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Analyse

Zitate zur "Gamer-Szene": Seehofer sieht sich "gewollt missverstanden" – warum er den Fehler lieber bei sich suchen sollte

Horst Seehofer kassierte für seine Bemerkungen zur "Gamer-Szene" kübelweise Hohn und Spott. Der Bundesinnenminister wittert ein absichtliches Falschverstehen seiner Aussagen als "beliebte politische Vorgehensweise". Ist dem so?

CSU-Mann Horst Seehofer wittert eine Verschwörung gegen sich

CSU-Mann Horst Seehofer wittert eine Verschwörung gegen sich

DPA

Mit dubiosen Aussagen zur "Gamer-Szene" hatte sich Horst Seehofer vor etwas mehr als einer Woche heftige Kritik eingebrockt. Nun beschwert sich der Bundesinnenminister in der "Augsburger Allgemeinen" über eben jene Kritik und sieht sich als Opfer einer "beliebten politischen Vorgehensweise". Seine Gegner würden ihn "gewollt missverstehen", findet er. 

Dazu zunächst ein Blick auf die ursprünglichen Aussagen, die Seehofer im Interview mit der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" getätigt hatte: "Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder potenziellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild. Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation – oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen."

Ablenkmanöver von wachsendem Rechtsextremismus?

Kritiker fanden, Seehofer stelle hiermit Menschen, die Videospiele spielen, unter Generalverdacht. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Man ersetze "Gamer" nur durch eine beliebige Minderheit und viele würden Seehofer Diskriminierung vorwerfen. Solange man seine Aussagen nicht mit Zahlen belegt, sollte man sich mit derlei Pauschalisierungen zurückhalten. Die Kritiker warfen ihm außerdem vor, vom eigentlichen Problem, nämlich dem des Rechtsextremismus, ablenken zu wollen. Das greift definitiv zu kurz, weil Seehofer vor und nach dem Anschlag von Halle an vielen Stellen Gefahren durch Rechtsradikale auch so benannt hatte.

Nicht wenige störten sich auch an der Formulierung "Gamer-Szene" an sich, weil sie irgendwie verrucht und nach einem kleinen Kreis klinge. Auch diese Kritik ist so nicht leicht zu entkräften. Immerhin gaben zuletzt mehr als 30 Millionen Deutsche an, mindestens gelegentlich zu zocken. Nach einer "Szene" klingt das nicht. Und Hohn und Spott gab es für den Teil der Aussage mit der "verdeckten Planung für einen Anschlag", aus dem das geballte Videospiel-Unwissen eines Siebzigjährigen einem geradezu ins Gesicht sprang.

Warum Horst Seehofers Kritik ins Leere greift

Dass Seehofer seine mindestens unbedachten Aussagen zur "Gamer-Szene" also um die Ohren flogen, ist nicht überraschend. Würden uns gewaltvolle Videospiele tatsächlich dazu animieren, auch im echten Leben zu töten – so wären wir bereits deutlich weniger Menschen auf der Welt. Videospiele sind kein Nischenprodukt, nichts für eine "Szene". Videospiele sind ein Massenphänomen – für Millionen unschuldiger Bürger weltweit. Selbstverständlich heißt das im Umkehrschluss nicht, dass es keine gewaltbereiten, rechten Chaoten gibt, die gerne zocken.

Das alles weiß auch Horst Seehofer – zumindest ist das zu hoffen. Im Gespräch mit der "Augsburger Allgemeinen" drückte er sich daher auch deutlich gewählter aus, sagte: "Wir bekämpfen Verbrecher und Rechtsextremisten und nicht die Bürger und nicht die Gamer." Er fügte hinzu: "Die Aufgabe ist es doch, diejenigen aus der Szene rauszuholen, die die Gamer benutzen." Das klingt doch gleich ganz anders. Kaum einer käme nach diesen Aussagen auf die Idee, Seehofer würde unbescholtene Zocker unter Generalverdacht stellen. Und damit sind wir beim Problem: Seehofer wird nicht gewollt missverstanden, er drückt sich nur viel zu oft missverständlich aus. Ob das nun gewollt oder ungewollt geschieht, den Fehler sollte er in jedem Fall bei sich selbst suchen.