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Sprache der Politik (II): Matthias Machnig und die doppelte Botschaft

"Innovation und Gerechtigkeit", "Sicherheit im Wandel" - das hört sich vertraut an, oder? Der Kopf hinter diesen Slogans ist Matthias Machnig, Spin-Doctor der SPD, der mittlerweile - Überraschung, Überraschung - im Umweltministerium arbeitet. stern.de hat Machnig besucht.

Von Lutz Kinkel

Zugegeben: Es gibt klügere Fragen, um ein Gespräch anzufangen.

Was machen Sie denn hier, Herr Machnig? Ist das ihr Platz?


Eindeutig. Das ist mein Platz.

Machnig trägt einen minimalistischen Businessdress: schwarze Hose, schwarze Schuhe, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Das Haar ist eindeutig zu lang, Politprofis haben entweder keins oder es ist mehrheitsfähig gestutzt. Um klar zu machen, dass das Umweltministerium tatsächlich sein Platz ist, spricht Machnig über Emissionshandel. Über Strukturen, Konzepte und Termine. Seine Stimme verrät keine Emotionen, seine Mimik auch nicht, er spult einfach ab, was seine aktuelle Arbeitssituation hergibt. Irgendwie erinnert er an einen einsamen Cowboy. Einen Cowboy, dem man das Pferd geklaut hat.

Sie sind berühmt geworden als Wahlkampfstratege der SPD.


Wenn man sich exponiert hat, kriegt man irgendwann einen Stempel aufgedrückt. Aber ich habe auch immer viel Sachpolitik gemacht - angefangen mit Forschung und Technologie über Gesundheits- und Wirtschaftsfragen. Sie können sich ja mal umhören unter den Staatssekretären, wie da meine Arbeit bewertet wird.

Die Gerüchte besagen, dass Sie hier sitzen, weil sie noch etwas mit Sigmar Gabriel vorhaben ...


[Fällt ins Wort] Wir wollen hier erfolgreiche Umweltpolitik machen. Man kann nicht aufgrund der Lebensbiografie sagen: einmal Wahlkämpfer, immer Wahlkämpfer.

Also nicht. Oder doch. Es gibt keine andere plausible Erklärung. Gabriel hat sich Machnig geholt, oder Machnig hat sich an Gabriel gehängt. Gemeinsam sind sie eine sozialdemokratische Waffe. Gabriel, als niedersächsischer Ministerpräsident abgewählt und als SPD-Pop-Beauftragter zwischengeparkt, kommt politisch wieder in Fahrt, seitdem er das Umweltministerium übernommen hat. Er ist jung, talentiert, volksnah. Machnig, der Spin-Doctor des SPD-Bundeswahlkampfes 1998, der 2002 in die Privatwirtschaft auschecken musste, weiß, wie man aus Kandidaten Kanzler macht. Er ist klug, erfahren und schnell. Gemeinsam deklinieren sie derzeit Themen durch, die künftig noch mehr Bedeutung gewinnen werden: Energie, Umwelt, Mobilität.

Beraten Sie Gabriel auch im Hinblick auf sein Auftreten?


Nein. Ich konzentriere mich darauf, das Haus zu führen. Sigmar Gabriel und ich beraten uns darüber, wie wir Politik im Umweltministerium anlegen. Er braucht aber niemanden, der ihm sagt, welche Krawatte er tragen sollte.

Okay, die Krawattenfrage ist vielleicht nicht die bedeutendste aller Fragen.


Sie wissen: Es gibt immer auch eine kommunikative Dimension von Politik. Sie können fachlich noch so gut sein, wenn Sie es nicht kommunizieren können, haben Sie ein Problem.

Kommunikation. Machnig, 1960 im sauerländischen Soest geboren und während des Studiums im Stamokap-Flügel der Jungsozialisten gestählt, versteht von politischer Kommunikation vielleicht mehr als jeder andere Sozialdemokrat. Als Franz Müntefering 1995 Bundesgeschäftsführer der SPD wurde, holte er seinen politischen Ziehsohn in die Parteizentrale und übertrug ihm die Leitung der "Kampa", des "war-rooms" der Sozialdemokraten. Machnig organisierte einen derart modernen, "amerikanischen" Wahlkampf, als wollte er der alten Tante SPD einen Herzschrittmacher verpassen. Logos und Slogans wurden getestet, Storys in Umlauf gebracht, Auftritte choreografiert, Sprachregelungen verabredet, Spots gedreht. Machnig rotierte ohne Pause, nicht zuletzt, um sich gegen Schröders Buddys Bodo Hombach und Uwe-Carsten Heye durchzusetzen, die den Kandidaten an der Kampa vorbei vermarkten wollten. "Machnig ist der einzige Mann, den ich kenne, der sogar seine Jacketts durchschwitzt", sagt einer, der mit ihm in der Kampa gearbeitet hat.

Es heißt, sie hätten sich damals nur von Zigaretten und Handygesprächen ernährt.


Ach, das geht mir auf die Nerven. Ich bin Raucher, und ich habe jetzt mal eine Zigarette in Ihrer Anwesenheit geraucht. Und da kriegt man gleich wieder ein Label aufgeklebt.

Der Mann, der mit Labels arbeitet, will sich selbst nicht labeln lassen?


Sie haben, wenn Sie einen solchen Job machen, unglaublich viele Dinge zu erledigen und müssen schnell sein, das ist der Presse nicht verborgen geblieben.

Sie haben zeitweise privat nur ein Zimmer bewohnt. Würden Sie sich als Workaholic beschreiben?


Was ist schon ein Workaholic.

Die Antwort: Ein Mann wie Machnig. Sein Büro im Umweltministerium, vielleicht 25 Quadratmeter groß, ist rechtwinklig. Weiße Wände, grauer Teppich, die Büromöbel sind modern und funktional. An der Fensterseite zum Alexanderplatz steht ein Besprechungstisch, weiter hinten im Raum der Schreibtisch. An einer Wand hängt ein Gemälde, Typ "Junge Wilde", viel Farbe, heftiger Strich, es soll das Brandenburger Tor darstellen. Ansonsten existiert in diesem Raum nichts Persönliches. Machnig sitzt in einem schmucklosen Arbeitsgehäuse und redet in schmucklosen Sätzen. Kein Aphorismus, kein Zitat, keine Pointe. Machnig konzentriert sich auf den Gedanken, die Strategie.

Gefällt Ihnen der Begriff Spin-Doctor?


Nein.

Warum?


Ich halte ihn für falsch. Weil es diese Leute in Deutschland gar nicht gibt.

Aber das war doch genau Ihre Aufgabe: Informationen den gewünschten politischen Dreh zu verpassen.


Nein. Was wir gemacht haben ist, eine konsistente Geschichte zu erzählen - die der SPD. Ein echter Spin-Doctor, zum Beispiel Allistair Campbell, der Sprecher von Tony Blair, hat nichts anderes gemacht, als den ganzen Tag mit der Presse zu sprechen und Themen einzuordnen. Ich glaube, dass in Deutschland dieses System von Spin-Doctoren nicht funktioniert. Hier ist die Tageszeitungslandschaft sehr viel differenzierter, regionaler. Das heißt man muss mit der Vorstellung sehr vorsichtig sein, man könne in Berlin einen Stein ins Wasser fallen lassen und die Wellen würden sich über das ganze Land ausbreiten.

Ist es Ihnen trotzdem mal gelungen?


Ich glaube nicht, dass man den Wahlkampf über ein Thema gewinnt. Was wir 1998 hinbekommen haben, waren zwei Sachen. Erstens hatten wir eine Megabotschaft, und die hieß "Innovation und Gerechtigkeit". Und die war interessanterweise mit Personen verbunden. Und wir haben es geschafft, diese konsistente Linie über die einzelnen Politikfelder hinweg zu ziehen, sei es Innenpolitik, Sozialpolitik oder Wirtschaftspolitik. Das war wichtig. Zweitens haben wir es geschafft zu vermitteln, dass die SPD gewinnen will.

2002 versuchte es Machnig mit der Megabotschaft "Sicherheit im Wandel", ein Slogan, der sich mit "Innovation und Gerechtigkeit" durchaus vergleichen lässt. Beide Slogans sind geschmeidig, sie lassen sich in jeden politischen Kontext kneten. Und beide Slogans kann man zu Leinwänden hochziehen, auf die der Wähler seine eigenen Wunschvorstellungen projizieren kann. Außerdem kommunizieren sie eine widersprüchliche Botschaft: Alles wird anders, alles bleibt beim Alten. Also ändert sich gerade so viel, dass alles besser wird, aber nichts weh tut. Das hören die Menschen gerne. Gleichwohl konnte Machnig "Sicherheit im Wandel" nicht durchsetzen. Im Wahlkampf 2002 hatte er weniger Einfluss als zuvor, die SPD regierte und die Machtzentren hatten sich vervielfältigt: die Partei, die Fraktion, das Kanzleramt, alle wollten mitreden. Vielleicht versuchte Machnig diesen Bedeutungsverlust kompensieren, vielleicht wollte er auch mal auf die Bühne - in jedem Fall begann er, Interviews zu geben, auch vor der Kamera. Das sei seine "Ursünde" gewesen, sagt ein politischer Weggefährte: "In dem Moment, in dem sich ein Spin-Doctor in den Vordergrund spielt, zieht er die Aufmerksamkeit vom Kandidaten ab - und der hat das gar nicht gerne." Machnigs persönliches Verhältnis zu Schröder war ohnehin nie das Beste, ein Zerwürfnis mit Müntefering besorgte den Rest. 2002 musste der Kampagnero gehen.

Sie haben mal gesagt, in der Politik gäbe es nur "up or out". Sie waren drei Jahre "out" - also in der Privatwirtschaft.


Ich bereue das nicht. Ich habe bei der größten Unternehmensberatung der Welt gearbeitet, bei Booz Allen Hamilton, und wichtige Erfahrungen gesammelt. Aber ich bin mit einer Prämisse aus der Politik ausgeschieden: Nämlich, dass Unternehmen deutlich professioneller in der Kommunikation sind als die Politik. Diese Prämisse hat sich nicht überall bestätigt - um es vorsichtig zu formulieren.

So nah, so fern verstrich der Wahlkampf 2005. Matthias Machnig, der ehemalige Spin-Doctor Schröders, und Michael Spreng, der ehemalige Spin-Doctor Stoibers, kommentierten das Treiben für das RTL-Nachtjournal. Keine würdige Beschäftigung für zwei Ehemalige, die gerne alles andere als Ehemalige gewesen wären.

Wie schwierig ist es, komplizierte Themen auf ein 20-Sekunden-Statement im Fernsehen herunter zu brechen?


Die Sound-Bite-Gesellschaft ist nicht von Politikern erfunden worden, sondern durch Formate, die die Medien geschaffen haben.

Ist das ein Nachteil? Es bietet ja auch die Chance, eine telegene Figur wie Schröder in den Vordergrund zu spielen.


Es gehört zur Qualifikation eines Politikers, eine fachliche Kompetenz zu haben und eine kommunikative. Ein Politiker muss, wenn er eine Entscheidung getroffen hat, die Menschen mitnehmen auf seinem Weg.

Und warum ist dann Merkel Kanzlerin?


Bitte?

Warum ist dann Merkel Kanzlerin?


Weil sie es geschafft hat, das zu signalisieren, zumindest in bestimmten Milieus.

Selbst Spreng sagt, sie sei spröde, unnahbar.


Das war vielleicht im Wahlkampf so. Im Moment lese ich sehr freundliche Porträts über Frau Merkel. Sie hat einen anderen Stil, den man begrüßt. Das nehme ich erstmal zu Kenntnis. Sie besitzt eine Fähigkeit zur Integration, sie besitzt auch eine Fähigkeit, über ihre Ausstrahlung zu Ruhe und Sachlichkeit zurückzukehren.

Werden Sie der nächste Spin-Doctor von Frau Merkel?


Was noch mal?

Sie beurteilen Frau Merkel inzwischen sicher anders.


Nein. Ich habe sie nie unterschätzt, im Unterschied zu dem einen oder anderen. 2002 wäre es mit Merkel schwieriger geworden als mit Stoiber. Das war immer meine Prognose. 2005 gab es Fehler im CDU-Wahlkampf, das hat zu diesem Ergebnis geführt. Die CDU hat versucht, Politik am Reißbrett zu entwickeln und zu einem großen Alternativentwurf zu kommen - was aber gar keiner wollte in Deutschland. Was die Deutschen wollten, ist die große Koalition, das Ausbalancieren der Positionen.

Matthias Machnig hat Termine, sein Referent steht in der Tür. Es muss weitergehen. Der Emissionshandel, die Atomkraft, die Tiere, es gibt viel zu tun in den kommenden vier Jahren. Eine letzte Frage noch.

Politiker lieben die Leerformel - trägt das nicht auch zur Politikverdrossenheit bei?


Sie müssen Politik eine Chance lassen. Politik braucht Prozesse. Die Erwartung, mit jedem Gespräch sei ein Ergebnis verbunden, das nach Außen kommunizierbar sei, ist falsch. Es gibt sehr komplexe Themen. Das werden wir in den nächsten Monaten noch sehen, wenn wir über Gesundheit reden.

Drängeln die Medien zu sehr?


Es gibt diese Tendenz. Politiker haben nur noch wenige Räume, in denen sie diskutieren können. Weil viele Gremien de facto öffentlich sind, auch zum Beispiel das SPD-Präsidium. Man muss immer damit rechnen, dass daraus berichtet wird. Ich fand auch die Formel, die Müntefering am Wochenende verwendet hat, ganz wohltuend: Es gibt manchmal zu viel Pilcher. Also wenn über Psychogramme der verschiedenen Akteure geredet wird, ihr Verhältnis untereinander, und ganz wenig über die Sache.

Am nächsten Abend ist Machnig wieder bei der Sache. Er sitzt in einem dieser eleganten Vortragsräume in Berlin, eine historische Säulenhalle, deren Decke mit Milchglas abgehängt ist. Das Thema der Diskussionsrunde ist nicht das Verschwinden seltener Singvögel in urbanen Siedlungsgebieten, sondern: "Think Tanks in der Politik". Auf der Bühne, in der Pole-Position, sitzt Matthias Machnig im schwarzen Anzug. Links und rechts neben ihm jeweils ein Professor, ganz außen die Moderatoren, es sieht aus, als würde er eskortiert.

Machnig redet viel, die Veranstalter sind Politikberater, sie wollen wissen, warum es sich in Deutschland so schwer "spint". Machnig sagt, dass sich Politiker nur ungern von Externen beraten lassen, sie würden lieber alte Freunde und Weggefährten fragen. Und er sagt, dass die Berater oft nur der Logik ihrer eigenen Wissensgebiete folgen; die einen sind Wissenschaftler, andere PR-Berater oder Organisationsspezialisten. Es gäbe aber zuwenige, die all' das zusammendenken könnten.

Das Publikum lauscht. Sie wissen, dass er alles zusammendenken kann. Hier ist ein Star, einer der Großen, die drinnen und draußen waren, die überlebt und sich für die Zukunft bereits positioniert haben. Matthias Machnig sitzt wieder im Sattel. Er ist noch nicht fertig mit der Politik. Und die Politik nicht mit ihm.