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Kommentar

Sigmar Gabriel: Warum der Stinkefinger nichts bringt

Mit einem Lächeln hat Vizekanzler Sigmar Gabriel in Niedersachsen rechten Pöblern den Mittelfinger gezeigt. Eine Geste, die dem politischen Diskurs schadet.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Sigmar Gabriel zeigt Rechten den Stinkefinger

Sigmar Gabriels Mittelfinger ist verständlich, aber er war nicht richtig

Natürlich möchte man Sigmar Gabriel auf die Schulter klopfen und sagen: "Richtig so, wir alle sollten dem rechten Pack den Stinkefinger zeigen! Genau das haben diese Menschenfeinde verdient!" Das wäre die erste, die emotionale Reaktion auf die Bilder, die online so eifrig geteilt werden. Die Gabriel im niedersächsischen Salzgitter zeigen, im Vorfeld einer Wahlkampfveranstaltung. Wo er von Neonazis angepöbelt wird, die ihn "Volksverräter" schimpfen und auf seinen Vater bezugnehmend - der ein überzeugter Nationalsozialist war bis zum Schluss - brüllen: "Dein Vater hat sein Land geliebt. Und was tust du? Du zerstörst es".

Die selbstredend anonymen Angreifer - die Feiglinge tragen Masken - provozieren. Sie haben keine andere Botschaft als den reinen Zerstörungswillen. Deshalb ist Gabriels Mittelfinger so verständlich.

Aber er war nicht richtig.

Ein Bild von Sigmar Gabriel, das bleibt

Und das hat nichts damit zu tun, dass es sich für einen SPD-Chef, Vizekanzler und möglichen Kanzlerkandidaten nicht gehört.

Es hat etwas mit dem Motiv zu tun: Das Bild, das bleibt, zeigt nicht die Angreifer. Es zeigt Gabriel, Mitglied der Elite dieses Landes, die dieser Tage von der Bevölkerung mit zunehmendem Misstrauen betrachtet wird, lächelnd den Mittelfinger reckend. Gegen die, die ihn kritisieren. Das ist genau das Bild, das seine Gegner wollten. Die sich verlassen können auf die Komplexitätsreduktion durch die Medien jeder Art.

Mit seinem Stinkefinger ist Gabriel eingebrochen im so schwierigen, dringend nötigen Diskurs darüber, was Demokratie in Deutschland bedeutet. Der Stinkefinger ist kein Argument, er ist die Verweigerung. Und jeder Beschimpfung folgt eine weitere Beschimpfung. Mehr eben nicht. Ein Kreislauf, der zu nichts führt, aber alles kaputtmacht.

Die prozentuale Verteilung der Pöbler und der Unentschlossenen liegt seit jeher bei rund 20 zu 80. Einen "Lauten" zu ändern oder auch nur dazu zu bringen zuzuhören, ist eigentlich unmöglich. Ergo verschwendete Energie. Es geht um die "Leisen", die Unentschlossenen, die den "Lauten" mit ihrem Schweigen unterstützen.

Und die erreicht man nicht mit einem Stinkefinger.