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Terror-Festnahmen: Die Verdächtigen und ihre Hintergründe

Zwei der drei in Oberschledorn verhafteten Terrorverdächtigen waren zum Islam konvertierte Deutsche. Die Männer waren Teil einer gut vernetzten islamistischen Gruppe, die besonders im Südwesten Deutschlands aktiv ist. stern.de zeigt, wer den größten Polizeieinsatz seit 30 Jahren auslöste.

Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA) zufolge haben sich die drei festgenommenen Terror-Verdächtigen mindestens seit Ende 2006 zu einer abgeschotteten, konspirativ arbeitenden Organisationseinheit zusammengeschlossen, die dem internationalen Netzwerk gewaltbereiter islamischer Fundamentalisten zuzurechnen ist. Die drei wussten, dass sie bei ihrem Tun observiert wurden. Abhalten ließen sie sich dadurch nicht. Naivität? Oder fanatische Kaltschnäuzigkeit? Der Polizei ist das bislang ein Rätsel. stern.de zeigt die persönlichen Hintergründe der Festgenommenen - und das islamistische Fundamentalisten-Netzwerk, dem sie nach derzeitigem Ermittlungsstand angehören.

Der Anführer:

Der 28-jährige Fritz G. studierte im achten Semester Wirtschaftsingenieurwesen an den Fachhochschulen Ulm und Neu-Ulm. Neben dem Studium jobbte er oft im Laden seines Vaters, einem Betrieb für Solartechnik. Der gebürtige Münchner war mit 18 Jahren zum Islam konvertiert und verkehrte in der radikal-islamistischen Szene in Ulm/Neu-Ulm, die seit längerem im Visier der Ermittler ist. Er war Stammgast im Neu-Ulmer "Multikulturhaus" - einem wichtigen Islamisten-Treffpunkt, den das bayerische Innenministerium im Dezember 2005 schließen ließ. Die islamistische Szene verlagerte daraufhin ihren Treffpunkt in das "Islamische Informationszentrum" (IIZ) der baden-württembergischen Nachbarstadt Ulm - auch G. war zahlendes Mitglied des IIZ gewesen. Nach den Festnahmen in Oberschledorn am Dienstag wurden gegen mehrere der im IIZ verkehrenden Männer Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Von März bis Dezember 2006 hatte G. an einem Terroristen-Training in Pakistan teilgenommen. Er unterhielt engen Kontakt zur "Islamischen Jihad Union" (IJU), einer vorwiegend in Zentralasien aktiven Gruppierung, die mit der al Qaida sympathisiert. Bereits am Silvesterabend 2006 war G. den Ermittlern aufgefallen: Er soll zusammen mit zwei weiteren Verdächtigen aus der Ulmer Islamisten-Szene das Kasernengebäude der US-Basis Hutier in Hanau ausgespäht haben - eines der geplanten Anschlagsziele?

Seitdem jedenfalls zählte G. für die Polizei als "Gefährder" (der stern berichtete), wurde rund um die Uhr beobachtet. Am 6. Januar 2007, 13 Tage vor seiner geplanten Hochzeit, war G. in seiner Ulmer Wohnung von Spezialeinheiten der Polizei überwältigt worden - allerdings reichten die damals sichergestellten Indizienstücke für eine Festnahme nicht aus: Die Wohnung war noch kaum eingerichtet, nur einige Putzmittel standen herum.

Die beiden Komplizen:

Daniel S.: Der 21-jährige Deutsche, der in Neunkirchen geboren ist, lebte als Gelegenheitsarbeiter neben einer Moschee im Saarbrücker Stadtteil Dudweiler-Herrensohr. Er war vor drei Jahren zum Islam konvertiert. Innerhalb dieser drei Jahre wandelte sich der Mann aus bürgerlichem Hause zum fanatischen Anhänger des gewaltsamen Heiligen Krieges. Als Arabisch- und Koranschüler war er für einige Zeit in Ägypten gewesen. Auch er war - im August 2006 - nach Pakistan aufgebrochen, um ein Terroristen-Camp zu besuchen. Erst im Februar 2007 kehrte er von dort zurück - offenbar, um mit G. und Y. den Bombenanschlag in Deutschland vorzubereiten. Vor wenigen Wochen meldete er sich an einem Abendgymnasium in Saarbrücken an, um das Abitur nachzuholen. Er hatte die Schule in der 12. Klasse abgebrochen.

Adem Y.: Der 28-jährige Türke Y. lebte zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern in einer Mietwohnung in der hessischen Kleinstadt Langen (Kreis Offenbach). Er war ebenfalls 2006 zur Terroristen-Ausbildung nach Pakistan gereist, schickte auch andere Sympathisanten in die pakistanischen Ausbildungscamps. Von öffentlich zugänglichen Call Shops aus hielt er Kontakt zu mehreren Terrorismusverdächtigen. Wie die anderen beiden Festgenommenen plante er offenbar, bei den Anschlägen in den Märtyrertod zu gehen.

Die "Islamische Jihad Union"

Die "Islamische Jihad Union" (IJU) ist eine vorwiegend in Zentralasien aktive Gruppierung, die sich von der "Islamischen Bewegung Usbekistans" abgespalten hat. Die IJU verfolgte zunächst regionale Ziele in Usbekistan, wie etwa den Sturz des dortigen Präsidenten. Auch Bombenanschläge auf dortige US-Einrichtungen gehen auf das Konto der IJU. Zwischenzeitlich hat sie ihre Ziele und Aktivitäten im Sinne einer allgemeinen radikal-islamistischen Ideologie ausgeweitet. Sie agiert nun unter anderem auch in Mitteleuropa.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der IJU in Deutschland neben den drei Festgenommen mindestens sieben weitere Mitglieder angehören. Der Verfassungsschutz observiert diese schon seit einiger Zeit. Allerdings reichen bei manchen die bisherigen Beweise für eine Festnahme nicht aus. Andere sind abgetaucht.

Markus Wanzeck