Trauer Publizist Peter Glotz ist tot


Der Medienwissenschaftler und frühere SPD-Politiker Peter Glotz ist nach kurzer, schwerer Krankheit in der Schweiz verstorben.

Ein Sprecher der bayerischen SPD bestätigte in München, dass der 66-Jährige am Donnerstag nach kurzer schwerer Krankheit in einem Züricher Krankenhaus gestorben ist. Seine zweite Frau Felicitas Walch, mit der Glotz seit 1991 verheiratet war und einen siebenjährigen Sohn hat, sei bei ihm gewesen.

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat die Verdienste des am Donnerstag gestorbenen Peter Glotz für die deutsche Sozialdemokratie gewürdigt. "Sein kritischer Geist und seine wache Aufmerksamkeit seiner Partei gegenüber werden uns sehr fehlen", sagte Müntefering. Das Lebenswerk des früheren SPD- Bundesgeschäftsführers - 44 Jahre lang Sozialdemokrat - sei "beeindruckend" gewesen. Müntefering: "Er verband politische Leidenschaft mit Intellektualität. Er hat Wissenschaft in politische und gesellschaftliche Praxis übersetzt und umgekehrt. Er blieb dabei Politiker und verharrte nicht in der 'reinen Lehre'."

Die letzten Jahre hatte sich Peter Glotz in die Schweiz zurückgezogen, wo er in St. Gallen einen Lehrstuhl für Medien und Gesellschaft innehatte. Doch auch im laufenden Wahlkampf meldete er sich immer wieder zu Wort, oft quer zum Kurs seiner SPD, als deren "Intellektueller vom Dienst" er jahrzehntelang galt. Als irrlichternd ruhelos empfanden ihn die einen, andere lobten uneingeschränkt seinen Reformeifer. Tatsächlich gleicht das Leben des Peter Glotz einem Kaleidoskop aus vielen bunten Teilen, wenn auch die Farbe rot vorherrscht. Nie ließ er sich lang an eine Aufgabe binden, die längste Dienstzeit verbrachte er als Bundesgeschäftsführer der SPD in den Jahren von 1981 bis 1987. Es war sein einflussreichstes Amt, und er stand damals an der Seite von Willy Brandt, des herausragenden unter den Nachkriegsvorsitzenden der deutschen Sozialdemokraten. 1993/94 gehörte Glotz dem Wahlkampfteam um Rudolf Scharping (SPD) an und war für die Bereiche Forschung, Bildung und Kultur in dessen Schattenkabinett zuständig.

Ein Mann Brandts

Dass der brillante Analytiker und Theoretiker nach dem Studium der Zeitungswissenschaften, Philosophie, Germanistik und Soziologie eine Hochschulkarriere ausschlug, in die Bundespolitik ging und schließlich dienend als Funktionär für die SPD Kärrnerarbeit leistete, lag sicher auch an dem Charisma Brandts. "Ich bin ein Mann Brandts gewesen und werde es bleiben", sagte Glotz, als er sich zusammen mit dem Chef im Juni 1987 aus der Parteispitze zurückzog. Davor und danach verbrachte der begnadete Polemiker und "Aufklärer aus Passion" rund 17 Jahre im Bundestag, drängte seine Partei - den "unbeweglichen Tanker", wie er sie nannte, - zu programmatischer und organisatorischer Erneuerung, wirkte kurze Zeit als Wissenschaftssenator in Berlin, drei Jahre als Rektor der wieder gegründeten Universität Erfurt und machte sich vor allem als medienpolitischer Experte einen Namen. Von der Partei wurde er als Argumentationskünstler bewundert und bestaunt, "aber man liebt ihn nicht", schrieb in den 80er Jahren der "Rheinische Merkur".

Das war in der Tat das Dilemma des Politikers Glotz. Immer wieder versuchte er, in der bayerischen SPD Fuß zu fassen, dort die Führung zu übernehmen. Immer wieder scheiterte er. Seine intellektuelle Überlegenheit war den bayerischen Genossen immer schon suspekt. Mitte Juni 1996 kündigte Glotz sein Ausscheiden aus der aktiven Politik an. Im selben Jahr übernahm er als Gründigungsdirektor der Universität Erfurt den Wiederaufbau der 1379 gegründeten Hochschule. 1999 verließ er die thüringische Hauptstadt und folgte einem Ruf als Ständiger Gastprofessor an die Universität St. Gallen. Peter Glotz, der am 9. März 1939 im böhmischen Eger geboren wurde und als Kind mit der Familie nach Bayern flüchtete, hatte in den letzten Jahren nur noch ein politisches Herzensanliegen: das von ihm zusammen mit Vertriebenenverbandschefin Erika Steinbach (CDU) erdachte und höchst umstrittene "Zentrum gegen Vertreibungen". Er wolle "die Vertriebenenverbände aus der rechten Ecke herausholen", sagte er und rief zusammen mit anderen prominenten Vertriebenen zum Verzicht auf Entschädigungsforderungen an die osteuropäischen Nachbarstaaten auf.

DPA/Reuters/AP AP DPA Reuters

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