STERN-PORTRÄT Fischer an der Front


Auch für Joschka Fischer ist Krieg zum Mittel der Politik geworden. Erst Bomben, dann Brot - so soll das Taliban-Regime in Afghanistan vernichtet werden. Doch die Zahl der zivilen Opfer steigt. Und in seiner Partei wächst der Widerstand gegen den Militärkurs. Aus stern Nr. 44/2001.

Es war einmal ein zorniger junger Mann, der konnte sich fürchterlich erregen über die Ungerechtigkeit auf dieser Welt, über Not, Elend und - vor allem - über den Bombenhagel, den die USA, die »Herren des Krieges«, im fernen Osten entfacht hatten.

Das war Bob Dylan Mitte der 60er Jahre. Vorsänger einer ganzen Protestgeneration. Inzwischen tritt er vor dem Papst auf und gilt als Literaturnobelpreis-würdig.

Ein anderer einst zorniger junger Mann ist mit Dylan politisch groß geworden. Die Songs hat er im Kopf. Noch immer kann er ein paar Zeilen zitieren. Aus »With God On Our Side« etwa. Darin zählt Dylan mit bitterem Spott auf, wie die Amerikaner sich stets auf Gott berufen haben, wenn sie in den Krieg zogen, gegen die Indianer, gegen die Spanier, gegen die Deutschen. Und wie diese danach schnell zu Verbündeten wurden: »Obwohl sie sechs Millionen in den Öfen verheizten/Haben jetzt auch die Deutschen Gott auf ihrer Seite.«

Der Dylan-Kenner ist Joschka Fischer. Emeritierter Straßenkämpfer und Politrabauke. Inzwischen trägt er Dreiteiler im Dienst, sondert als Außenminister nach eigener Einschätzung im Zweifel lieber »Seifenblasen schillerndster Natur« ab, ist zum beliebtesten Politiker der Republik avanciert und befindet sich momentan mal wieder im Rundum-Rettungseinsatz: für die Grünen, für die Berliner Koalition und für den Weltfrieden. Was die ersten beiden Sujets angeht, scheint er seit der Berlin-Wahl am Sonntag einen kleinen Schritt weiter. Einen klitzekleinen.

Es gab mal eine Zeit, da hätte Fischer die Dylan-Verse herangezogen, um zu zeigen, wie absurd und tausendmal aberwitzig die Vorstellung ist, die Deutschen könnten nach dem Zweiten Weltkrieg und Auschwitz jemals wieder zu den Waffen rufen. Doch in diesen Tagen, in knapp 11 000 Meter Höhe auf dem Flug nach Islamabad, nutzt er die Zeilen, um dubiose Alliierte im Kampf gegen Osama bin Laden zu rechtfertigen. »Wir waren aus amerikanischer Sicht auch mal recht merkwürdige Verbündete.«

Nach dem 11. September ist alles anders

Alles längst passe. Und nach dem 11. September 2001 ist sowieso alles anders. Bei den Grünen, bei Fischer, auf der Welt. Die Rolle der eher übel beleumdeten Partner in der Anti-Terror-Koalition gegen Osama bin Laden haben andere übernommen; Machthaber, die es mit Menschenrechten und Demokratie nicht so genau nehmen und die ein anständiger Grüner normalerweise nur mit der Kneifzange anpacken dürfte. Fischer besucht sie seit Donnerstag voriger Woche reihum, die Pakistani, die Tadschiken, die Saudis, auch die Iraner, deren Außenminister 1995 nicht nach Bonn kommen durfte, weil der Oppositionsführer Fischer eine Mehrheit im Bundestag gegen die Visite mobilisiert hatte. The Times They Are A-Changin'.

Aber das ist für die Grünen keine Zumutung mehr. Die sind inzwischen härteren Stoff gewohnt von ihrem Vormann. Die Herrschaft der Taliban in Afghanistan, daran lässt Fischer auch auf seiner Reise keinen Zweifel, wird beendet, notfalls mit noch stärkeren Angriffen. Eine Unterbrechung des Bombardements, wie es die grüne Parteichefin Claudia Roth fordert? »Der humanitäre Aspekt bedeutet, zu Ende gedacht, dass die Taliban möglichst schnell abgelöst werden müssen«, sagt Fischer. Erst dann könne dem afghanischen Volk geholfen werden.

Das ist moderne grüne Außenpolitik Fischerscher Lesart: Frieden schaffen mit (deutschen) Waffen - und dann die Menschen beim Aufbau einer neuen, besseren Ordnung unterstützen. Alternative? Gibt es nicht. »Wenn es sie gäbe, wäre ich sofort dafür«, versichert er. Intern malt er das Bedrohungsszenario sogar rabenschwarz: »Wenn die Rauschebärte Massenvernichtungswaffen in die Hände bekämen, dann würden diese Wahnsinnigen sie auch einsetzen.« Noch schluckt die Partei, was Fischer ihr vorsetzt - auch weil er sich die Grünen längst untertan gemacht hat. Friss oder stirb. Wenn ihr nicht wollt, wie ich will, bitte, kein Problem - ich kann auch anders? Guckt doch, wie ihr ohne mich auskommt, wer euch dann noch wählt.

Ganz bewusst hatte er in den Tagen nach dem 11. September streuen lassen, er könne auch zur SPD wechseln, falls die Grünen dem Regierungskurs nicht folgen. Aus Schröders Umgebung hieß es flankierend dazu, der Kanzler denke darüber nach, wie er Fischer als Außenminister halten könne, falls Rot-Grün in die Brüche geht. Alles eher unwahrscheinlich, aber eben auch nicht völlig auszuschließen.

Das war die Peitsche

Das war die Peitsche. Nun kommt das Zuckerbrot. Mehr seinen Beratern folgend als dem eigenen Triebe, bedenkt Fischer seine angesichts der näher rückenden Beteiligung der Bundeswehr immer nervöser werdende Partei mit Zuwendung, sitzt trotz der Übertragung des WM-Qualifikationsspiels gegen Finnland bis zum bitteren Ende den grünen Länderrat ab, stellt Claudia Roth nicht einmal als Feuerpausenclown bloß. Und in der »taz« versichert er: »Ich hänge an dieser Partei.«

Am vorigen Sonntag hat er sogar einen Zwischenstopp daheim eingelegt, um ja vor Ort zu sein, falls der grüne Laden nach einem Berliner Mickerergebnis auseinander kracht. Das wollte er nicht noch einmal erleben, wie im Februar 1999 nach der Hessen-Wahl: Zu Hause fliegen die Fetzen, und er juckelt in Afrika rum.

Ein sonderlich erbaulicher Abend wurde es nicht. Die FDP liegt nun in einem weiteren Bundesland vor den Grünen; zum 19. Mal in Folge haben sie bei Wahlen Stimmen verloren; die PDS, die sich in Sachen Anti-Terror-Krieg stramm pazifistisch geriert, hat stattdessen abgesahnt - und wenn alles schief geht, löst bald ein rot-roter Senat den rot-grünen ab. Schon ärgerlich, aber es hätte schlimmer kommen können. Die Verluste halten sich mit 0,8 Prozentpunkten in erträglichen Grenzen, und weil sie das Claudia Roths aufrechter, rest-pazifistischer Haltung zuschreibt, hält auch die Parteilinke still.

Mehr »Luft zum Atmen«

Fischer weiß allerdings, dass es schlimmer kommen wird. Der Konflikt ist nur aufgeschoben. Maximal bis zum grünen Parteitag am letzten Novemberwochenende, wenn nicht noch ein Wunder geschieht. Da ist, zum ersten, der Krieg. Dann kommt, zweitens, der Otto-Katalog zur inneren Sicherheit. Und nicht zuletzt die Zuwanderung. Sie bräuchten ein wenig mehr »Luft zum Atmen«, hat Parteichef Fritz Kuhn deshalb beim Kanzler um Hilfe gebeten. Doch bislang hat Innenminister Schily alle grünen Wünsche um ein paar Zugeständnisse eiskalt abgeblockt.

Zumutung über Zumutung. Jede einzelne ein Grund für aufrechte Basisgrüne, den Aufstand zu wagen. Zusammengenommen,

wissen Fischer und seine Leute, haben sie Sprengkraft: »Ändert sich nichts, wird es gefährlich für die Koalition.«

Eine Art Abschiedstour?

Gut möglich also, dass Fischer gerade eine Art Abschiedstour absolviert. Dabei ist er doch endlich wieder in seinem Element. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Einen richtigen »Kick« habe ihm die neue Herausforderung gegeben, hat die Reala Katrin Göring-Eckardt beobachtet. Gierig saugt er Informationen über den Islam auf und bringt sie an den Mann. Etwa: Wie Moses verhinderte, dass die Muslime 50 Mal am Tag beten müssen. Indem er Mohammed so oft zu Gott schickte, bis der den Herrn auf fünf Mal heruntergehandelt hat. Justament gelesen, in einer Biografie Mohammeds, in der Fischer noch nachts um halb drei im Bett in Duschanbe geschmökert hat. Das Standardwerk über die Taliban und den islamischen Fundamentalismus, das demnächst auf Deutsch erscheint, hat er bereits vor anderthalb Jahren verschlungen. Auf Englisch, natürlich.

Immer ist er schon einen Gedanken voraus, wenigstens. Andere mögen noch darüber rätseln, wie Osama bin Laden am besten zu fassen sei, Fischer ist bereits bei der Zeit danach, entwirft mal eben eine neue Weltordnung und skizziert Deutschlands Stellung darin - als Nation wie alle anderen, eingebunden in EU und Nato, mit allen Rechten und mit allen Pflichten, auch wenn?s militärische sind. Für die, die ihm nicht folgen können oder wollen, zumindest nicht so schnell, hat Joschka Fischer selten mehr übrig als Verachtung. Normalerweise verbirgt er sie nicht.

Er nicht, der sein Leben immer auf der Überholspur geführt hat, privat wie politisch. Dessen kategorischer Imperativ stets lautete: Wenn schon, denn schon. Der nicht einfach lieben kann, sondern immer gleich heiraten muss. Der den Gourmet gibt, sich auf Kohl-Size frisst - und dann auf Magersüchtigenformat schrotet. Wenn er das Laufen beginnt, dann beraten von einem der Besten der Zunft. Und wenn er Solidarität üben muss, dann eben uneingeschränkte.

Ganz am Anfang der rot-grünen Koalition, ein paar Minuten bevor es zum Schwur kam, wurde Fischer plötzlich ganz lutherisch zumute, während er im Restaurant des Bundeshauses zu Bonn auf seine Vereidigung als Außenminister wartete. »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang.«

Der grosse Reformator als Bezugspunkt. Darunter macht er es nicht. Fischer wusste da schon, was auf ihn und die rot-grüne Regierung zukommen würde: die deutsche Beteiligung am Kosovokrieg und damit das Ende der Ohne-Michel-Zeit, als die Deutschen ihre Soldaten noch vom Mitkämpfen freikaufen konnten.

»Ich kündige!«

Auch wenn er jetzt intern gelegentlich lospoltert: »Ich kündige!« und den Kanzler damit zur sofortigen Verabreichung von Schmeicheleinheiten (»Ich brauch dich doch«) treibt; auch wenn er zuweilen theatralisch die Arme hochwirft und in gespielter Verzweiflung »Warum ich? Was habe ich getan, dass mich ein ungnädiger Gott so straft?« stöhnt - Fischer würde den Job nie freiwillig hinschmeißen. Er ist sich der historischen Situation zu bewusst, in die er geraten ist - und die er zumindest heimlich auch genießt.

Außerdem: Wer sonst sollte es denn machen? Und wer könnte es? Eine »List der Geschichte« nennt es Christdemokrat Wolfgang Schäuble, dass in diesen Zeiten Rote und Grüne regieren und die Deutschen auf ihre neue Rolle in der Welt vorbereiten, statt dagegen opponieren zu können. Fischer würde das natürlich nie so sagen, aber natürlich sieht er es ähnlich.

Die Aufgaben sind klar verteilt zwischen den beiden Spitzenkoalitionären. Gerhard Schröder gibt das Tempo vor, stürmt

vorneweg und stimmt die Deutschen darauf ein, dass sie bald Militär in alle Welt entsenden müssen. Joschka Fischer liefert die

beruhigende Begleitmusik: Keine Bange, bei uns ist trotzdem keiner großmannssüchtig. Wir werden künftig nur von Konfliktfall zu Fall entscheiden, was wir können, wollen und dürfen.

Ha, da guckt ihr, was!

Aber manchmal scheint er selbst zu zweifeln, ob die Deutschen den Hang zum Extremen wirklich verloren haben. Vielleicht kennt er sich selbst auch zu gut. Die Geschichte mit Arafat ist da ein Indiz. Der Palästinenserführer hatte im August nach einem Gespräch mit Fischer angekündigt, er wolle sich mit dem israelischen Außenminister Peres treffen, am liebsten in Fischers Berliner Büro. Als die ersten US-Kommentare fragten, wieso dieser eigentlich doch recht unbedeutende deutsche Außenminister schaffe, woran die Amerikaner gescheitert waren, da beömmelte sich Fischer noch. Ha, da guckt ihr, was! Als er dann aber in den deutschen Zeitungen Hymnen auf Berlin als neues Zentrum der internationalen Politik las, da wurde ihm doch ein wenig blümerant.

Und »Vermittler« im Nahostkonflikt wollte er auch nicht genannt werden. Zierende Bescheidenheit? Nicht doch. Viel eher Vorsicht. Fischer arbeitet gern mit Netz, wenn er auf dem Drahtseil balanciert. »Das ist wie mit dem Vorsitz bei den Grünen, vor der letzten Konsequenz schreckt er zurück«, sagt einer aus der Bundestagsfraktion, der ihn gut kennt und schätzt. »Er kann dann auch nicht schuld sein, wenn es schief geht.«

Fischer überall

Auf einem der vielen Flüge dieser Tage zeigt ihm ein Fotograf eine kleine Bilder-Show auf dem Laptop. Fischer beim Shake-Hand, beim Interview, im Flieger. Aber auch Alltagsszenen aus den besuchten Städten. Eine zeigt einen Freiluft-Barbier, der den Bart eines Kunden eingeseift hat. Fertig zum Rasiertwerden.

Fischer braucht nur ein paar Zehntelsekunden, bis er losknarzt: »Da wird gerade einer vom Fundi zum Realo gemacht.«

Bei den Grünen geht das nicht so einfach. Und nicht ganz so schnell. Zumindest nicht bei allen.

Andreas Hoidn-Borchers / Mitarbeit: Tilman Gerwien, Klaus Wirtgen


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