusammenhang. Er schreibt eine Solaranlage von der Steuer ab und ärgert sich, dass sein Strom für Leute unerschwinglich wird, die nichts abzuschreiben haben. Er möchte gern Gutes tun, für sich, andere und die Umwelt, doch letztlich kommt alles nur ihm und den seinen zugute.

Her mit der D-Mark. Was denn sonst?

Sicher muss man sich nicht mehr darüber streiten, wie sehr auch der Sozialismus seine Anhänger veräppelte: Er gaukelte ihnen zum Beispiel vor, dass Arbeitslosigkeit die schlimmste Geisel der BRD sei – man kannte ja deren Bewohner nur flüchtig. Dabei hätte man in der DDR mit knapp 400 Euro plus Wohngeld und einem ordentlichen Wechselkurs jeden Kombinatsdirektor ausgelacht. Schon damals bauten Billiglöhner lächerliche Autos - wenn auch vielleicht nicht ganz so viele wie in den heutigen Fabriken rund um Leipzig. Man tat so, als gehörten die Städte und Felder allen, die nun alle Westdeutschen gehören. Aber mal ehrlich: Waren das – verglichen mit den Durchhalteparolen aus Bundespresseamt und EZB – nicht harmlose Notlügen? Eine geradezu plumpe Ehrlichkeit, die jeder sofort durchschaute?

Westdeutsche dagegen verlassen sich immer noch alle vier Jahr auf neue Versprechen - und sind alle vier Jahre wieder enttäuscht. Sie wissen nicht erst seit 1990, dass Staubsaugervertreter eben Staubsauger verkaufen, aber wundern sich bei Volksvertretern. Sie halten "Naturidentische Aromastoffe" für etwas aus der Natur, aber rümpfen pikiert die Nase, wenn sich der Osten die D-Mark zurückwünscht. Ja, was denn sonst? Etwa die Ost-Mark?!

Zum Verbraucher degradiert, als Bürger verspottet

Der Euro hat nichts teurer gemacht. Die Riester-Rente lohnt sich (nicht nur für Versicherungsunternehmen). Krieg ist Frieden und ein Reifenloser Bus ein ICE ... So abgerichtet sind die Menschen im Westen schon, dass man sie schamlos "Verbraucher" nennt und niemand zuckt zusammen. Wahlweise auch "Konsument" oder "Wähler", als hätten sie eine Wahl. Sogar als "Bürger" lassen sie sich verspotten, weil sie für die Verluste privater Banken bürgen. Und im Osten soll man sich nicht als Bürger zweiter Klasse fühlen? Aber gerne, sofern man sich dabei auch nur halb so blöd vorkommen muss!

Ich empfinde zum Beispiel das Wort Arbeitnehmer jedes Mal als persönliche Beleidigung. Schließlich gebe ich dem sogenannten Arbeitgeber meine Arbeitskraft –nicht umgekehrt. Arbeit oder – noch zynischer –Beschäftigung hätte ich auch im Garten genug. Allerdings gehören ihnen die Verlage und Druckereien, weil sie schon unzähligen vor mir weniger bezahlt haben, als deren Arbeit wert war. Es ist das Selbstverständnis von Unternehmern zu nehmen. Deshalb heißen sie ja so und nennen, was ihnen von fremder Arbeit mehr bleibt, mit der gleichen Selbstverständlichkeit Mehrwert. Und wer zahlt dafür auch noch brav die gleichnamige Steuer? Genau.

Weniger Inhalt, höhere Preise - egal

Das Paradoxe ist nur: Obwohl Arbeitnehmer Arbeitgebern lebenslang Arbeit abnehmen, sind sie am Ende oft arbeitslos oder altersarm - und die anderen fast immer reicher. Wer Arbeit nimmt, bezahlt unterm Strich offenbar trotzdem mehr dafür als er bekommt. Oder warum sonst fließt das Geld in diesem System nur in eine Richtung? Die Leute im Westen aber lassen sich einreden, es verschwinde in Griechenland, verbrenne an Börsen oder versickere irgendwo in Thüringen. Umso größer ist ihre Freude, wenn sie für einen Klumpen Fleisch mit Cola weniger bezahlen, wenn sie auch noch Pommes dazu nehmen.

Diese seltsame Super-Spar-Logik ist auch für Ostdeutsche nicht immer zu durchschauen - aber bitte: Wir sind mit Spielgeld aufgewachsen! Immerhin stutze ich noch, wenn mein Milchshake im Restaurant "Zur goldenen Möwe" – dem einzigen überzuckerten Westprodukt, dem ich hoffnungslos verfallen bin – neuerdings in Plastik-Bechern kommt. In den "Großen" passen seitdem nur noch 0,4 Liter, dafür kosten die 32 Gramm Zucker darin mehr als in der alten Halb-Liter-Pappe. Vermutlich liegt das am Ölpreis, der ja auch das Benzin so teuer machen soll und –"gekoppelt" mit dem Gaspreis – die Heizung, weshalb das Haus gedämmt werden muss, wodurch die Miete steigt ...

Hoch lebe die Bananenrepublik

Ob Abwrackprämie oder Energiesparverordnung, Euro oder Bankenrettung – hinter all diesen seltsamen Konjunkturprogrammen scheint in Wahrheit der gleiche Trick zu stecken wie bei meinen Nassrasierern. Die haben zwar bald so viele Klingen, dass man Fußballplätze in zwei Zügen mähen kann. In die Packung passen dadurch leider nur noch drei, aber deren Klingen nutzen sich immerhin gleichzeitig ab und sind teurer. Und wer ist der Rasierte?

Wenn ich mich über solche Gaunereien immer noch aufrege, schauen mich westdeutsche Bekannte mit großen Augen an: Was hätte ich denn gedacht?! Natürlich sei das alles Lug und Trug bei ihnen: Einen Bananenrepublik – aber dafür würde es wenigstens jederzeit welche geben, haha ...

Und jetzt alle im Chor: "Ihr habt ja gar nichts an"

Also kaufen sie weiter "Bio"-Gemüse, das per Lkw aus dem Schwarzwald nach Berlin gekarrt wird. Putzen mit "Bio-repair den Zahnschmelz wieder drauf" und waschen ihre Wäsche mit "Oxi-Power" weißer als weiß. Was kommt eigentlich danach – durchsichtig? Vermutlich erkennt Ludger nicht mal den Hohn, wenn eine Zeitarbeitsfirma aus Düren bei Köln ihre Leipziger Zweigstelle ausgerechnet in der hiesigen Hartzstrasse 4 errichtet.

Sollen sie sich doch gegenseitig Arbeit leihen! Dann müsste ich mich auch nicht mehr jeden Tag rasieren oder hier den systemkritischen Pausenclown spielen. Auf der anderen Seite: Wer soll den armen Menschen in Hamburg oder Herne sonst die Augen öffnen? Anders als wir haben sie in der Schule ja nicht gelernt, die Widersprüche ihres Daseins dialektisch zu durchschauen. Deshalb möchte ich alle Landsleute ermuntern, an der Kasse bei Kaisers auch mal zu schreien: Ihr habt ja alle gar nichts an! Ebenso natürlich bei Aldi, im Apple-Store oder in der Redaktionskonferenz. Selbst Westdeutsche haben so etwas wie Menschwürde. Auf Verbraucher gedrillt fällt ihnen der aufrechte Gang zwar noch schwer, aber mit unserer Hilfe schaffen sie das.

Holger Witzel