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Strahlen-Phänomen: "Skyshine" über dem Castor-Lager

Der Castor ist unterwegs, und im Wendland geht die Angst vor Strahlung um. Hat das Atomzwischenlager etwas damit zu tun, dass dort mehr Krebsfälle auftreten und auffällig mehr Jungen geboren werden?

Von Wolfgang Metzner

Wenn Kerstin Rudek abends aus ihrem roten Backsteinhaus hinter dem Elbdeich schaut, sieht sie einen Lichtschein über dem Kiefernwald. Er kommt vom Atomzwischenlager Gorleben, und obwohl er nur von der nächtlichen Beleuchtung stammt, macht er der sechsfachen Mutter Angst.

"Wir mögen diese Gegend eigentlich total gern", sagt die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, während sie ihrer neunjährigen Tochter Zoe über den Kopf streichelt, "aber in letzter Zeit haben wir schon überlegt wegzuziehen." Zoe hat beide Augen durch einen seltenen Netzhautkrebs verloren, der auch bei der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield auftrat. Und Kerstin Rudek fragt sich immer öfter, ob das mit den Castoren zusammenhängt, die da drüben in der beleuchteten Festung stehen.

In der riesigen Halle ist es still wie in einer Kathedrale. 180 mal 40 Meter misst der Bunker, in dem 102 Castor-Behälter stehen: leuchtend rot und blau und beige auf nacktem Beton, rund sechs Meter hoch, in Viererreihen, wie die Säulen der Moderne. Mit dem gefährlichsten Müll, den die Menschheit je geschaffen hat.

Kein Stahl der Welt kann das Phänomen verhindern

Hochaktive Nuklearabfälle stecken in den 117 Tonnen schweren Kolossen, bei über 1.000 Grad in Glas gegossen. Ihre Strahlung wäre nach Sekunden tödlich, wenn sie nicht durch die 45 Zentimeter dicken Behälterwände abgeschirmt würde, die an der Außenseite bis zu 50 Grad heiß sind. Jetzt sollen weitere elf Castoren aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague in das Lager bei Gorleben transportiert werden. Das Problem nur: Aus dem Bunker kommt auch was raus.

"Skyshine" heißt das Phänomen, das bisher kaum bekannt war. Kein Stahl der Welt kann verhindern, dass Neutronen aus den Behältern entweichen, durch Beton oder Lüftungsschlitze himmelwärts wandern und von Wassermolekülen in der Luft zur Erde zurückgespiegelt werden. Und obwohl erst 102 der 420 Stellplätze belegt sind und ab 2014 zusätzlicher Nuklearmüll aus England erwartet wird, erreicht die Strahlung schon jetzt Werte, die den Experten Kopfzerbrechen machen.

"Sie müssen sich das wie eine riesengroße Wolke vorstellen, die über der Anlage liegt und hier ankommt", sagt Lutz Oelschläger, während er 80 Meter außerhalb der Halle am Waldrand steht. Der Werksleiter von der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) zeigt beruhigend auf den fünf Meter hohen Schutzwall. "Der schirmt direkte Gammastrahlung ab, aber ein Neutron kann ja überall hin, wenn es über der Halle reflektiert wird." Zum Beispiel auch zu der Sonde am Messhaus 2 direkt neben ihm. Das ist der Hot Spot, der heftigen Streit ausgelöst hat.

Zahlensalat mit "riesigen Unsicherheiten"

Zuerst registrierte der niedersächsische Landesbetrieb NLWKN dort einen Neutronenwert, der darauf hindeutete, dass die Strahlung den genehmigten Jahresgrenzwert von insgesamt 0,3 Millisievert überschreiten könnte. Deshalb maßen und rechneten fünf Institutionen nach. Ergebnis: ein Zahlensalat mit "riesigen Unsicherheiten", wie Experten einräumen. Das hinderte Landesumweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) nicht, dem Castortransport grünes Licht zu geben, nachdem seine Beamten als Jahreswert 0,233 Millisievert prognostiziert hatten, was unter dem Limit liegt.

"Eine Mauschelei", sagt Wolfgang Kallen, "aber der eigentliche Skandal ist, dass die Strahlung längst den Ort Gorleben erreicht hat." Kallen, Strahlungsexperte der Bürgerinitiative, hat gute Gründe für seine Annahme. Zahlen der GNS, mitten in Gorleben gemessen. 1998, nach Einlieferung des ersten Castor-"Sixpacks", machte die Dosis einen Sprung nach oben. "Eine Umstellung der Messtechnik", erklärt ein GNS-Ingenieur. Aber auch danach stiegen die Werte bis zum Dreifachen der ursprünglichen Zahlen an.

Reicht die Neutronen-Wolke bis in die umliegenden Dörfer, wie Verfahrenstechniker Kallen befürchtet, während Werksleiter Oelschläger das vehement bestreitet? Werden beim "Skyshine" durch Luftspiegelungen in mehreren Kilometern Entfernung sogar höhere Dosiswerte erreicht als nahe der Strahlenquelle, wie einige Forscher annehmen? Kann diese Strahlung womöglich zu verminderten Mädchen-Geburten geführt haben, über die jetzt in der Region besorgt geredet wird?

"Rein rechnerisch fehlen rund 700 Mädchen"

In einer statistischen Studie hat der Biomathematiker Hagen Scherb vom Helmholtz Zentrum München mit anderen Wissenschaftlern ausgerechnet, dass sich das Verhältnis von neu geborenen Jungen und Mädchen "signifikant" verschoben hat. Zwar gibt es naturgemäß bei Geburten eine leichte Mehrheit von Jungen, aber im Radius von 35 Kilometern um Gorleben ist der Unterschied auffällig groß: Seit 1995, als das Atomlager in Betrieb ging, kamen 10.040 Jungen, aber nur 9.169 Mädchen zur Welt. Scherb: "Rein rechnerisch fehlen rund 700 Mädchen, wenn man das mit dem Zeitraum vor 1995 vergleicht."

"Diese seltsamen Zahlen machen uns Sorgen", sagt der Gartower Pastor Ekkehard Kruse, der selbst in einem Konfirmandenkurs auf elf Jungen bloß vier Mädchen hat. Das Niedersächsische Landesgesundheitsamt hat Scherbs Berechnungen inzwischen bestätigt. Nun soll die Strahlenschutzkommission der Bundesregierung prüfen, was es mit den "verlorenen Mädchen" auf sich hat.

Denn die Helmholtz-Forscher wollen dasselbe Phänomen, allerdings abgeschwächt, auch schon in der Nähe anderer Atomanlagen entdeckt haben: in der Gemeinde Remlingen neben dem Lager Asse, um deutsche und Schweizer Kernkraftwerke und in vom Tschernobyl-Fallout besonders betroffenen Gebieten, wo auch vermehrt Totgeburten und Krebserkrankungen auftraten – Leukämie zum Beispiel, an der auch Lukas Gallei erkrankt ist.

Forscher uneinig über gefährliche Strahlendosis

Der 23-jährige Erzieher aus Vietze, einem Elbdorf bei Gorleben, bekam vor einem Jahr die niederschmetternde Diagnose. Gleich nach der Einlieferung in eine Klinik fragte ein Arzt, ob sein Vater in einer Atomanlage arbeite. Nach monatelanger Chemotherapie und Knochenmarkstransplantation kämpft er sich jetzt, rund um die Uhr an Schläuchen mit Schmerzmitteln hängend, zurück ins Leben. Und immer wieder grübelt er, ob seine Krankheit von der Lager-Strahlung kommen kann oder von Protesten, bei denen er dicht an Castoren stand.

Die Antwort hängt davon ab, wen man fragt. Die Mehrzahl der Wissenschaftler hält es für unwahrscheinlich bis ausgeschlossen, dass so schwere Schäden durch die genehmigten Emissionen von Atomanlagen entstehen können. Die Strahlung müsse um den Faktor 1.000 stärker sein, um etwa Krebs auszulösen. Falsch, sagt das andere Experten-Lager: Gerade die Niedrigstrahlung könnte besonders heimtückisch sein.

Denn gerade eine geringe Belastung könne den Abwehrmechanismus von Zellen unterlaufen. Genetische Veränderungen und Schäden an Chromosomen verursachen, die das Geschlecht bestimmen. Zu "falschen" Reparaturen führen, gerade bei der extrem fehleranfälligen Zellteilung zum Zeitpunkt der Empfängnis und bei noch schnell wachsenden Embryonen und Kindern. Das behaupten jedenfalls Mediziner wie Professor Karl Sperling, Leiter des Instituts für Humangenetik an der Berliner Charité.

"Viele Beamten haben Bauchschmerzen"

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat schon 2007 eine erhöhte Leukämierate bei Kleinkindern um Kernkraftwerke feststellt - und sieht weiteren Forschungsbedarf für fünf bis zehn Jahre. So lange möchte Sylvia Kotting-Uhl nicht warten. Die Atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag fordert, die Transporte nach Gorleben sofort einzustellen: "Es ist unverantwortlich, wenn bestehende Grenzwerte ausgereizt werden."

Auch bei den Polizisten an der Castor-Strecke wächst die Besorgnis. "Viele Beamten haben Bauchschmerzen und wollen da nicht hin", sagt Dietmar Schilff vom Bundesvorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Im vergangenen Jahr, als Greenpeace 14 Meter vom Zug entfernt eine Neutronendosis maß, die 480 mal höher als der natürliche Level war, flüchtete eine junge Beamtin mit dem Ruf "Ich will noch Kinder kriegen!" hinter einen Baum.

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