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Schleswig-Holstein Eine Home-Story als Fehler? Die Gründe für Torsten Albigs Scheitern

Noch-Ministerpräsident Torsten Albig von der SPD muss sein Amt in Schleswig-Holstein wohl abgeben
Noch-Ministerpräsident Torsten Albig von der SPD muss sein Amt in Schleswig-Holstein wohl abgeben
© Carsten Rehder/DPA
Nach der krachenden Niederlage für SPD-Ministerpräsident Torsten Albig bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein sucht seine Partei nach den Ursachen für den Absturz. Die dürften eher in Kiel als in Berlin zu finden sein.

Das hatte er sich ganz anders vorgestellt. Noch bei seiner Stimmabgabe am Wahltag gab sich Torsten Albig, der Noch-SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, siegessicher: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir gewinnen, weil alle Umfragen bei den letzten Landtagswahlen immer falsch waren - und zwar frappierend falsch."

Um 18 Uhr zeigte sich: Torsten Albig lag falsch, frappierend falsch. Seine Partei sackte ab, von über 30 auf rund 27 Prozent, sie liegt damit fünf Prozentpunkte hinter der CDU von Newcomer Daniel Günther. Das dürfte das Ende für die SPD-geführte Landesregierung und damit auch für Albigs Zeit in der Kieler Staatskanzlei bedeuten. Auch die jüngste Äußerung von FDP-Spitzenkandidat Wolfgang Kubicki legt das nahe. Er schloss am Morgen nach der Wahl eine Ampel-Koalition unter dem bisherigen Ministerpräsidenten aus. Auch insgesamt tendiere die Wahrscheinlichkeit einer Ampel aus SPD, Grünen und FDP gegen null, sagte der mögliche Königsmacher Kubicki.

SPD-Verluste liegen womöglich auch an Albig selbst

Dass die SPD nach nur einer Legislaturperiode wahrscheinlich wieder aus der Regierung fliegt, liegt womöglich auch an Albig selbst.

Normalerweise ist bei Wahlen immer vom Amtsbonus die Rede, der dem aktuellen Regierungschef im Endspurt noch zu den entscheidenden Prozentpunkten verhelfen soll - eine Inszenierung als sich kümmernder Landesvater hilft dabei. Das Spiel beherrscht Albig, er ist PR-Profi. Auch die Umfragen vor den Wahlen schienen ihm Recht zu geben: Zwar sackte seine Partei in den Wochen vor der Wahl ab; bei der Frage, wen die Menschen lieber als Ministerpräsidenten hätten, lag Albig zuletzt jedoch immer noch knapp vor seinem Herausforderer.

Irgendetwas muss also für Albig so schief gelaufen sein, dass sich die Schleswig-Holsteiner am Wahltag gegen ihn und für Daniel Günther als Ministerpräsidenten entschieden. 30.000 Stimmen von Nichtwählern konnte die SPD hinzugewinnen, gleichzeitig verlor die Partei aber 24.000 Stimmen an die CDU und stolze 15.000 an die FDP von Charismatiker Kubicki. Der Blick auf die Zahlen von Infratest-Dimap zeigt auch, dass die Sozialdemokraten nur bei den 16- bis 34-jährigen Wählern die Nase vorne hatten, ältere fühlten sich offenbar von der SPD weniger angesprochen.

Inszenierung als Landesvater half Torsten Albig nicht

Vielleicht war die Inszenierung als Landesvater am Ende doch etwas zu viel des Guten, vielleicht menschelte es doch etwas zu viel. Immerhin wussten Beobachter, dass Albig eigentlich nicht der Typ ist, der gerne im Rampenlicht steht. Dass er es dann doch oft widerwillig tat, mag an seiner Glaubwürdigkeit gekratzt haben. Auch die Einmischung in die Bundespolitik und seine Empfehlung an seine Partei, ohne eigenen Spitzenkandidaten in den Bundestagswahl gegen Angela Merkel zu gehen, dürfte den einen oder anderen SPD-Anhänger verprellt haben.

Zum PR-Desaster geriet ein Interview, das Albig kürzlich der Illustrierten "Bunte" gab. Hierin hielt er seiner Noch-Ehefrau vor, sich als Hausfrau nicht mit ihm auf "Augenhöhe" austauschen zu können. Das sorgte auch beim beliebten Grünen-Umweltminister Robert Habeck für öffentliches Kopfschütteln und half ihm dabei, sich von der SPD zu emanzipieren. Der ehemalige Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) sagte gegenüber den "Kieler Nachrichten": "Albig hat schwere Fehler gemacht. Das 'Bunte'-Interview war unerhört." CDU-Kandidat Günther verzichtete dagegen komplett auf Home-Storys, das honorierten die Wähler in Schleswig-Holstein möglicherweise. Günther agierte im Wahlkampf ruhig, sachlich und zielstrebig.

Falsche Themen nach vorne gestellt

Als weiterer Grund für die Niederlage Albigs kann die Themensetzung gelten: Den Schleswig-Holsteinern geht es verhältnismäßig gut, die soziale Gerechtigkeit ganz nach vorne zu stellen, war womöglich der falsche Weg. Auch der von Albig propagierte Abschiebestopp für Afghanen in ihre Heimat war kein Thema, mit dem sich in dem Land zwischen den Meeren punkten ließ. Stattdessen sahen die Menschen die Bildungspolitik als das wichtigste Thema an, wie bei so vielen Landtagswahlen. Ausgerechnet hier stellte sich die Küstenkoalition gegen die überwiegende Mehrheit der Schleswig-Holsteiner: Rund drei Viertel der Wähler wollten eine Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren, Albig hingegen hielt am umstrittenen G8-Konzept fest, das ursprünglich ausgerechnet die CDU in Schleswig-Holstein etabliert hatte.

So scheint es nicht nur die eine Ursache für das Scheitern des Ministerpräsidenten zu geben, vielmehr ist es ein diffuser Mix aus vermeintlichen Kleinigkeiten: Starke, charismatische Konkurrenz bei den kleineren Parteien, ein Hauptkonkurrent, der sich nicht verbiegen ließ, verbesserungswürdige Öffentlichkeitsarbeit und falsch gesetzte Prioritäten dürften mit dafür verantwortlich sein, dass der Wahlabend so ganz anders verlief, als es sich Torsten Albig vorgestellt hatte.


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