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Szenen einer Ehe: Bei Steinbrücks zu Haus

Eigentlich ist ihr Privatleben tabu: Dem stern gaben Gertrud und Peer Steinbrück Einblick in ihre Ehe. Und siehe da: Der Finanzanalytiker hat auch eine "kuschelige Seite".

Von Andreas Hoidn-Borchers und Ulrike Posche

Männer und Frauen, wir wissen es spätestens seit Loriot, passen einfach nicht zusammen. Seine Ohrensessel. Ihre weißen Wände. Seine Schiffsmodelle. Ihr Hang zum freien Raum. Ihre Lehrer-Freunde. Seine Politik-Kumpels. Und da haben wir noch nicht vom Fußball und anderen Flausen geredet. Also, warum sollte es ausgerechnet beim Kanzlerkandidaten und der Kanzlerkandidatengattin anders sein?

Peer und Gertrud Steinbrück haben es trotzdem geschafft, 38 Jahre lang verheiratet zu bleiben. Wie das klappt? "Dass wir das Spiel zwischen Distanz und Nähe ganz gut gestalten konnten, war von ganz großer Bedeutung", sagt er. "Frauen, die sich über ihre Männer definieren, das geht gar nicht", sagt sie. Und noch mal er: "Weil anders als auf Augenhöhe unsere Ehe nicht funktionieren würde. Wenn nicht jeder auch eine eigene Welt, eigene Kontakte und eigene Bestätigung hätte." Deshalb konnte er über Jahrzehnte oft erst sehr spät abends nach Hause kommen. Deshalb überstanden sie immer wieder auch Zeiten, in denen er in einer anderen Stadt arbeitete und lebte. Nur als er sie voriges Jahr mit der Nachricht überfuhr, er werde für die SPD gegen Angela Merkel kandidieren – da war sie so gar nicht begeistert. Inzwischen hat sie sich aber mit der neuen Rolle angefreundet und nennt sich selbst seine "Lenorfrau". "Da man meinem Mann immer nachsagt, er sei so harsch, habe ich gedacht, ich kann ihn ein bisschen weich spülen", sagt sie. "Er ist gar nicht so hart. Er hat auch seine kuscheligen Seiten."

Es ist ein einziges Gekabbele

Was die beiden eint, ist die gemeinsame Liebe der Sprache. Sie mögen Scherz, Satire, Ironie und schiefere Bedeutung. Und den Schlagabtausch, bei dem keiner geschont wird. Wer erlebt, wie die beiden im stern-Doppelgespräch miteinander umgehen, bekommt eine Ahnung davon, warum sie es, trotz durchaus "schwieriger Phasen" (Peer Steinbrück), so lange miteinander ausgehalten haben. Man muss das einfach mal im Original zitieren.

"Er glaubt, wo eine freie Fläche ist, muss was drauf."

"Stimmt doch gar nicht."

"Doch. Ich mag gern freie Bereiche, es muss nicht überall was draufstehen."

"Dafür hat meine Frau eine absolute Fixierung auf die Farbe Weiß. Ich hätte es gerne an den Wänden auch mal anders. Diese ewigen weißen Vorhänge! Weiße Wände! Ich finde, nur Regale sollten weiß sein."

"Wir haben eine rote Küche!"

"Ja, knallrot angestrichen."

"Aber nicht aus politischer Überzeugung, sondern weil´s schön ist."

Und so geht das in einem fort. Lobt er sich, er könne "erstklassig handwerken. Ich kann mit Holz, mit Elektrizität umgehen", kontert sie sofort: "Nun sei ehrlich! Rasenmähen tust du nicht mehr, weil das Risiko zu groß ist, dass du das Kabel durchschneidest." Nennt man sie, die radelt, den Drucker nach Gebrauch ausstöpselt und nicht über 18 Grad heizt, eine Ökostreberin, lacht er sich schlapp und prustet: "Jetzt kriegst du sie aber!" Es ist ein einziges Gekabbele. Mal liebevoll-witzig. Mal ernst. Und das Erstaunliche ist: Nicht Peer Steinbrück redet am meisten. Seine Frau ist mindestens so wortgewandt und schlagfertig wie er.

Man hat das Gefühl, einer großartigen Inszenierung einer ziemlich gut eingespielten Beziehung zusehen zu dürfen. Nur dass nichts aufgesetzt oder gespielt wirkt. Die beiden sind offenbar tatsächlich so. Ihre drei inzwischen erwachsenen Kinder mussten sich von klein auf an diese Form der familiären Kommunikation gewöhnen, an Diskussionsfreude und Ironie. "Verkehrtherum-Sprache" nannten sie das. Abgeschreckt hat es sie offenkundig nicht. Noch heute verbringt die komplette Familie Urlaube miteinander.

Ein bisschen wie bei Tarantino

Nebenbei erfährt man dann auch, dass zu den kuscheligen Seiten von Peer Steinbrück früher das Schreiben "unendlich langer, wunderbarer Briefe" gehörte, die seine Frau noch heute aufbewahrt. Dass er lieber einen schnellen Kompromiss sucht, während sie, typisch Frau, alles ausdiskutieren will. Dass sie ihren Geburtsnamen Isbary "wirklich viel schöner" findet und mal vorgeschlagen hat, man könne sich doch umbenennen, worauf er sagte: "Wenn du das von mir verlangst, lasse ich mich scheiden." Und dass er fast schon beim Antrittsbesuch im Elternhaus Isbary Reißaus genommen hätte. "Er kam zu früh. Wir schlachteten gerade den Stall (Hühner, Anm. d. Red) leer. Wir hatten Gummischürzen an, meine Mutter das lange Messer in der Hand. Peer klingelt, ich renne los, mit dieser blutbespritzten Gummischürze, meine Mutter kommt mit dem Messer..." Eine Szene wie aus einem Film von Quentin Tarantino, sagt Peer Steinbrück. "Ich dachte: Weg hier! So schnell wie möglich."

Natürlich sind diese kleinen Einblicke in ihr Privatleben eine Konzession. Der Tribut, den Gertrud Steinbrück an den Wahlkampf ihres Mannes zu entrichten bereit ist. Denn eigentlich wollte sie das Private nicht zum Politikum machen. Es sollte ihr Leben bleiben, kein öffentliches werden. Das Modell Joachim Sauer ist ihr durchaus sympathisch. Angela Merkels Mann "macht das gut", sagt sie. "Er sagt: Sie macht ihr Ding, ich meins, und dazwischen haben wir ein Privatleben, das geht keinen was an." Man ahnt, dass eine Kanzlergattin Gertrud Steinbrück ihre Rolle nicht wesentlich anders interpretieren würde.

Ach ja, die Küchenmöbel bei den Steinbrücks sind übrigens: weiß. Männer und Frauen passen eben nicht zusammen. Manchmal allerdings funktioniert es trotzdem überraschend gut.