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Porträt

Joachim Gauck: Präsident ... und Bürger Gauck

Kaum hört er auf, verneigt sich das politische Deutschland vor Joachim Gauck. Was ihn auszeichnet, warum er ein unbequemer Bundespräsident war und bis zum letzten Tag bleiben wird: Hier das große stern-Porträt.

Bundespräsident Joachim Gauck in Zittau

Keine Berührungsängste: Bundespräsident Joachim Gauck im April 2016 in Zittau

Der Bundespräsident ist ganz aufgekratzt. Er steht im Flugzeug zwischen den Sitzreihen der Journalisten, es geht von Danzig zurück nach Berlin, kurz vor Mitternacht, keine Spur davon, dass dieser Mann 74 Jahre alt ist, der Wirbel um ihm herum versetzt seinen Körper in Hochspannung. Joachim Gauck hat heute, wieder einmal, großes Aufsehen erregt. Er genießt dieses Gefühl wie ein Feierabendbier. Das beherrscht dieser Mann ja mühelos: sich selbst gut zu finden.

Eben noch saß er beim offiziellen Abendessen im Danziger Artushof. Die polnischen Gastgeber überschlugen sich geradezu vor Begeisterung über seine mutige Rede, die er am Nachmittag zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns gehalten hatte. Gauck hatte nicht nur über die Vergangenheit gesprochen und an die deutsche Schuld erinnert. Er hatte den Polen auch gezeigt, dass in Deutschland nicht nur Russlandversteher leben. Er hatte Putin, ohne ihn beim Namen zu nennen, als "Aggressor" bezeichnet und den Westen zu entschiedener Gegenwehr aufgefordert. "Wann hat ein Bundespräsident je so offen gesprochen?", wird die "FAZ" am nächsten Tag fragen.

Wenn Gauck den Kommentar hier im Flugzeug schon kennte, würde er ihn zitieren, genüsslich, Wort für Wort, als Bestätigung dafür, dass er auf dem richtigen Weg ist. Er registriert genau, was über ihn geschrieben wird. Er weiß, dass zu Hause einige ihm wieder die Pickelhaube aufsetzen und ihn als "Kriegshetzer" beschimpfen werden. Das passiert ihm in diesen Monaten öfter. Das Kriegsthema wird er so schnell nicht mehr los. Ihn stört es nicht. Er sucht ja die Auseinandersetzung über Deutschlands Rolle in der Welt. Willkommen im Ring!

Dieser Joachim Gauck provoziert ganz gern. Das hat er von seinem streitsüchtigen Vater geerbt, einem Seemann, der gern Gedichte las und zu Hause große Reden schwang. Am liebsten provoziert dieser Bundespräsident "meine Landsleute", wie er sie nennt, ihre Selbstzufriedenheit, ihre Bequemlichkeit. Er will, dass die Deutschen, die sich manchmal selbst nicht zu vertrauen scheinen, sich selbst besser verstehen.

In Danzig war er bei einer Diskussion mit deutschen und polnischen Jugendlichen gefragt worden, was die beiden Länder unterscheide. Gaucks Augen begannen sofort zu leuchten, er rückte auf seinem Stuhl nach vorn, bereit zum Angriff. Ein hochinteressantes Thema! "Die Deutschen sind eher bereit, sich mit den Herrschenden zu arrangieren als die Polen", sagte Gauck. "Die Polen habe eine große Liebe zur Freiheit. Und sie sind bereit, für diese Freiheit etwas zu riskieren." Kurze Pause. "Sie sehen, ich habe eine große Nähe zu den Polen." Manchmal wundert man sich schon, warum die Deutschen ihren Präsidenten so mögen. In den Umfragen nach den beliebtesten Politikern steht er regelmäßig ganz weit vorn.

Gaucks größte Sorge zu Beginn seiner Amtszeit war ja, Präsident zu werden und sich selbst dabei zu verlieren. Im goldenen Käfig zu sitzen, gefangen vom Protokoll, gelenkt von seinen Beamten, seiner Stärken beraubt: eigenwillig zu denken, angstfrei zu reden, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. "Ich wäre glücklich, wenn beim Präsidenten noch ein bisschen Gauck um die Ecke guckt", hatte er damals gesagt. Heute guckt ganz schön viel Gauck um die Ecke.

Bundespräsidenten hatten in der Vergangenheit vor allem rote Teppiche abzuschreiten und ein paar staatstragende Reden zu halten. Gauck jedoch mischt die politische Landschaft auf. Er nennt Nazis einfach "Spinner". Er fordert mehr Offenheit gegenüber Einwanderern und Flüchtlingen. Er kritisiert unsere "glückssüchtige Gesellschaft", die es nicht ertrage, dass es bei Militäreinsätzen "wieder deutsche Gefallene" gibt. Er zettelt eine Debatte über die Deutschen und den Krieg an. Gauck ist längst ein politischer Präsident Ein Präsident als Unruhestifter?

Ist er auch der richtige? Tut er der Republik gut? Darf er das eigentlich, der Bundespräsident, der qua Verfassung ein Mann ohne Macht ist, das gute Gewissen der Republik – entspricht es seiner Rolle, dieses Land in Unruhe zu versetzen? Jetzt, da Gauck zweieinhalb Jahre im Schloss Bellevue sitzt, also die Hälfte seiner Amtszeit hinter sich hat, stellen sich diese Fragen. Lässt sich der Mann, der in seinem Leben kein professioneller Politiker mehr werden wird, von seinen Emotionen zu falschen Sätzen und Entscheidungen hinreißen?

Denn das ist er ja zuallererst: ein offenherziger, emotionaler Mann. Wer mit dem Bundespräsidenten unterwegs ist, erlebt viele Momente mit großen Gefühlen. Das ist in der Welt der Realpolitik ungewöhnlich, hier regieren normalerweise kühler Verstand und Selbstkontrolle. Ob Gauck in Oradour-sur-Glane, einem Ort deutscher Schuld, den französischen Präsidenten in den Arm nimmt, in Delhi mit indischen Frauen über Massenvergewaltigungen diskutiert oder in Genf mit Menschenrechtsaktivisten aus Eritrea und Sri Lanka über Folter spricht – überall gelingt es ihm mühelos, die Distanz, die ein Staatsoberhaupt zwangsläufig ausstrahlt, zu überbrücken, die richtigen Worte zu finden, Anteil zu nehmen. Scheinbar wie von selbst fließen dann Emotionen, auch Tränen, selbst beim Bundespräsidenten.

Der Mann ist ein Herzensöffner. Er versteht Gefühle als Verstärker von Politik. Er glaubt, dass sie Verhärtungen aufbrechen können.

Joachim Gauck hat etwas, das seine Mitmenschen berührt. Keine besondere Eigenschaft, auch keine spezielle Begabung. Es ist Gauck. Eine gereifte, unverstellte, angstfreie Persönlichkeit. Ein Mann, dessen Leben sich mit tiefen Falten in sein Gesicht gegraben hat. Der das, was er sagt und tut, durch seine Biografie beglaubigt. Geboren in der ersten deutschen Diktatur, mitten im Weltkrieg. Groß geworden und geprägt durch die zweite deutsche Diktatur. Beteiligt an der friedlichen Revolution 1989. Das erlaubt es ihm, als Präsident "ich" zu sagen, selbst dann, wenn es um Deutschland geht. In seinem Lebensweg verdichtet sich deutsche Geschichte. Es verleiht ihm moralisches Gewicht. Und macht ihn, den ersten Ostdeutschen im Amt des Bundespräsidenten, zu einer gesamtdeutschen Figur, was bei einem Mann seiner Generation, der 40 Jahre seines Lebens in der DDR verbracht hat, nicht selbstverständlich ist. Gauck aber ist so, wie sich viele Westdeutsche einen Ostdeutschen wünschen: Er jammert nicht über die Zustände, im Gegenteil. Er lobpreist ihr System, in dem sie groß geworden sind, als Reich der Freiheit und Demokratie. Er bezeichnet den Westen als das Ziel seiner langen Sehnsucht. "Im Gemüt bin ich sicher Ostdeutscher", sagt Gauck, "im Kopf nicht." Indem sich die Westdeutschen in diesen Worten spiegeln, glauben sie, in ihrem geordneten Leben plötzlich wieder Außergewöhnlichkeit zu erkennen. Das verbindet.

Bloß nicht im Mainstream!

Seine ostdeutsche Herkunft steht ihm manchmal aber auch im Weg. "Ostdeutsche haben den zweiten Blick", hat Gauck mal gesagt. Er meint damit: Sie sind offen für Unerwartetes, freier im Denken. Das erklärt sich aus Gaucks DDR-Erfahrung, dass Mehrheiten nicht zwangsläufig recht haben. Er selbst fühlte sich früher in seiner Minderheitsposition ganz wohl. Gauck hat daraus einen Hang zur geistigen Rebellion entwickelt. Bloß nicht im Mainstream schwimmen!

Diese Haltung macht den Mann stark und unabhängig. Aber auch unberechenbar. Manchmal sagt er aus Angst vor geistiger Bequemlichkeit das Gegenteil dessen, was die Mehrheit denkt. Die NSA mit der Stasi vergleichen? Thilo Sarrazin für dessen krude Thesen beschimpfen? Die Banken für ihre Profitgier geißeln? Nicht mit Gauck, das kommt ihm zu billig vor.

Joachim Gauck fühlt sich im Schloss Bellevue längst zu Hause. Die kleine Tür, die sein Arbeitszimmer mit dem Amtszimmer des Präsidenten verbindet, öffnet sich, Gauck tritt ein, unter seinen Füßen knarrt das Parkett, er lässt sich in einen gepolsterten Stuhl fallen. Vor ihm eine Kanne mit schwarzem Tee, eine weiße Porzellanschale mit Keksen, alles sehr präsidial angeordnet, als dürfte es nicht benutzt werden. Das Amtszimmer ist riesig, man könnte sich darin verlieren.

"Wissen Sie eigentlich, dass ich zu einem Viertel Sachse bin?" Gauck, untypisch für einen Mecklenburger, legt unvermittelt los. Bloß keine Pause entstehen lassen, die den Raum mit präsidialem Weihrauch füllte. "Der Mann, von dem sich meine Großmutter Antonie hat scheiden lassen, war ein Apotheker aus Dresden. Das ist allerdings schon alles, was ich von ihm weiß. Meine Großmutter hat nie von ihm geredet. Selbst das Geheimnis, warum sie sich von ihm scheiden ließ, hat sie mit ins Grab genommen."

Gauck lächelt. Wie er da sitzt in seinem grauen Anzug, zurückgelehnt, das Gesicht entspannt, wirkt er sehr zufrieden mit sich und der Welt. Es ist Anfang März 2014, die Aufregung über seine Reden zum Krieg ist noch nicht ausgebrochen. Niemand fragt mehr, was der Präsident in seinem Schloss so macht. Er ist einfach präsent. Er hat, das ist nicht wenig, dem Amt die Autorität zurückgegeben, die seine Vorgänger Horst Köhler und Christian Wulff zerstört hatten.

"Wenn ich morgens aufstehe und mich rasiere, dann bin ich immer noch der Gauck von früher. Aber wenn ich zur Arbeit fahre, bin ich der Präsident. Dieses Amt mit all seinen Möglichkeiten und Begrenzungen anzunehmen musste ich erst lernen", sagt Gauck. "Inzwischen fühle ich mich sicher. Dieser Präsident macht keine Neben-Außenpolitik und keine Neben-Innenpolitik, er ist auch nicht für die schöne, edle Politik an sich zuständig. Ich habe noch meine eigene Meinung, aber ich vertrete sie mit Zurückhaltung. Ich repräsentiere jetzt das Land. Dabei ist es durchaus hilfreich, dass ich so alt bin, wie ich bin. Mit 40 wäre der Reiz, auszubrechen, etwas Besonderes zu wagen, wahrscheinlich größer gewesen."

Ein gelassener Joachim Gauck im Preußenschloss – kein ganz einfacher Weg bis hierhin. Die Auseinandersetzung des Bürgers Gauck mit seiner neuen Aufgabe hatte am Anfang schon leicht zwanghafte Züge. Manchmal begehrte er einfach nur deswegen auf, weil ihn das Amt einschüchterte. Die harten Reaktionen auf seine Reden haben Gauck in den ersten Monaten immer wieder verunsichert. Er wirkte gehemmt, wurde leiser, fast unsichtbar. Heute versteht er das Präsidentenamt und seine Rolle darin besser. Gauck wirkt in dem Amt – nicht, indem er gegen das Amt kämpft. Er respektiert dessen Grenzen. Und bricht sie ab und zu. Das zentrale Thema seiner Präsidentschaft, das Kreisen um Deutschland, hat er sich nicht ausgesucht, es hat sich ihm aufgedrängt, als die Quintessenz seines aufregenden, sehr deutschen Lebens.

Wer das verstehen will, muss über 60 Jahre zurückspringen, nach Wustrow, in Gaucks Heimat an der Ostsee. Am 27. Juni 1951 wurde sein Vater, ein deutsch-national gesinnter Mann, der in Hitlers Wehrmacht gekämpft hatte, vom Geburtstagstisch weg von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet. Verbannung, Gulag, Sibirien. Als der Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte, war die Welt für die Gaucks nicht mehr dieselbe wie vorher. Sie lebten in der DDR fortan in dem Bewusstsein: Nicht die Kommunisten, sondern wir sind die Anständigen im Land. Eine Welt mit klaren Zuordnungen – aber auch einem klaren Feindbild.

Joachim wurde ein aufmüpfiger Schüler, er wähnte die Moral ja auf seiner Seite. Zu Hause las er die Bücher seines Vaters, Goethe, Hesse, Rilke, er schrieb sogar selbst Gedichte. Er schloss sich weder den Jungen Pionieren noch der FDJ an. Er wollte mit den Machthabern und ihrer Weltanschauung nichts zu tun haben, und als seine Lehrer vom Faschismus erzählten, glaubte er ihnen nicht. Er musste erst ein junger Mann werden, sein Elternhaus verlassen und Theologie studieren, um in Seminaren mehr über den Holocaust zu lernen. Um zu begreifen, dass die deutsche Kultur, die er liebte, weil er ihre Bücher las und sich in ihren Gedichten verlor, nicht verhindern hatte können, dass Deutsche die Welt mit einem unvergleichlichen Massenmord überzogen. "Diese Erkenntnis", sagt Gauck später, "hat mich zutiefst erschüttert."

Vielleicht erklärt sich aus dieser Lebensgeschichte auch das etwas übertrieben wirkende Glücksgefühl des Joachim Gauck, heute im besten Deutschland zu leben, das es je gab – und seine Erkenntnis, dass das nur so bleibt, wenn sich die Bürger für diese Gesellschaft einsetzen.

"Das Leben ist mehr als nur Konsum", sagt Gauck. "Es wird schön, wenn ich mich engagiere." Er sitzt vor Schülern der Deutschen Schule in Genf und diskutiert mit ihnen über ihr Land. Er redet gern mit jungen Menschen. Er habe diesen "pädagogischen Eros", sagt er. "Ich möchte, dass die Leute etwas kapieren." Diese Schüler hier sollen kapieren, dass Deutschland mehr ist als die Schuld, die das Land auf sich geladen hat, dass die Bundesrepublik längst aus dem Schatten ihrer zwei Diktaturen herausgetreten ist. "Ihr dürft ruhig stolz sein auf euer Land, darauf, was es nach dem Ende von Krieg und Nazizeit geleistet hat" sagt Gauck. "Ich bin es auch. Ich vertraue meinem Land."

Gauck hat mit diesem Deutschland lange Zeit gehadert. Seit er jedoch erkannt hat, dass sein Land gereift, erwachsen geworden ist, möchte er, dass es sich auch wie ein Erwachsener verhält.

Der Mut zur großen Rede Als er Präsident wurde, nahm er sich vor, eine große Rede über das Selbstbild der Deutschen und ihre neue Rolle in der Welt zu halten. Er dachte, dass er erst zum Ende seiner Amtszeit den Mut dazu aufbringen würde – quasi als Bilanz seiner Präsidentschaft, als Abschlussbericht eines Mannes der Kriegsgeneration. Je öfter er jedoch ins Ausland fuhr, egal, ob nach Polen, Indien oder Frankreich, desto mehr vernahm er die Fragen seiner Gesprächspartner, warum Deutschland sich verstecke, warum es nicht mehr Verantwortung übernehme. In sein Gedächtnis eingebrannt hat sich ein Satz des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski: "Ich fürchte die deutsche Macht weniger als die deutsche Untätigkeit."

Er hielt seine Deutschlandrede früher als geplant, auf der Münchner Sicherheitskonferenz Ende Januar 2014. Er verlangte von seinem Land mehr internationales Engagement, diplomatisch, menschenrechtlich, aber auch, als letztes Mittel, militärisch. "Es gab für die Nachkriegsgenerationen gute Gründe, misstrauisch zu sein gegenüber der deutschen Staatlichkeit wie gegenüber der deutschen Gesellschaft", sagte Gauck. "Aber die Zeit dieses ganz grundsätzlichen Misstrauens, sie ist vorüber."

Hatte er zu seinem Amtsantritt nicht versprochen, ein unbequemes Staatsoberhaupt zu werden? Jetzt ist er genau das. Bei einer Veranstaltung mit Studenten im Schloss Bellevue drückte er es so aus: "Ich wünsche Ihnen keinen Präsidenten, der allen recht gibt. Dann würde ich mich selbst nicht mehr mögen."