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Sigmar Gabriel im stern Schmallippig beim Thema "Kanzler"


SPD-Chef Gabriel hat dem stern ein langes Interview gegeben. Über einen Mann, der politisch schon fast weg war - und nun fast nicht mehr wegzukriegen ist.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Ein Gespräch mit Sigmar Gabriel? Kein Problem. Eigentlich. Dann aber wieder doch. Der SPD-Chef und Vizekanzler möchte zwar gerne einiges loswerden, die Frage ist nur: Wann? Der Mann ist einfach zu beschäftigt. Die Partei führen, die Energiewende vorantreiben, zur Kabinettsklausur nach Meseberg, zum Besuch nach Paris, dazwischen ein Parteitag. Und Familie mit kleiner Tochter hat er auch noch. Da bleibt kaum eine Lücke. "Schlimmer kann's nicht werden", hatte seine Frau noch gesagt, als sie Ende vorigen Jahres darüber sprachen, wie viel Zeit er künftig noch haben werde. War ein Irrtum.

Schließlich: Samstagnachmittag, in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus, in dem immer noch die Bilder hängen, die sein Vorgänger Franz Müntefering ausgesucht hat. Gerade ist er mit seinem Freund Martin Schulz, dem Präsidenten des Europaparlaments, die SPD-Liste für die Europawahl durchgegangen. Später wird Schulz wiederkommen und mit ihm der Rest der Parteiführung. Lagebesprechung. Gabriel ist durchgetaktet. Er könnte gestresst wirken, ist aber die Ruhe selbst. Man könnte auch sagen: Er ist bei sich angekommen. Von "fast weg" am Wahlabend zu "fast nicht mehr wegzukriegen" nach der sensationell großen Zustimmung der SPD-Basis zum Koalitionsvertrag mit der Union. Am Abend des Wahldesasters wäre er fast zurückgetreten - und wenn ihm die Genossen nicht in die Große Koalition gefolgt wären, auch. "Für mich war völlig klar: Geht das Mitgliedervotum schief, dann bin ich nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter", sagt er jetzt. Und dass man für Entscheidungen, die man für richtig halte, "notfalls auch sein eigenes Amt riskieren" müsse. "Wir werden nicht gewählt, um ein risikofreies Leben zu führen."

Die Frage von Koch und Kellner

Er hat jetzt auch entspannt reden. Er sitzt so fest im Sattel wie nie, seit er vor gut vier Jahren den SPD-Vorsitz übernommen hat. Selbstbewusst war er immer. Nun demonstriert er es auch. Ob Angela Merkel eine gute Chefin sei? Gabriels Antwort kommt ohne eine Sekunde Nachdenken: "Das kann ich nicht beurteilen. Sie ist ja nicht meine Chefin." Das mögen vielleicht die Leute denken, weil sie Kanzlerin ist, mit Richtlinienkompetenz und so. Aber: "Wir sehen uns als Partner. Koalitionen funktionieren nur auf Augenhöhe." Merkel werde ihn sicher auch nicht als Angestellten sehen.

Und der Titel Vizekanzler? Bedeutet ihm – "nichts". Das ist vielleicht nicht die volle Wahrheit. Glauben kann man Gabriel aber, dass er, müsste er wählen zwischen seinem Regierungsposten und dem Parteiamt, sich "immer für den SPD-Vorsitz" entscheiden würde; davon, einmal die Partei Bebels und Brandts zu führen, hatte er lange geträumt, auch, als andere ihn unter noch unter "Reden kann er ja, aber sonst…" abgebucht hatten. Und, ja, reden kann er in der Tat. Formulieren und Fabulieren, nicht nur auf Parteiveranstaltungen. Und er hat, im Gegensatz zu vielen Kollegen, Lust an Spott und Ironie. Deshalb sagt er jetzt auch noch schnell: "Ich bin zwar der Stellvertreter von Frau Merkel, aber sie wird schon dafür sorgen, dass diese Stellvertretung nicht oft eintritt."

Klartext - auch zu Rüstungsexporten

Aus diesem Satz spricht durchaus auch ein Stück Bewunderung - für das Machtbewusstsein der Kanzlerin. Er mag sie ja. Schon lange. Weil sie verlässlich ist, Humor hat, ihr Amt "nicht wie eine Monstranz vor sich herträgt" und, vor allem, "auch einen selbstironischen Blick auf die Politik" besitzt. Zuweilen sind die beiden sich doch ähnlicher, als man glaubt. Was hat Angela Merkel eigentlich, was Sie nicht haben, Herr Gabriel? Auch die Antwort kommt von der spitzen Zunge geschnellt: "Nicht so viel Übergewicht." Nicht so viel… Ein Satz für Feinschmecker.

Ja, Regieren macht Spaß, sagt er. Den Satz hat man lange nicht mehr gehört aus dem Mund eines Sozialdemokraten. Eigentlich nicht mehr seit 1998. Da hatte Schröder das mit dem Spaß nach dem Wahlsieg gesagt, und dann so schnell nicht wieder. Aber so sehr ihm das Reden liegt, Gabriel will machen. Er sitzt jetzt zum Beispiel als Wirtschaftsminister im vertraulich tagenden Bundessicherheitsrat, der deutsche Rüstungsexporte genehmigt. Viel zu häufig, findet der Vizekanzler. Er ist da ganz bei Helmut Schmidt. Es sei eine Schande, dass Deutschland zu den größten Waffenexporteuren der Welt gehöre. "Da muss sich etwas ändern", sagt Gabriel. "Also, ich bin für eine restriktive Haltung." Seine roten Linien hat er schon gezogen: Keine Waffen an Länder, in denen Bürgerkrieg herrscht. Keine Waffen an Länder, in denen die Bevölkerung unterdrückt wird. Punkt. Klartext.

Marie und der Mittwochnachmittag

Wie seine Ansage zu den Strompreisen: "Es wird nicht billiger." Mit seiner Änderung bei der Förderung der Erneuerbaren Energien will er aber wenigstens erreichen, dass es "nicht dramatisch teurer wird". Daran mitzuwirken, rät er übrigens auch all jenen Politikern und Lobbyisten, die gerade gegen Gabriels Pläne und für die Ökostromquelle ihrer Region kämpfen. "Da müssen viele raus aus ihren Schützengräben."

Ein, privates, Thema liegt ihm am Schluss des Gespräches selber am Herzen: die Kritik daran, dass er auch als Superminister und Vizekanzler ein paar Freiräume behalten und, zum Beispiel, weiter versuchen will, seine zweijährige Tochter Marie einmal in der Woche aus der Kita abzuholen, um mit ihr den Nachmittag in seiner Heimatstadt Goslar zu verbringen. "Teilzeitminister" ist er gescholten worden, nachdem er das vor ein paar Wochen angekündigt hatte, ausgerechnet auch von Journalistinnen. Da wird er fuchtig. Und keilt zurück: "Die haben einen Knall. Drei bis vier Stunden an einem Tag! Ich arbeite weit mehr als 70 Stunden in der Woche." Auch Spitzenpolitiker hätten ein Recht auf einen Rest Privatleben. "Das muss auch drin sein, sonst dreht man doch durch."

Ein Thema auf Wiedervorlage

Wäre er Kanzler, ginge allerdings noch mehr vom Rest Privatleben drauf. Bei diesem einen Thema aber wird der Redeselige ganz schmallippig. Abwarten, sagt er. Jetzt wird erst mal drei Jahre regiert. "Dann wird die SPD entscheiden."

Na dann: Auf Wiedersehen, Herr Gabriel. Wir sprechen uns wieder.


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