VG-Wort Pixel

Thomas de Maizière Der Stillhalter


Den neuen Verteidigungsminister und Kanzlerin Merkel verbindet eine starke Sympathie und ihr politischer Stil. Auf Kuschelkurs jedoch steht Thomas de Maizière überhaupt nicht.
Von Hans Peter Schütz

Die alten Schlagzeilen über Thomas de Maizière signalisierten schon vor Jahren, dass er eines Tages Angela Merkel aus einer Notsituation retten würde. "Feuerwehrmann der Kanzlerin" war zu lesen, als er 2005 zum Chef des Kanzleramts von ihr berufen wurde. Oder man kürte ihn zum "Mechaniker im Machtgetriebe," als Mann, der gerne im Hintergrund im Zentrum der Politik agiert. Und zwar geräuschlos, was ihm die Schlagzeile eintrug "Der Stillhalter".

Diese Charakterisierungen sind alle zutreffend und kennzeichnen Thomas de Maizière doch nur unvollständig, der nun das Amt des Verteidigungsministers übernehmen soll. Besser man würde ihn ein Bollwerk nennen, das mit preußischer Disziplin Angela Merkel bei politischen Pannen und Notsituationen zur Verfügung steht - wie eben jetzt, da die Kanzlerin durch Karl-Theodor zu Guttenberg in äußerste politische Not gebracht worden ist.

"Ich akzeptiere keinen Absagegrund"

Es könnte sein, dass sich in diesen Tagen eine Situation wiederholte, die er schon am 15. Oktober 2005 erlebt hatte. An jenem Tag, gegen 10 Uhr am Vormittag, bot Merkel dem Mann, mit dem sie sich seit langem duzt, den Chefposten im Kanzleramt mit den Worten an: "Ich akzeptiere keinen Absagegrund, außer Du sagst wegen der drei Kinder ab!" Sie gab ihm knappe sechs Stunden Bedenkzeit. Dann sagte er zu.

Natürlich hat er nicht abgesagt. Der Mann hat eine feste politische Lebensregel: Neue Fakten erfordern neues Handeln. Jetzt ist es auch in seinen Augen vermutlich mal wieder so weit. Und über sein bisheriges politisches Leben lässt sich zudem sagen: Er fühlt sich dem Staat verpflichtet. Denn die de Maizières, Landadel aus der Nähe von Metz, flohen im 17. Jahrhundert vor religiöser Verfolgung in Frankreich nach Berlin, wo ihnen der Große Kurfürst Zuflucht bot. Das prägt bis heute das Staatsverständnis der Familie de Maizière. Für sie gilt, was anderen adeligen Familien sehr oft nur ein Sprüchlein wert ist: "Adel verpflichtet." Man hat dem Land, das Zuflucht gewährte, etwas zurückzugeben, ihm zu dienen.

Die Terrorgefahr behandelte er mit Gelassenheit

Pflichterfüllung geht vor private Interessen. Auch in diesem Fall. Denn man kann sicher sein, dass er persönlich kein Interesse daran hatte, Nachfolger zu Guttenbergs zu werden. Er hat in seiner beachtlichen politischen Karriere die Blaulicht-Fahrerei immer gehasst. Und in seinem bisherigen Job als Bundesinnenminister war er sehr zufrieden. Die Terrorgefahr behandelte er mit einer Gelassenheit, die seinen Amtsvorgängern Schily und auch Schäuble fremd war. Damals sagte er zu stern.de, was er jetzt vermutlich wiederholen würde: "Wenn man dieses Amt angeboten bekommt, kann man nicht ablehnen. Einerseits bedeutet das Pflicht und Verantwortung, aber es wird auch Spaß machen.

Die enge politische Beziehung zwischen Merkel und de Maizière begann am 18. März 1990. Damals verließ Merkel niedergeschlagen die Wahlparty des Demokratischen Aufbruchs (DA), die bei der Volkskammerwahl mit peinlichen 0,9 Prozent abgeschmiert war. De Maizière lotste sie dann zur Siegesfeier der CDU, stellte sie seinem Cousin Lothar vor und lobte ihre Pressearbeit für den DA in den höchsten Tönen. Der stellte Merkel an und der Chef der Ost-CDU machte sie schnell zur stellvertretenden Regierungssprecherin. Ihr Aufstieg begann.

"Der hängt seine Fahne nie in den Wind"

Und Merkel wiederum beobachtete genau, wie der "Wossi" de Maizière - im Westen geboren - im Osten selbst politische Karriere machte. Er diente Alt-Bundespräsident von Weizsäcker als Redenschreiber, leitete die Staatskanzleien in Schwerin und Dresden und arbeitete im Land Sachsen als Innen-, Finanz- und Justizminister. Der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf lobte ihn mit dem Satz "Der hängt seine Fahne nie in den Wind" und rühmte seine Ehrlichkeit, "auch wenn es unbequem ist." Noch schwärmerischer klingt die Laudatio dieses Mannes aus dem Mund des ehemaligen sächsischen Regierungssprechers Michael Sagurna, der einmal sagte: "Bei de Maizière kann man als Beifahrer im Auto ganz ruhig auf dem Vordersitz schlafen."

Einen solchen Weggefährten kann Merkel in ihrer schwierigen Situation nach dem abrupten, auch ihr angelasteten peinlichen Abschied zu Guttenbergs aus der Politik sehr gut gebrauchen. Dieser neue Verteidigungsminister wird gewiss nicht im Kampfanzug und in Begleitung seiner Frau wie sein Vorgänger nach Afghanistan fliegen. Aber er wird vom Umbau der Bundeswehrstruktur, der schwierigsten Aufgabe, die ihm zu Guttenberg ungelöst hinterlassen hat, gewiss nicht unterfordert sein. Denn diese Aufgabe dürfte sehr viel größere Probleme bereiten als etwa die bereits beschlossene Abschaffung der Wehrpflicht.

Ja-Sagerei verbietet sich

Für diese gewiss sehr schwierige Aufgabe bringt de Maizière bessere Tugenden mit, als dies bei Guttenberg der Fall war. "Loyalität ist natürlich extrem wichtig," sagte de Maizière einmal zu stern.de. "Dazu gehört aber auch interne Kritik. Ja-Sagerei verbietet sich. Dann zähle auch Verlässlichkeit." Mehr noch zählt für ihn: "Vor allem aber muss man Konfliktfähigkeit haben: Man streitet, dann findet man einen Kompromiss, dann muss man aber dazu stehen."

Im Verteidigungsministerium wird man sich umstellen müssen. Der neue Chef nennt "Ungeduld" eine "massive Schwäche" seines Charakters. "Vor allem wenn Leute, die eigentlich gut sind, törichtes Zeug erzählen." Als sein besonderes Talent räumt er ein, er sei in der Lage, die Dinge sehr schnell gedanklich zu strukturieren. Das geschieht bei ihm nach einem festen Prinzip: "Ich denke in Strukturen. Wie müsste es sein, wenn es richtig wäre. So muss man anfangen, erst dann darf man anfangen, Kompromisse zu machen." Auch an anderer Stelle wird man bei der Bundeswehr ebenfalls umdenken müssen. PR-Aktionen, wie zu Guttenberg sie in Perfektion immer wieder geboten hat, wird es mit diesem neuen Minister nicht geben. Die Rolle der Grauen Eminenz hasst er: "Grau ist keine schöne Farbe. Der größte Erfolg für mich kann manchmal sein, etwas verhindert zu haben, was dann nicht in der Zeitung steht. Man muss bereit sein, dass die eigenen Ideen von anderen verkauft werden."

Er erobert lieber Hirne als Herzen

Womit der wichtigste Unterschied zwischen dem neuen und dem alten Bundesminister feststeht: Er erobert lieber Hirne als Herzen. Das gefällt nicht allen, die mit diesem Mann zu tun haben. Stand etwa der einstige Innenminister de Maizière während einer Kabinettssitzung auf, wussten die Kollegen: Jetzt nervt er uns wieder. Denn dann schritt de Maizière zu dem Tischchen, auf dem die Juristenschmöker Schönfelder und Sartorius lagen, blätterte schnell darin und sagte dann: "Rechtlich gesehen, ist das wie folgt..." Er hasst Diskussionen auf der Basis "Nichts Genaues weiß man nicht."

Dieser Mann denkt in Strukturen, besitzt Gespür für die Macht und den richtigen Zeitpunkt und hat es während der Großen Koalition meisterhaft verstanden, politische Positionen Merkels auch der SPD beizubringen, ohne dass die sogleich die Machtfrage zu stellen wagte. Merkel hat jetzt den Besten für die Nachfolge Guttenbergs geholt, den sie bekommen konnte. Handwerklich ist er als langjähriger Maschinist im politischen Geschäft glänzend vorbereitet. Rückendeckung in der CDU/CSU-Fraktion besitzt er reichlich, denn Fraktionschef Volker Kauder ist sein Freund und nennt ihn gerne eine "politische Allzweckwaffe." Allerdings eine, die sich von der Kanzlerin nicht für jedes Machtziel einsetzen lässt. Im ernsten Konfliktfall wird er ihr sagen: Das geht so nicht, liebe Angela!"

Auch in diesem Punkt gibt Kurt Biedenkopf gerne den Kronzeugen. Als sie de Maizière zum Kanzleramtsminister machte, sagte er, jetzt sitze ein 17. Mitglied mit am Kabinettstisch - "die Wirklichkeit". De Maizière selbst sagt über sich: "Wir haben einen erfrischenden Zugang zu den Problemen. Wenn ein Zugang scheitert, suchen wir uns einen neuen." Er könnte bei der Bundeswehr unter dieser Voraussetzung alsbald überaus beschäftigt sein.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker